„Abweichende Meinungen haben Widerstand provoziert“ — Was wir aus der Kommunikationskrise lernen können
In der Enquete-Anhörung Mai 2026 sagte Prof. Reifegerste klar: Wer Andersdenkende abwertet, verstärkt Misstrauen. Eine Erkenntnis mit Sprengkraft — und einer wichtigen Lehre für die Zukunft.
Es war ein unscheinbarer Satz in einer öffentlichen Anhörung. Aber er hatte Gewicht.
Prof. Dr. Doreen Reifegerste, Professorin für Gesundheitskommunikation, sagte vor der Bundestags-Enquete-Kommission im Mai 2026: Abwertende Beurteilungen abweichender Meinungen haben eher Widerstand provoziert. Gemeint war die Kommunikationsstrategie während der Corona-Pandemie. Und obwohl der Satz akademisch klingt, beschreibt er etwas, das Millionen Menschen in Deutschland selbst erlebt haben.
Was wirklich passierte
Wer während der Pandemie öffentlich Zweifel äußerte — an Maßnahmen, Modellierungen, Impfstrategien oder Kommunikationsformaten — lief schnell Gefahr, in eine Schublade gesteckt zu werden. Die Grenzen zwischen berechtigter Kritik und tatsächlicher Desinformation wurden selten klar gezogen. Das hatte Konsequenzen: Menschen, die grundsätzlich bereit waren mitzumachen, zogen sich zurück. Vertrauen — einmal beschädigt — lässt sich nicht durch Kampagnen reparieren.
Die eigentliche Frage
Warum fiel es so schwer, Kritik als Teil eines gesunden demokratischen Diskurses zu verstehen? Ein Teil der Antwort liegt in der Ausnahmesituation: In einer Krise entsteht Druck, schnell und einheitlich zu kommunizieren. Nuancen wirken wie Schwäche. Abweichung wie Gefahr. Aber ein anderer Teil liegt in einer Haltung, die sich in Teilen von Politik, Medien und Wissenschaft breitmachte: die Überzeugung, dass es eine klare Seite der Vernunft gibt — und alle anderen sich irren oder böswillig handeln. Diese Haltung war nicht nur falsch. Sie war kontraproduktiv.
Was wir daraus lernen können
Kommunikationswissenschaft lehrt seit Jahrzehnten: Menschen folgen nicht dem stärksten Argument, sondern dem, dem sie vertrauen. Vertrauen entsteht durch Respekt, durch das Zulassen von Fragen, durch Zugeben von Unsicherheit. Für zukünftige Krisen bedeutet das: Eine Kommunikation, die Andersdenkende ausgrenzt, hat bereits verloren — selbst wenn sie inhaltlich im Recht ist. Aufarbeitung heißt nicht, alte Schlachten neu zu schlagen. Aufarbeitung heißt, zu verstehen: Wie können wir das nächste Mal als Gesellschaft besser miteinander durch eine Krise kommen?
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