5.000 Meldungen pro Tag
Täglich 5.000 Verdachtsmeldungen beim Paul-Ehrlich-Institut - und ein System, das an seine Grenzen stößt.
Sie trat ihren ersten Rentenmorgen im brandenburgischen Landtag an. Dr. Brigitte Keller-Stanislawski, bis zu diesem Tag Leiterin der Abteilung Sicherheit von biomedizinischen Arzneimitteln und Diagnostika am Paul-Ehrlich-Institut, wurde am 1. September 2023 als Zeugin vor dem Corona-Untersuchungsausschuss des Landes Brandenburg geladen. Einen Tag nach Pensionierung galten für sie noch immer Verschwiegenheitspflichten — eine eingeschränkte Aussagegenehmigung war ihr erteilt worden.
Was sie trotzdem sagte, ist für das Verständnis der Pandemieaufarbeitung von zentraler Bedeutung. Nicht weil es sensationell ist. Sondern weil es erklärt, warum die offiziellen Zahlen zu Impfnebenwirkungen strukturell unvollständig sein müssen — und warum das keine Verschwörungstheorie ist, sondern eine Aussage unter Eid vor einem parlamentarischen Untersuchungsgremium.
Was sie sagte
Keller-Stanislawski beschrieb eine Behörde, die von der Realität überrollt wurde.
Die Behörde war dafür nicht gerüstet. Die IT-Infrastruktur war nicht auf dieses Volumen ausgelegt. Das Personal war dramatisch unterbesetzt. Und so entstand eine Arbeitsteilung, die im Rückblick erschreckend wirkt:
„Es gab Leute, die haben sich nur um Todesfälle gekümmert, und Leute, die haben sich nur um Myokarditis gekümmert — wir hatten ja viel mehr Arbeit als zuvor, nur durch diesen Impfstoff."
Dr. Brigitte Keller-Stanislawski
Ehem. Leiterin Abteilung Sicherheit, Paul-Ehrlich-Institut · Brandenburger Corona-Untersuchungsausschuss, 1. September 2023
Das ist kein Vorwurf gegen einzelne Mitarbeiterinnen oder Mitarbeiter. Es ist die Beschreibung eines systemischen Engpasses: Eine Behörde, die für das Monitoring von Zulassungsstudien und regulärem Nachmarkt-Tracking konzipiert war, stand plötzlich vor dem Monitoring einer Massenimpfkampagne in Rekordgeschwindigkeit.
Die SafeVac-App — 700.000 Datensätze, nie ausgewertet
Im Dezember 2020 brachte das PEI eine eigene App auf den Markt: SafeVac. Bürgerinnen und Bürger sollten damit Impfnebenwirkungen unkompliziert melden können — ein zusätzlicher Kanal neben dem klassischen Spontanmeldesystem. Rund 700.000 Menschen nutzten die App und übermittelten ihre Daten.
Diese Daten wurden bis Oktober 2023 — fast drei Jahre nach Impfbeginn — nicht ausgewertet. Die Begründung: Die IT-Struktur der App sei dem Datenvolumen nicht gewachsen gewesen. Später hieß es, die Softwarelizenz sei ausgelaufen, neue Programmierer hätten gefehlt, tausende Einträge seien nie verarbeitet worden.
Befund
Die Behörde, die für die Sicherheitsüberwachung des meistverabreichten Arzneimittels der deutschen Geschichte zuständig war, hatte zum Zeitpunkt des Ausschusses fast drei Jahre nach Impfbeginn einen eigens entwickelten Meldekanal mit 700.000 Datensätzen unausgewertet gelassen.
Das PEI hatte gleichzeitig öffentlich erklärt, die Impfstoffe seien sicher und die Nebenwirkungen seien gut dokumentiert.
Auf Nachfrage des Ausschusses räumte Keller-Stanislawski ein: Auch Daten der Kassenärztlichen Vereinigungen und großer Krankenkassen wurden nicht in die Auswertung einbezogen — nicht wegen rechtlicher Hindernisse, sondern weil es keine funktionierenden Übertragungswege gab. Fast drei Jahre nach Impfbeginn.
Der Kreis schließt sich: Warum das den Sterz-Befund bestätigt
Im März 2026 — also zweieinhalb Jahre nach der Ausschuss-Anhörung — schätzte der ehemalige Leiter der Toxikologie bei Pfizer Europa vor der Enquete-Kommission des Bundestages, dass die tatsächliche Zahl impfassoziierter Todesfälle weit über den offiziell gemeldeten 2.000 liegen dürfte. Er nannte Faktoren zwischen 10 und 100 für das Underreporting und kam auf eine Spanne von 20.000 bis 60.000 möglichen Fällen in Deutschland.
Der ARD-Tagesschau-Faktenfinder schrieb daraufhin, er habe für seinen Underreporting-Faktor keinen wissenschaftlichen Nachweis vorgelegt.
Was unter Eid ausgesagt wurde (2023)
Das PEI war mit der Erfassung strukturell überfordert. 700.000 Datensätze unausgewertet. Mitarbeiter wurden nach Falltypen aufgeteilt. Die Behörde konnte dem Volumen nicht folgen.
Dr. Brigitte Keller-Stanislawski, Brandenburger Untersuchungsausschuss, 1.9.2023 Unter Eid
Was der Faktenfinder 2026 schrieb
Der Experte habe für seinen Underreporting-Faktor keinen wissenschaftlichen Nachweis vorgelegt. Ein pauschaler Faktor 30 gelte in der Pharmakovigilanz nicht als Standardannahme.
