100 Tage bis zur Spritze
Eine internationale Initiative will Impfstoffe in 100 Tagen entwickeln, testen und zulassen. Was verändert sich, wenn man die Zeit auf ein Fünfzehntel kürzt?
100 Tage bis zur Spritze — Die nächste Pandemie kommt, der Impfstoff auch
Das Versprechen
Stellen Sie sich vor, Ihr Arzt sagt: „Wir haben ein neues Medikament für Sie. Die Prüfung hat drei Monate gedauert statt der üblichen zwölf Jahre. Aber machen Sie sich keine Sorgen."
Genau das planen führende Regierungen und internationale Organisationen — nicht als Ausnahme, sondern als neuen Standard.
Seit 2022 verfolgt die Coalition for Epidemic Preparedness Innovations (CEPI), eine Partnerschaft aus öffentlichen, privaten und philanthropischen Organisationen, das Ziel, bei der nächsten Pandemie innerhalb von 100 Tagen einen einsatzbereiten Impfstoff zu entwickeln, zu testen und für die Erstzulassung vorzubereiten.1 Die Unterstützung kommt von G7, G20 und zahlreichen Regierungen. Japan hat allein zwei Milliarden Dollar in diesen Plan investiert.2
Die Logik klingt bestechend: Beim Coronavirus dauerte es 326 Tage bis zum ersten zugelassenen Impfstoff. Das war, so die Argumentation, bereits zu lang. Hätte man im April 2020 impfen können, wären laut einer Modellierungsstudie des Imperial College London 8,3 Millionen Todesfälle vermeidbar gewesen.3
Hätte. Wenn. Könnte.
Wie lange dauert Impfstoffentwicklung — und warum?
Ein Impfstoff ist kein Erkältungsmittel. Die klassische Entwicklung dauert zwischen 8 und 15 Jahren — und das aus gutem Grund.
Man könnte es so erklären: Das Immunsystem ist wie ein misstrauischer Türsteher. Man muss ihm zeigen, dass ein neuer Gast harmlos ist — und zwar über Wochen, Monate, manchmal Jahre. Manche Nebenwirkungen treten erst nach sechs Monaten auf. Manche erst nach Jahren. Manche betreffen bestimmte Gruppen: Schwangere, ältere Menschen, Kinder mit Vorerkrankungen. Um das herauszufinden, braucht man Zeit und viele Teilnehmer.
Die Covid-Impfstoffe haben diesen Weg auf 326 Tage komprimiert — durch sogenannte Teleskopierung: Die Studienphasen wurden parallelisiert, also nicht mehr nacheinander abgearbeitet, sondern gleichzeitig begonnen, sobald erste Sicherheitsdaten vorlagen.4 Das war neu. Es war auch das Ergebnis eines globalen Notfalls mit täglich Tausenden Toten.
Der 100-Tage-Plan will nun 326 Tage halbieren — und das bereits vor dem nächsten Ausbruch als Normalzustand institutionalisieren.
Was bedeutet das konkret?
CEPI beschreibt fünf Voraussetzungen für die 100-Tage-Mission5:
Eine Bibliothek von Prototyp-Impfstoffen für bekannte Erreger-Familien. Globale klinische Studiennetzwerke mit vorab rekrutierten Teilnehmergruppen. Schnellere Messverfahren für Immunantworten statt langer Beobachtungszeiträume. Vorgefertigte Herstellungskapazitäten. Frühe Charakterisierung neuer Erreger.
Der entscheidende Satz findet sich in einer Bundestags-Drucksache, die das CEPI-Konzept zusammenfasst: Das Ziel lässt sich erreichen durch „Straffung und Verkürzung in jeder Phase sowie durch Überdenken der Art und Weise, wie wir die Sicherheit und Wirksamkeit von Notfall-Gegenmaßnahmen feststellen."6
„Überdenken, wie wir Sicherheit feststellen."
Das ist keine wissenschaftliche Aussage. Das ist eine regulatorische Ansage.
Damals war es Ausnahme — heute soll es Standard werden
Damals: Die Beschleunigung der Covid-Impfstoffe wurde als historische Ausnahme unter extremen Bedingungen gerechtfertigt — weltweiter Notstand, Millionen Tote, kollabierte Gesundheitssysteme.
Heute: Dieselbe Beschleunigung soll als Blaupause für jede künftige Pandemie gelten — noch bevor bekannt ist, wie gefährlich der nächste Erreger tatsächlich sein wird.
Die Covid-Impfstoffe brauchten 326 Tage. Schon damals entstanden Fragen, die bis heute offen sind: Warum wurden bestimmte Signale aus dem Zulassungsprozess erst durch Akteneinsichtsklagen bekannt? Warum brauchte es Jahre, bis Myokarditis als Nebenwirkung offiziell anerkannt wurde? Warum zeigte sich die tatsächliche Wirkungsdauer erst nachträglich als kürzer als beworben?
Mit 100 Tagen hätten wir noch weniger gewusst.
Das institutionelle Gefüge
CEPI ist keine Behörde. Sie ist eine privatrechtliche Partnerschaft, gegründet 2017, finanziert durch Regierungen, die Bill & Melinda Gates Foundation und den Wellcome Trust. Die Organisation sitzt in Oslo, unterliegt keiner klassischen parlamentarischen Kontrolle und entscheidet über die Vergabe von Milliarden in Impfstoff-Entwicklung.7
Parallel dazu hat Deutschland im November 2025 das Gesetz zur Anpassung der Internationalen Gesundheitsvorschriften (IGV) der WHO verabschiedet. Die IGV-Änderungen — darunter der neue Begriff „pandemische Notlage" — traten am 19. September 2025 völkerrechtlich in Kraft.8 Die Bundesregierung selbst schrieb in der Gesetzesbegründung, es gebe „keine Alternative" zu diesem Gesetz, da die Änderungen „umfassend und grundlegender Art" seien.9
Eine Frage bleibt: Wer entscheidet, wann eine „pandemische Notlage" vorliegt, die den 100-Tage-Mechanismus auslöst?
