Auf Wunsch der Kanzlerin

Drei Schuljahre. 3,5 Milliarden Euro. Millionen getestete Kinder. Das RKI-Protokoll vom 11. April 2022 hält fest, wer die Entscheidung traf — und wer nicht.

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Foto: 2y.kang / Unsplash

Ein Satz, sieben Wörter. Gehalten in einem internen Protokoll, das lange als Verschlusssache galt. Erst im Sommer 2024 wurde es — nach gerichtlich erkämpfter Herausgabe — vollständig entschwärzt veröffentlicht.

Der Satz steht auf Seite 1103 der offiziellen RKI-Krisenstabsprotokolle, Teil 2, Sitzung vom 11. April 2022:

„Testungen in Schulen damals auf expliziten Wunsch der Bundeskanzlerin aufgenommen, nicht RKI Schwerpunkt."

Quelle: COVID-19-Krisenstabsprotokolle des Robert Koch-Instituts, Mai 2021 – Juli 2023, S. 1103, veröffentlicht durch das RKI am 18. Dezember 2024.

Millionen Kinder. Milliarden Euro. Kein RKI-Schwerpunkt.

Drei Schuljahre lang gehörten sie zum Alltag: der morgendliche Abstrich, der Lolli-Test, das Warten. Wer positiv war, blieb zu Hause — und zog oft die ganze Familie mit. Wer sich weigerte, riskierte den Ausschluss vom Unterricht, in einem Fall sogar Jugendarrest.

Die Zahlen sind dokumentiert: Mehr als 3,5 Milliarden Euro flossen allein für Corona-Tests in Schulen und Kitas — das ergab eine Auswertung, über die die WELT im September 2023 berichtete.

Das, was dabei niemand laut fragte: Hatte das RKI dieses Programm überhaupt empfohlen?

Die Antwort steht jetzt schwarz auf weiß.

Was das Protokoll zeigt

Das interne Sitzungsprotokoll vom 11. April 2022 ist keine Einzelmeinung, kein Tweet, kein Gerücht. Es ist ein Ergebnisprotokoll des RKI-Krisenstabs — jenes Gremiums, das während der gesamten Pandemie die wissenschaftliche Lagebeurteilung für die Bundesregierung erarbeitete.

In der Sitzung ging es darum, wie mit dem Ende der Massentestungen umgegangen werden soll. Mitten in der Diskussion — fast beiläufig — wird festgehalten, was die Schultests von Anfang an waren: eine politische Entscheidung, nicht eine wissenschaftliche.

Die Fachleute im Krisenstab stellten in derselben Sitzung die naheliegende Folgefrage: Welchen Stellenwert hätten Tests in Schulen überhaupt, wenn die Fallzahlen wieder stiegen?

Eine abschließende Antwort auf diese Frage findet sich im Protokoll nicht. Die Wellen kamen und gingen — mit und ohne Schultests.

Damals: Schwurbelei. Heute: Akte.

Wer in den Jahren 2021 und 2022 fragte, ob die flächendeckende Testpflicht an Schulen tatsächlich wissenschaftlich begründet sei, erntete in vielen Fällen den Vorwurf, Verschwörungstheorien zu verbreiten. Faktenprüfer wiesen darauf hin, dass Testungen zur Früherkennung beitragen könnten.

Das Protokoll des RKI-Krisenstabs stellt die Frage nun anders: Nicht ob Tests theoretisch nützlich sein könnten — sondern wer die Entscheidung tatsächlich getroffen hatte.

Die Antwort: nicht das RKI.

Was nicht gemessen wurde

Dokumentiert ist, was getestet wurde. Weniger dokumentiert ist, was das Testen gekostet hat — nicht in Euro, sondern in Alltag.

Kinderpsychologische Fachgesellschaften verzeichneten während der Pandemie einen starken Anstieg von Angststörungen und depressiven Episoden bei Kindern und Jugendlichen. Ein positives Testergebnis bedeutete für Kinder nicht nur Isolation — es bedeutete in vielen Fällen das Gefühl, eine Gefahr für die eigene Familie zu sein.

Das ZDF berichtete 2022 über die psychischen Folgen der Pandemie für Kinder. Die Bundesregierung legte selbst Daten vor, die einen erheblichen Anstieg psychischer Belastungen in dieser Altersgruppe zeigten.

Diese Kosten stehen in keiner Kostenbilanz der 3,5 Milliarden Euro.

Was Schweden anders machte

Schweden testete Kinder in der Schule nicht flächendeckend. Schweden schloss Grundschulen nicht. Schweden empfahl keine Masken für Kinder unter 12.

Eine Arte-Dokumentation aus dieser Zeit zeigte: Schwedische Kinder durchlebten die Pandemie psychisch stabiler als viele ihrer europäischen Altersgenossen. Das schwedische Infektionsgeschehen verlief dabei nicht schlechter als in Deutschland.

Der Vergleich beweist nichts Absolutes — Länder sind verschieden. Er stellt aber eine Frage, die legitim ist: Hätten die Kosten der Schultestpflicht in einem anderen Verhältnis zum Nutzen stehen können?

Das RKI hatte offenbar Zweifel. Es ist dokumentiert.

Was bleibt

Die RKI-Protokolle sind keine Anklageschrift. Sie sind Arbeitsdokumente — Momentaufnahmen einer Behörde, die unter extremem Druck arbeitete, mit unvollständigen Daten, im Wochentakt.

Was sie leisten: Sie erlauben, die Pandemiepolitik an ihren eigenen Maßstäben zu messen.

Der Maßstab war: wissenschaftsbasierte Entscheidungen.

Das Protokoll vom 11. April 2022 hält fest, dass die Schultests diesen Maßstab nicht erfüllten — nicht weil das RKI sie für falsch hielt, sondern weil das RKI sie nie empfohlen hatte.

Die Frage, die sich aus dieser Akte ergibt, ist keine rückwärtsgewandte Schuldzuweisung. Sie ist eine Lehre für das nächste Mal: Wer entscheidet — und auf welcher Grundlage?

Das zu wissen, ist keine Verschwörungstheorie. Es ist die Voraussetzung für bessere Entscheidungen.