Die Architektur der Entscheidung

2017 hielt die Bundeskanzlerin eine Rede in der Leopoldina über Pandemie-Trockenübungen. Drei Jahre später formulierte dieselbe Institution die Empfehlungen für den Lockdown — mit denselben Personen. Eine Rekonstruktion anhand öffentlicher Quellen.

Die Architektur der Entscheidung
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Die Architektur der Entscheidung — Wie eine Wissenschaftsakademie zur Schaltstelle der Pandemiepolitik wurde

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Es gibt Momente, in denen man im Nachhinein genau sehen kann, wo eine Weiche gestellt wurde. Nicht im Verborgenen. Nicht in einem Hinterzimmer. Sondern auf einem Podium, vor Kameras, mit offiziell archiviertem Redetext.

Dieser Artikel rekonstruiert eine solche Weiche — anhand von Primärquellen, die heute noch abrufbar sind.

22. März 2017: Die Probe

Halle (Saale), Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina. Die Bundeskanzlerin ist zu Gast. Anlass ist das Science20-Dialogforum, ein neu geschaffenes Format im Rahmen der deutschen G20-Präsidentschaft. Zum ersten Mal sind die Wissenschaftsakademien aller G20-Staaten offiziell in den Gipfelprozess eingebunden.

Die Tagesordnung lautet: „Improving Global Health: Tools and Strategies to Combat Chronic and Communicable Diseases."

Angela Merkel hält eine Rede. Ihr Text ist auf bundesregierung.de archiviert. Darin sagt sie:

„Wir haben die Gesundheitsminister auch darum gebeten, zum ersten Mal eine Simulation eines Ausbruchs einer Pandemie — eine Art Trockenübung — durchzuführen und Aktionspläne zu beschreiben."

Sie begründet das mit der Lehre aus Ebola: Die effizientesten Helfer seien militärische Einheiten gewesen — wegen klarer Befehlsketten. Die zivilen Strukturen seien völlig unvorbereitet gewesen. Wer transportiert, wer beschafft Medikamente, wer baut Kapazitäten auf?

Das ist keine Verschwörung. Das ist legitime Katastrophenvorsorge. Und es ist öffentlich dokumentiert.

Was weniger beachtet wurde: Unter den Referenten des Tages befand sich Lothar Wieler, damals Präsident des Robert Koch-Instituts. Sein Vortrag trug den Titel: „Prevention and preparedness as public health deliverables."

Derselbe Mann, der drei Jahre später als oberster staatlicher Seuchenbeobachter Deutschland durch die Pandemie führen würde — er referierte 2017 in der Leopoldina darüber, wie man sich auf Pandemien vorbereitet.


1. März 2020: Der neue Präsident

Drei Jahre später, wenige Wochen bevor die Welt stillstand, trat Gerald Haug sein Amt als Leopoldina-Präsident an. Haug ist Klimageochemiker — kein Virologe, kein Epidemiologe, kein Mediziner. Er forscht am Max-Planck-Institut für Chemie in Mainz und hält eine Professur an der ETH Zürich.

Zwanzig Tage nach seinem Amtsantritt erschien die erste Ad-hoc-Stellungnahme der Leopoldina zur Corona-Pandemie.

21. März 2020: Die erste Stellungnahme

Die Arbeitsgruppe, die sie in Rekordzeit verfasste, umfasste unter anderem:

  • Christian Drosten, Charité Berlin
  • Bernhard Fleischer, Bernhard-Nocht-Institut Hamburg — derselbe, der 2017 beim S20-Forum referiert hatte
  • Gerald Haug, Leopoldina-Präsident
  • Lothar H. Wieler, Präsident des Robert Koch-Instituts, Berlin, Mitglied der Leopoldina

Dieselbe Person, die 2017 in der Leopoldina über Pandemiepräparation referiert hatte, saß 2020 in der Leopoldina-Gruppe, die Deutschlands Pandemiepolitik formulierte — und war gleichzeitig als RKI-Chef der oberste staatliche Vollzugsbeamte dieser Empfehlungen.

Berater und Vollzieher: ein und dieselbe Person.

8. Dezember 2020: Die siebte Stellungnahme

Im Dezember 2020 veröffentlichte die Leopoldina ihre siebte Ad-hoc-Stellungnahme. Der Titel: „Die Feiertage und den Jahreswechsel für einen harten Lockdown nutzen."

Die Kernaussage: Ab dem 14. Dezember sollten alle nicht notwendigen Kontakte reduziert werden, die Schulpflicht aufgehoben, Sportveranstaltungen eingestellt werden. Ab Heiligabend bis mindestens 10. Januar: Schließung aller nicht lebensnotwendigen Geschäfte, keine Reisen.

Am nächsten Tag — dem 9. Dezember 2020 — sprach Angela Merkel öffentlich:

„Die Leopoldina hat uns gestern in drei Stufen genannt, was jetzt notwendig ist."

Und weiter:

„Wenn die Wissenschaft uns geradezu anfleht, vor Weihnachten eine Woche der Kontaktreduzierung zu ermöglichen, dann sollten wir vielleicht doch noch mal nachdenken."