Was die Wissenschaft dazu sagt
Der Grundsatz „Primum non nocere" — zuerst nicht schaden — ist kein Fanatismus. Er ist das Fundament jeder Medizin.
Eine Schäden-Nutzen-Abwägung setzt voraus, dass man beide Seiten kennt. Bei einem 100-Tage-Impfstoff gegen einen unbekannten Erreger kennt man den Schaden des Erregers noch nicht — und kennt den Schaden des Impfstoffs erst recht nicht.
Ein führender Wissenschaftsjournalist aus dem Springer-Verlag formulierte es neutral: Schnelle Entwicklungszeiten sind vor allem durch maximale Parallelisierung der klinischen Phasen möglich. Man geht direkt in die nächste Phase über, „wenn wichtige Informationen — etwa zur Sicherheit des Impfstoffs — da sind."10
Die Frage, die dieser Satz offenlässt: Was gilt als „wichtig"? Und wer entscheidet das — in 100 Tagen?
Warum das relevant ist
Das hier ist keine Spekulation über Böswilligkeit. Es ist eine legitime institutionelle Frage:
Wenn wir aus der Corona-Zeit gelernt haben, dass Zulassungsprozesse unter Druck zu Informationslücken führen können — warum beschleunigen wir dann noch weiter, ohne zuvor diese Lücken geschlossen zu haben?
Wenn wir aus dem Post-Vac-Syndrom gelernt haben, dass Langzeitfolgen Zeit brauchen, um sichtbar zu werden — warum verkürzen wir dann den Beobachtungszeitraum weiter?
Wenn wir gelernt haben, dass die Kommunikation über Wirksamkeit und Risiken verbesserungswürdig war — warum zieht die Schlussfolgerung dann in Richtung Geschwindigkeit statt in Richtung Gründlichkeit?
Diese Fragen stellen keine Ablehnung von Impfstoffen dar. Sie stellen das dar, was Wissenschaft eigentlich ist: legitime Nachfrage nach Evidenz.
Was bleibt
Die 100-Tage-Mission wird als „Mondflug der Medizin" bezeichnet. Vielleicht ist das der richtige Vergleich — denn beim Mondflug wusste man im Voraus genau, wohin man will, und hatte die Physik auf seiner Seite.
Bei einem unbekannten Erreger, einem neuen Impfstoff und einem Körper, der beides noch nie gesehen hat, ist die Ausgangslage eine andere.
Gut gemeint und gut gemacht sind zwei verschiedene Dinge.
Die Strukturen werden jetzt gebaut. Die Fragen sollten jetzt gestellt werden — nicht nach dem nächsten Ausbruch.
Fußnoten
- CEPI (Coalition for Epidemic Preparedness Innovations): „100 Days Mission". Offizielle CEPI-Website, cepi.net/100-days-mission (abgerufen Juni 2026). Beschreibt das Ziel, innerhalb von 100 Tagen einen Impfstoff zur Erstzulassung zu bringen. ↩
- Mallapaty, S.: „Japan's $2-Billion Initiative to Prepare Vaccines in 100 Days." Nature, 2022, Vol. 610, S. 20. Japans milliardenschweres Programm zur Unterstützung der 100-Tage-Mission. ↩
- Barnsley et al.: „Impact of the 100 days mission for vaccines on COVID-19: A mathematical modelling study." The Lancet, 2024, Vol. 12. Studie des Imperial College London im Auftrag von CEPI zur Modellierung vermeidbarer Todesfälle. ↩
- Springer Nature: „Schnelle und sichere Impfstoffe gegen potenziell pandemische Viren — können wir uns darauf verlassen?" In: Sachbuch Impfstoffe, Springer 2022. Erläutert das Prinzip der Teleskopierung — parallele Durchführung klinischer Studienphasen. ↩
- CEPI 2022–2026 Strategy, Version 3. Offizielles Strategiedokument, beschreibt die fünf Hauptelemente der 100-Tage-Mission. ↩
- Deutscher Bundestag, Wissenschaftliche Dienste: „Neue Pandemie-Impfstoffe in 100 Tagen — Was ist dafür notwendig?" Bundestags-Drucksache, 2022. Bundestag.de. Enthält wörtlich das Ziel der „Verkürzung" und des „Überdenkens" der Sicherheitsfeststellung. ↩
- CEPI: „CEPI 2.0 and the 100 Days Mission." cepi.net. Beschreibt Trägerschaft und Finanzierungsstruktur der Initiative. ↩
- Bundestag, Pressemitteilung (hib/PK): „Einführung des Begriffs 'pandemische Notlage'." September 2025. Bundestag.de. Berichtet über den Gesetzentwurf zur innerstaatlichen Umsetzung der IGV-Änderungen. ↩
- Deutsches Ärzteblatt: „Bundestag verabschiedet Anpassung der Internationalen Gesundheitsvorschriften." 7. November 2025. Aerzteblatt.de. Zitiert Gesundheitsministerin Warken zur nationalen Souveränität und parlamentarische Debatte. ↩
- Springer Nature Link: „Schnelle und sichere Impfstoffe gegen potenziell pandemische Viren." Erläutert das Prinzip des Vorgehens in die nächste Studienphase, sobald erste Sicherheitsinformationen vorliegen. ↩