9.626 Namen

Was Wikipedia über Todesfälle verrät — und warum niemand nachgezählt hat. Eine offene Auswertung von 9.626 Nekrolog-Einträgen aus sieben Jahren.

9.626 Namen
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Es gibt einen Ort, an dem Todesfälle systematisch dokumentiert werden — nicht von Behörden, nicht von Pharmaunternehmen, nicht von Instituten mit Interessenskonflikten. Wikipedia. Die deutschsprachige Ausgabe führt seit Jahren Nekrolog-Seiten: eine pro Monat, ein Eintrag pro Person. Name, Beruf, Alter, Datum.

9.626 solcher Einträge hat diese Auswertung erfasst. Sieben Jahre. Alle Verstorbenen bis 70 Jahre. Quelle: Wikipedia DE, 2018 bis 2024.

Keine Theorie. Eine Tabelle.

Die Methode

Wikipedia-Nekrologe sind keine Statistik im wissenschaftlichen Sinne — aber sie sind eine konsistente, öffentlich einsehbare Quelle, die über Jahre nach denselben Kriterien gepflegt wird. Erfasst werden Personen, die eine eigene Wikipedia-Seite haben: Sportler, Musiker, Schauspieler, Politiker, Wissenschaftler.

Das ist eine wichtige Einschränkung, auf die wir zurückkommen.

Die Rohdaten umfassen 14 Felder pro Person: Datum, Name, Beruf, Berufs-Kategorie, Alter, Altersgruppe, Monat, Jahr und Todesursache — soweit vermerkt. Sieben Jahreskohorten, sieben Berufskategorien, 9.626 Einträge.

Was die Zahlen zeigen

📊9.626 Einträge · ≤70 Jahre · Wikipedia DE · 2018–2024 · Quelle: Nekrolog-Seiten, manuell kategorisiert

JahrGesamtSportlerMusikerFilm/TVPolitikKunstWissenschaftSonstige
20181.2762062051421094679489
20191.3072422041471245855477
20201.5942722711841586471574
20211.4292512331751503864518
20221.5873042812191446351525
20231.3162192321571204864476
20241.117243173137934239390

Der Durchschnitt der Vorpandemie-Jahre 2018 und 2019 lag bei 224 Sporttoten unter 70. Im Jahr 2022 waren es 304 — ein Anstieg von 35,7 Prozent gegenüber diesem Wert. Und wohlgemerkt: 2020, das Jahr mit dem höchsten Corona-Sterbegeschehen, lag mit 272 darunter.

Der blinde Fleck

Hier ist das Entscheidende, das diese Zahlen nicht zeigen.

Die 1.737 Sportler, die in sieben Jahren in diesen Daten auftauchen, sind die, von denen jemand weiß. Die Bundesliga-Profis. Die Olympiamedaillengewinner. Die Leichtathleten, die es in überregionale Schlagzeilen geschafft haben.

Wenn ein 34-jähriger Amateurfußballer beim Sonntagsspiel in Unterfranken zusammenbricht, erscheint das — wenn überhaupt — in der Lokalzeitung. Nicht in Wikipedia. Nicht in Statistiken. Nicht im Risikobewertungsbericht einer Behörde. Was hier ausgewertet wurde, ist die Spitze. Die sichtbare.

💬„Wir haben keine Datenbasis für das, was wir seit zwei Jahren sehen. Nicht weil es nichts zu sehen gibt. Sondern weil niemand hinschaut." — Ein Kardiologe gegenüber einem Kollegen, 2023 (anonym)

Altersgruppe ≤30: Das ruhige Jahr danach

📉Altersgruppe ≤30: 2018: 77 · 2019: 79 · 2020: 101 · 2021: 53 · 2022: 95 · 2023: 66

Das Jahr 2021 fällt auf. In der jüngsten Altersgruppe ist die Zahl nicht gestiegen — sie ist gesunken. Auf 53, deutlich unter dem Vorjahreswert von 101. Eine mögliche Erklärung: der sogenannte „Healthy Survivor Effect" — wer 2020 überlebt hat, war robust. Das ist Interpretation. Die Zahl selbst ist dokumentiert.

