Testen, testen, testen — und intern wissen, dass es nichts bringt

Ein Papier kommt vom Minister. Die Wissenschaft wird nachträglich informiert. Die Protokolle zeigen, wie aus politischen Vorgaben wissenschaftliche Empfehlungen wurden.

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Foto: Mufid Majnun / Unsplash

Testen, testen, testen — und intern wissen, dass es nichts bringt

Damals Schwurbelei — heute Akte

Es gibt Sätze, die man nicht vergisst. "Testen, testen, testen" war einer davon. Drei Worte, die im Frühjahr 2020 zur Blaupause der deutschen Pandemiepolitik wurden — zur moralischen Pflicht, zum Sicherheitsversprechen, zur Begründung für Milliarden an Steuergeldern.

Heute liegen die Protokolle vor. Und darin steht, was intern längst bekannt war.

Damals: Das Papier kommt von oben

22. April 2020. Im RKI-Krisenstab wird protokolliert:

Papier „Testen, testen, testen" kommt von Jens Spahn. Die Arbeitsebene wurde vorab nicht stark eingebunden.

Ein Konzept, das Deutschland prägen sollte — entstanden nicht aus wissenschaftlicher Debatte, sondern aus dem Büro des Gesundheitsministers. Die Fachleute: nachträglich informiert.

Kein Einzelfall. Am 31. August 2020 kommt die nächste Idee aus dem Ministerium: die virologische Surveillance mittels Schnelltests stark ausbauen. Die Einschätzung des Krisenstabs, protokolliert und belegt:

„Dies erscheint nicht sinnvoll."

Nicht sinnvoll. Intern. Öffentlich: Testpflicht, Testzentren, Testnachweise für den Friseurbesuch.

Der blinde Fleck: anlasslose Tests

Es gibt einen Begriff, der in der öffentlichen Debatte kaum vorkam: anlasslose Testung. Gemeint sind Tests ohne konkreten Verdacht, ohne Symptome, ohne Kontakt zu Infizierten — Tests nur um des Testens willen.

Die RKI-Protokolle sind in diesem Punkt ungewöhnlich klar. Eintrag vom 8. September 2020:

„Anlasslose Testungen sind irreführend und daher nicht sinnvoll."

Drei Wochen später, 29. September 2020, wird das noch deutlicher:

„Das Testen auf SARS-CoV-2 ohne Anlass führt zu irreführenden Ergebnissen und sollte daher vermieden werden."

Das RKI, das nach außen als wissenschaftliche Rechtfertigung der Teststrategie galt, hielt intern fest: diese Strategie ist irreführend.

Damals Schwurbelei — heute Akte

Damals öffentlich Gleichzeitig intern
„Testen, testen, testen" (Spahn, April 2020) „Arbeitsebene nicht stark eingebunden" (RKI-Protokoll, 22.4.2020)
Massenausbau der Schnelltests gefordert „Erscheint nicht sinnvoll" (RKI-Protokoll, 31.8.2020)
Bürgertests als Sicherheitsnetz „Anlasslose Tests sind irreführend" (RKI-Protokoll, 8.9.2020)
Testpflicht in Schulen, Betrieben, Gastronomie Interne Kritik bleibt unveröffentlicht

Wer im Jahr 2020 sagte, die Teststrategie sei nicht wissenschaftlich begründet, wurde als Verharmloser bezeichnet. Wer fragte, ob anlasslose Massentests sinnvoll seien, galt als gefährlich.

Die Protokolle zeigen: Diese Fragen wurden intern gestellt. Und sie blieben intern.

Das Geschäft mit dem Test

Was öffentlich als Gesundheitsschutz verkauft wurde, wurde privatwirtschaftlich abgewickelt. Die Testinfrastruktur, die 2020 und 2021 aufgebaut wurde, kostete Milliarden. Teile davon wurden von privaten Anbietern betrieben, deren Abrechnungen später zum Gegenstand staatsanwaltschaftlicher Ermittlungen wurden.

Der Bundesrechnungshof kritisierte das Beschaffungsmanagement des damaligen Gesundheitsministeriums in mehreren Berichten. Masken wurden zu überhöhten Preisen beschafft, Verträge ohne ordentliche Ausschreibung vergeben.

Das ist eine andere Akte — aber sie gehört zum selben Kapitel.

Was bleibt

Die RKI-Protokolle wurden nicht freiwillig herausgegeben. Ein Journalist musste sie einklagen — gegen monatelangen Widerstand. Das Gericht entschied: Die Öffentlichkeit hat ein Recht auf diese Dokumente.

Nicht weil sie eine Verschwörung belegen. Sondern weil sie zeigen, wie Entscheidungen in einer Krise getroffen wurden — wer sprach, wer schwieg, und wer intern sagte, was extern nicht gesagt werden durfte.

Das ist keine Anklage. Es ist eine Einladung zur ehrlichen Betrachtung: Wie wollen wir in der nächsten Krise entscheiden? Und wessen Stimmen sollen dabei gehört werden?

Die Dokumente liegen vor. Die Fragen stellen sich jetzt — nicht um Schuldige zu suchen, sondern um zu verstehen. Und damit beim nächsten Mal besser.

Primärquellen: RKI-Krisenstab-Protokolle (veröffentlicht März 2024 nach Gerichtsurteil, FragDenStaat); Bundesrechnungshof-Berichte zur Pandemiebeschaffung; RKI-Wochenbericht Surveillance