ARD-Tagesschau Faktenfinder, April 2026 Mainstream
Das PEI selbst hatte 2007 festgestellt, dass nur fünf bis zehn Prozent schwerer Nebenwirkungen gemeldet werden. Die eigene ehemalige Abteilungsleiterin hatte 2023 unter Eid beschrieben, warum die Erfassung 2021 und 2022 strukturell unmöglich war. Der "fehlende Nachweis" für das Underreporting ist damit nicht in der Literatur zu suchen — er liegt im Ausschussprotokoll des Brandenburger Landtags.
Was die Zahlen bedeuten
Eine kurze Einordnung für alle, die die offiziellen Zahlen bisher für belastbar hielten — völlig verständlich, denn sie wurden so kommuniziert:
- Dezember 2020 Impfkampagne beginnt. PEI entwickelt SafeVac-App als zusätzlichen Meldekanal. Ziel: lückenlose Erfassung von Nebenwirkungen.
- 2021 / 2022 Zu Spitzenzeiten 5.000 Meldungen pro Tag. Die IT-Infrastruktur bricht zusammen. Mitarbeiter werden nach Falltyp aufgeteilt — Todesfälle hier, Myokarditis dort. Systematische Auswertung: nicht möglich.
- Laufend (2021–2023) PEI kommuniziert öffentlich: Die Impfung ist sicher, die Nebenwirkungen sind gut dokumentiert und werden lückenlos erfasst.
- September 2023 Keller-Stanislawski sagt vor dem Brandenburger Ausschuss aus: Überlastung, unausgewertete SafeVac-Daten, fehlende Krankenkassendaten. Zahlen mussten halb händisch nach Postleitzahlen herausgesucht werden.
- Oktober 2023 PEI gibt bekannt: Man befinde sich in der "Auswertungsphase" der SafeVac-Daten. Zeitrahmen: "bis zu zwölf Monate". Danach: Funkstille.
- Mitte 2025 Keine umfassende Auswertung der SafeVac-Daten veröffentlicht. Begründung: Softwarelizenz abgelaufen, Programmierer fehlten. Tausende Datensätze: nie verarbeitet.
- März 2026 Ehemaliger Pfizer-Toxikologe schätzt vor der Bundestags-Enquete-Kommission: 20.000–60.000 mögliche impfassoziierte Todesfälle in Deutschland. Methodik: Gemeldete Fälle × Underreporting-Faktor.
- April 2026 ARD-Faktenfinder: Der Experte habe keinen wissenschaftlichen Nachweis für seinen Underreporting-Faktor vorgelegt. Die Aussage von Keller-Stanislawski aus dem Ausschussprotokoll wird nicht erwähnt.
Was das nicht bedeutet
Dieser Artikel behauptet nicht, dass die Zahl der Impftoten bei 60.000 liegt. Das weiß niemand — und das ist genau das Problem.
Er behauptet auch nicht, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des PEI böswillig gehandelt haben. Das Gegenteil ist wahrscheinlicher: Menschen in einer überwältigenden Ausnahmesituation, ohne ausreichende Ressourcen, ohne die nötige IT-Infrastruktur, unter enormem politischem Druck.
Was dieser Artikel behauptet: Die offiziellen Zahlen zu Impfnebenwirkungen sind strukturell unvollständig — nicht durch Bösartigkeit, sondern durch dokumentierten Kapazitätsmangel. Das ist eine Aussage, die durch das Eigenzeugnis der zuständigen Behörde belegt ist.
Was das für Betroffene bedeutet
Wer nach einer Impfung gesundheitliche Probleme hatte und sich nicht ernst genommen fühlte — diese Seite erklärt möglicherweise einen Teil davon. Nicht Gleichgültigkeit, sondern strukturelle Überlastung.
Nebenwirkungen können auch heute noch gemeldet werden — beim PEI direkt unter nebenwirkungen.pei.de, beim behandelnden Arzt, oder über die Kassenärztliche Vereinigung. Jede Meldung verbessert die Datenlage für alle.
Wer konkrete Unterstützung sucht: Das Netzwerk Post-Vac-Deutschland und die Deutsche Gesellschaft für Post-COVID koordinieren Anlaufstellen und Sprechstunden.
Was sich bewegt
Der Brandenburger Untersuchungsausschuss hat stattgefunden und ist protokolliert. Keller-Stanislawskis Aussagen sind öffentlich zugänglich. Die Enquete-Kommission des Bundestages tagt. Experten werden angehört, Protokolle werden veröffentlicht.
Das ist mühsam. Es geht langsam. Es gibt Widerstände. Aber es geht — und das ist bemerkenswert.
Parlamente, die Untersuchungsausschüsse zulassen. Beamtinnen, die unter Eid aussagen, was sie wissen. Dokumente, die abrufbar sind. Das sind die Strukturen, auf die eine Gesellschaft in der Aufarbeitung angewiesen ist — und sie funktionieren, wenn auch gegen Reibung.
Primärquellen & Belege
- Einladung zur 7. Sitzung des Untersuchungsausschusses 7/3, Landtag Brandenburg, 1.9.2023 — landtag.brandenburg.de Primärquelle
- Bundestag: Sitzungsprotokoll Enquete-Kommission KW12 (Sterz, Lauterbach) — bundestag.de Primärquelle
- Stellungnahme Dr. Helmut Sterz, Enquete-Kommission, März 2026 — bundestag.de (PDF) Primärquelle
- PEI: Eigene Stellungnahme zur Untererfassung in Spontanmeldesystemen (2007) — Paul-Ehrlich-Institut Behörde
- Multipolar: Forsa-Umfrage, Keller-Stanislawski-Kontext (Oktober 2024) — multipolar-magazin.de
- Apollo News: Ausschuss-Berichterstattung September 2023 — apollo-news.net
- ARD-Tagesschau Faktenfinder zu Sterz, April 2026 Mainstream / zur Einordnung