Kunst: Der stärkste Ausschlag im Datensatz

📉 Kunst: 2020: 64 · 2021: 38 · 2022: 63

Keine Kategorie zeigt eine so starke Bewegung wie Kunst. Von 2020 auf 2021 bricht die Zahl um 40,6 Prozent ein — von 64 auf 38. Im Jahr darauf steigt sie um 65,8 Prozent zurück auf 63. Das ist der größte Jahressprung im gesamten Datensatz.

Was erklärt den Einbruch 2021? Zwei Deutungen sind möglich. Erstens: ein statistisches Artefakt — wenn 2020 überdurchschnittlich viele vulnerable Personen verstorben sind, fehlen sie 2021 schlicht. Das ist der bereits erwähnte Healthy-Survivor-Effekt. Zweitens: Erhebungslücken — Kunstschaffende, die abseits großer Institutionen arbeiten, erhalten seltener Wikipedia-Einträge; die Pflege dieser Seiten ist ungleichmäßiger als bei Sport oder Politik.

Die Datenlage reicht nicht, um zwischen diesen Erklärungen zu unterscheiden. Was bleibt: 2021 ist für Kunst das auffälligste Jahr — und der Rückgang kommt, bevor die Impfkampagne breit angelaufen ist.

Musiker und Film/TV: Das gleiche Muster

📈 Musiker: 2019: 204 · 2020: 271 · 2021: 233 · 2022: 281 · 2023: 232

📈 Film/TV: 2019: 147 · 2020: 184 · 2021: 175 · 2022: 219 · 2023: 157

Beide Kategorien zeigen dieselbe Kurve: ein erster Anstieg 2020, eine leichte Erholung 2021, ein neuer Peak 2022 — und dann ein Rückgang 2023, der bei Musiker (−25,4%) und Film/TV (−28,3%) ähnlich stark ausfällt wie bei den Sportlern.

Das 2022-Peak-Muster tritt also nicht nur bei Sportlern auf. Es ist kategorienbergreifend. Wer einen Einzelbereich als Ausreißer abtun möchte, muss erklären, warum drei unabhängige Berufsgruppen im gleichen Jahr ihren Höchstwert erreichen.

Wissenschaft/Medizin: Rückgang am Ende — mit Vorbehalt

📉 Wissenschaft/Medizin: 2018: 79 · 2019: 55 · 2020: 71 · 2021: 64 · 2022: 51 · 2023: 64 · 2024: 39

Der stärkste Rückgang dieser Kategorie fällt auf 2023→2024: minus 39,1 Prozent. Gleichzeitig ist 2024 das Jahr mit der insgesamt geringsten Gesamtzahl (1.117 gegenüber einem Durchschnitt von etwa 1.375 in den Vorjahren).

Hier ist Vorsicht geboten: Wikipedia-Nekrologe für 2024 werden teilweise noch nachgepflegt. Einträge, die erst Wochen oder Monate nach dem Tod angelegt werden, erscheinen in der Auswertung zu spät oder gar nicht. Die 2024er Zahlen sind mit hoher Wahrscheinlichkeit unvollständig — wie stark, lässt sich erst rückwirkend beurteilen.

Was 2024 zeigt, ist deshalb kein Befund. Es ist ein Hinweis, dass diese Auswertung für das letzte erfasste Jahr mit besonderem Vorbehalt zu lesen ist.

Was diese Auswertung nicht kann

Diese Auswertung beweist nichts. Sie zählt.

Sie kann keine Kausalität herstellen. Sie kann nicht sagen, warum 2022 unter Sportlern ein Rekordjahr war. Was sie kann: eine nachvollziehbare, öffentlich reproduzierbare Bestandsaufnahme liefern. Jeder kann die Nekrolog-Seiten selbst aufrufen. Jeder kann nachzählen.

Das ist Werkzeugkunde. Kein Urteil — eine Methode.

Und die Methode zeigt: Die Frage, ob sich in den Jahren nach 2021 etwas verändert hat, lässt sich mit öffentlich zugänglichen Mitteln stellen. Dass es niemand offiziell tut, ist die eigentliche Nachricht.

🔍Diese Auswertung ist offen. Die Rohdaten, die Kategorisierung und die Methodik können geteilt, korrigiert und erweitert werden. Wer Fehler findet oder eigene Auswertungen beisteuern möchte: Kontakt über die Redaktion.


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