48 Millionen – Die Rechnung, die nie eintraf

Das meistgesehene deutsche YouTube-Video 2020 rechnete mit Herdenimmunität durch Durchseuchung. Was die Prognose richtig machte – und was binnen eines Jahres überholt wurde.

48 Millionen – Die Rechnung, die nie eintraf
Photo by Glen Carrie / Unsplash

Am 2. April 2020 veröffentlichte die Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim auf ihrem YouTube-Kanal maiLab ein 22-minütiges Video mit dem Titel "Corona geht gerade erst los". Es wurde das meistgesehene deutsche YouTube-Video des Jahres 2020 – 6,4 Millionen Aufrufe, produziert für funk, das gemeinsame Jugendangebot von ARD und ZDF. Fünf Jahre später lohnt sich ein genauer Blick zurück: Was hat die Rechnung im Video richtig gemacht – und was konnte sie damals gar nicht wissen?

Damals: Die Rechnung mit den 48 Millionen

Das Video erklärt Herdenimmunität so: Erst wenn sich 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung infiziert und wieder erholt haben, sei sie erreicht. Für Deutschland wären das 48 bis 56 Millionen Menschen. Zum Zeitpunkt des Videos waren 73.000 Fälle bekannt – selbst bei einer angenommenen zehnfachen Dunkelziffer käme man auf 730.000 Fälle, deutlich unter einem Prozent der nötigen Zahl.

Darauf aufbauend rechnete das Video mit Modellen der Deutschen Gesellschaft für Epidemiologie: Um das Gesundheitssystem nicht zu überlasten, müsse die Reproduktionszahl auf einen Bereich zwischen 1,25 und 1,1 gesenkt werden. Ein strengerer, "Wuhan-Style" genannter Lockdown mit einer Reproduktionszahl von 0,5 werde etwa zwei Monate benötigen, um von 70.000 auf handhabbare 1.000 Fälle zu kommen.

Heute: Was zutraf – und was überholt wurde

Die kurzfristige Modellrechnung war bemerkenswert nah an der Realität: Die Fallzahlen sanken bis Mai 2020 tatsächlich deutlich, ungefähr im vorhergesagten Zeitrahmen. Doch die grundlegende Prämisse des Videos – Herdenimmunität nur über die Durchseuchung von 48 bis 56 Millionen Menschen – wurde binnen weniger Monate durch etwas komplett überholt, das im April 2020 noch niemand mit Sicherheit erwarten konnte: einen wirksamen Impfstoff, verfügbar ab Ende desselben Jahres. Die gesamte Rechnung war unter der Annahme aufgebaut, dass Immunität nur durch Infektion entsteht – eine im April 2020 nachvollziehbare, aber inzwischen überholte Grundannahme.

Das Muster: Sowohl-als-auch statt Entweder-oder

Warum die Fallzahlen im Mai 2020 tatsächlich sanken, ist bis heute nicht abschließend geklärt – und das ist der eigentlich lehrreiche Teil dieser Geschichte. Zwei Erklärungen konkurrieren:

Für einen Maßnahmeneffekt spricht die StopptCOVID-Studie des Robert Koch-Instituts: Sie kontrolliert den gemessenen R-Wert-Effekt explizit für Saisonalität, Schulferien, Virusvarianten und Impfquote – und findet trotzdem einen eigenständigen Effekt der Kontaktbeschränkungen. Eine Übersichtsarbeit für den Bundestag kommt 2022 zu einem ähnlichen Schluss, wobei die wirksamste Einzelmaßnahme je nach Pandemiewelle variierte.

Für einen saisonalen Effekt spricht eine Arbeit von John Ioannidis und Eran Bendavid (Stanford), veröffentlicht im European Journal of Clinical Investigation, die speziell die Wirksamkeit harter Lockdowns im Ländervergleich infrage stellt. Auch der Bundestags-Bericht selbst räumt ein, dass die Wirksamkeit von Maßnahmen zusätzlich von klimatischen Faktoren abhänge.

Die ehrliche Antwort lautet: beides gleichzeitig, in einem nicht exakt bezifferbaren Verhältnis. Lockdown-Effekt und saisonaler Effekt (mehr UV-Licht, geringere Übertragung im Freien) setzten zeitgleich ein und lassen sich in einer einzigen Welle in einem einzigen Land kaum sauber trennen. Wer hier ein eindeutiges Entweder-oder behauptet – in die eine wie in die andere Richtung –, vereinfacht unzulässig.

Hoffnung

Dass eine kurzfristige Modellrechnung ungefähr zutraf, während die langfristige Grundannahme binnen eines Jahres überholt wurde, ist kein Vorwurf an eine einzelne Wissenschaftsjournalistin, sondern eine Beobachtung über Wissenschaft selbst: Modelle sind immer nur so gut wie ihre Annahmen, und manche Annahmen verändern sich schneller, als jede Prognose vorhersehen kann. Die eigentliche Kompetenz, die dieses Video wie auch seine Kritiker gemeinsam vermitteln können, ist nicht "wer hatte recht", sondern die Fähigkeit, eine Prognose an ihren offengelegten Annahmen zu messen – und zu erkennen, wann sich diese Annahmen ändern.

Quellen:

  1. Mai Thi Nguyen-Kim, "Corona geht gerade erst los", maiLab/funk, YouTube, 2. April 2020
  2. Radio SAW, "Geht Corona gerade erst los?", Zusammenfassung der Video-Inhalte, April 2020
  3. Tagesspiegel/Horizont/dpa, "YouTube-Videos des Jahres: Corona-Video von Mai Thi Nguyen-Kim an der Spitze", Dezember 2020
  4. Robert Koch-Institut, "StopptCOVID-Studie: Wirksamkeit und Wirkung von anti-epidemischen Maßnahmen auf die COVID-19-Pandemie in Deutschland"
  5. Deutscher Bundestag, Wissenschaftliche Dienste, "Zur Wirksamkeit nicht pharmazeutischer Corona-Maßnahmen", WD 9 - 3000 - 038/22
  6. Bendavid E, Ioannidis JPA et al., Studie zur Wirksamkeit harter Lockdowns, European Journal of Clinical Investigation, zitiert in: Cicero, "Corona-Maßnahmen – Studie bezweifelt die Wirkung von harten Lockdowns", Januar 2021