Empfehlung und Entscheidung: ein Tag Abstand. Die Wissenschaft sprach — die Politik folgte. Oder umgekehrt.

8. Dezember 2020: Die Protestnote

Am selben Tag, an dem die Stellungnahme erschien, schrieb ein Mitglied der Leopoldina an ihren Präsidenten.

Prof. Dr. Michael Esfeld, Wissenschaftsphilosoph an der Universität Lausanne, Mitglied der Leopoldina seit 2009, richtete eine Protestnote an Gerald Haug. Darin heißt es:

„Mit Bestürzung habe ich die heute veröffentlichte Stellungnahme der Leopoldina zur Kenntnis genommen. Diese Stellungnahme verletzt die Prinzipien wissenschaftlicher und ethischer Redlichkeit, auf denen eine Akademie wie die Leopoldina basiert. Es gibt in Bezug auf den Umgang mit der Ausbreitung des Coronavirus keine wissenschaftlichen Erkenntnisse, die bestimmte politische Handlungsempfehlungen wie die eines Lockdowns rechtfertigen."

Und weiter:

„In einer solchen Situation wissenschaftlicher und ethischer Kontroverse sollte die Leopoldina ihre Autorität nicht dazu verwenden, einseitige Stellungnahmen zu verfassen, die vorgeben, eine bestimmte politische Position wissenschaftlich zu untermauern. Ich möchte Sie daher höflichst bitten, die entsprechende Stellungnahme umgehend als Stellungnahme der Leopoldina zurückzuziehen."

Es ist schwer vorstellbar, was es einem Wissenschaftler kostet, der Institution, der er angehört und der er verpflichtet ist, öffentlich vorzuwerfen, die Grundlagen der wissenschaftlichen Redlichkeit zu verletzen. Esfeld tat es trotzdem.

Keine Antwort. Keine Rücknahme.

Im Februar 2021 teilte Esfeld mit, er habe von Gerald Haug bis dahin keine Antwort auf seinen offenen Brief erhalten.

Die Stellungnahme wurde nicht zurückgezogen.

Haug wurde im Februar 2021 vor dem Bundestag gefragt, ob er die Ad-hoc-Papiere bereue. Seine Antwort: Er würde sie im Kern noch einmal genauso herausgeben.

Was Esfeld für seine Offenheit erhielt, dokumentierte die Frankfurter Allgemeine Zeitung am 11. Mai 2021 in ihrer Überschrift: „Querdenker-Philosoph dreht auf: Nestbeschmutzer in der Nationalakademie."

Ein Leopoldina-Mitglied kritisiert die Leopoldina — und wird zum Nestbeschmutzer. Das Etikett, das damals als soziale Vernichtungswaffe eingesetzt wurde, traf auch jemanden, der sich auf dem Boden wissenschaftlicher Grundprinzipien bewegte.

Was das Muster zeigt

Keine dieser Verbindungen ist geheim. Alle sind öffentlich dokumentiert:

  • Merkel kündigt 2017 Pandemie-Simulationen an — auf einer Veranstaltung der Leopoldina, mit Wieler als Referenten.
  • 2020 formuliert Wieler als Leopoldina-Mitglied Empfehlungen mit — und setzt sie als RKI-Chef um.
  • Die Leopoldina empfiehlt den harten Lockdown — Merkel beruft sich am nächsten Tag darauf.
  • Ein interner Kritiker schreibt — und erhört kein Echo.

Das ist keine Verschwörung. Es ist eine institutionelle Struktur, in der dieselben Menschen an verschiedenen Stellen sitzen: als Vordenker, als Berater, als Vollzieher. Eine Struktur, die Kritik von innen nicht absorbiert — sondern diffamiert.

Die Frage, die bleibt, ist keine anklagende. Sie ist eine systemische:

Wie muss eine Gesellschaft ihre Beratungsstrukturen organisieren, damit Widerspruch gehört wird — bevor er zur Außenseiterposition wird?

Was Esfeld 2023 schrieb

Drei Jahre nach seiner erfolglosen Protestnote veröffentlichte Esfeld ein Buch. Der Titel: „Land ohne Mut."

Er ist Primärquelle. Er spricht für sich.

Quellen (alle abrufbar):

  • Rede Merkel, 22.03.2017: bundesregierung.de / bundeskanzler.de
  • Science20-Dialogforum Programm und Referenten: leopoldina.org
  • Leopoldina Ad-hoc-Stellungnahmen 1–7 (PDF): leopoldina.org
  • Mitgliederliste Arbeitsgruppe: leopoldina.org (Sammel-PDF Stellungnahmen)
  • Esfeld-Protestnote, 08.12.2020: mehrfach dokumentiert, u.a. snanews.de, reitschuster.de
  • Haug vor Bundestag, 10.02.2021: bundestag.de (hib/ROL)
  • FAZ-Überschrift „Nestbeschmutzer": via de.wikipedia.org/wiki/Michael_Esfeld, Einzelnachweis
  • Esfeld, Michael: Land ohne Mut. Achgut-Edition, Berlin 2023