Bestrafe einen, erziehe tausende

Wie ein System von Entlassungen, Angstpapieren und institutionellem Schweigen dafür sorgte, dass kritische Stimmen verschwanden — bevor die Öffentlichkeit sie je gehört hatte.

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Foto: Rob Curran / Unsplash

Es gibt einen alten Satz aus der Pädagogik der Angst: Bestrafe einen — erziehe hunderte.

Man muss ihn nicht erfunden haben, um ihn anzuwenden.

Dieser Artikel ist kein Urteil darüber, ob die Pandemiemaßnahmen richtig oder falsch waren. Er dokumentiert etwas Einfacheres: wie ein System von Warnzeichen, Entlassungen und institutioneller Angst dafür sorgte, dass kritische Stimmen aus den Institutionen verschwanden — bevor die öffentliche Diskussion sie je erreichen konnte.

Die Schritte lassen sich rekonstruieren. Die Quellen sind öffentlich. Die meisten stammen aus denselben Institutionen, die damals die Maßnahmen vertraten.

2012: Das Szenario liegt in der Schublade

Am 3. Januar 2013 unterrichtete die Bundesregierung den Deutschen Bundestag über die Ergebnisse der Risikoanalyse im Bevölkerungsschutz 2012. Das 88-seitige Dokument, erarbeitet unter fachlicher Federführung des Robert Koch-Instituts, trägt den Szenario-Titel: „Pandemie durch Virus Modi-SARS."

Es beschreibt Ausbreitung, Sterbezahlen, Systembelastungen und Handlungsoptionen für eine Pandemie, die dem späteren SARS-CoV-2-Geschehen in wesentlichen Zügen ähnelt — sieben Jahre bevor das erste Mal von einer solchen gesprochen wurde.

Das Dokument ist als Bundestagsdrucksache 17/12051 öffentlich zugänglich. Es wurde nie zur Beruhigung eingesetzt.

2014: Drosten beschreibt das Problem — mit PCR-Tests

Im Mai 2014 erscheint in der Wirtschaftswoche ein Interview mit dem Berliner Virologen Christian Drosten. Thema ist die MERS-Epidemie auf der arabischen Halbinsel. Drosten erklärt, warum die Fallzahlen dort so stark gestiegen sind:

„Die Methode ist so empfindlich, dass sie ein einzelnes Erbmolekül dieses Virus nachweisen kann. Wenn ein solcher Erreger zum Beispiel bei einer Krankenschwester mal eben einen Tag lang über die Nasenschleimhaut huscht, ohne dass sie erkrankt oder sonst irgendetwas davon bemerkt, dann ist sie plötzlich ein Mers-Fall. Wo zuvor Todkranke gemeldet wurden, sind nun plötzlich milde Fälle und Menschen, die eigentlich kerngesund sind, in der Meldestatistik enthalten."

Und: „Die Medizin ist nicht frei von Modewellen."

Das Interview ist online nachlesbar. Sechs Jahre später wird derselbe Drosten den PCR-Test als zentrales Steuerungsinstrument der deutschen Pandemiepolitik mitverantworten — und Kritiker an eben diesem Mechanismus werden als unwissenschaftlich bezeichnet.

September 2019: Ein stiller Einstieg in Mainz

Die Bill & Melinda Gates Foundation erwirbt im September 2019 rund drei Millionen Aktien des Mainzer Biotechunternehmens BioNTech — zu einem Kaufpreis von 18,10 US-Dollar pro Aktie. Gesamtinvestition: rund 55 Millionen US-Dollar. Offizieller Zweck: Entwicklung von Impfstoffen gegen HIV und Tuberkulose.

Im Oktober 2019 geht BioNTech an die Börse.

Im dritten Quartal 2021 — auf dem Höhepunkt des Impfstoffbooms — verkauft die Stiftung 86 Prozent ihrer Anteile zu durchschnittlich rund 300 US-Dollar pro Aktie. Der Gewinn: rund 260 Millionen US-Dollar. Das 15-fache der ursprünglichen Investition.

Diese Zahlen stammen aus den SEC-Pflichtmeldungen und sind öffentlich dokumentiert. Was man daraus schließt, bleibt jedem selbst überlassen.

März 2020: Der Staat will Schockwirkung

Im März 2020 erarbeiten externe Wissenschaftler unter Mitwirkung des Bundesinnenministeriums ein Strategiepapier: „Wie wir COVID-19 unter Kontrolle bekommen." Es wird als Verschlusssache an alle Bundesministerien und das Kanzleramt verteilt.

Das Papier beschreibt drei Szenarien, darunter einen Worst Case mit einer Million Todesopfer in Deutschland allein im Jahr 2020. Es hält fest, dass Behörden bei der Kommunikation dieses Szenarios eine „Schockwirkung" erzielen sollen. Als konkrete Wirkung wird beschrieben, dass der Tod durch COVID-19 als qualvolles Ersticken ausgemalt werden solle.

Focus Online berichtete am 11. April 2020 unter dem Titel: „Internes Papier empfiehlt, den Deutschen Angst zu machen." Das vollständige Dokument ist über fragdenstaat.de abrufbar. Die Bundestagsdrucksache 19/19742 enthält Anfragen der Opposition zu eben diesem Passus.

Wenige Wochen zuvor hatte der Virologe Hans-Jürgen Wirth im Spiegel geschrieben, das Verhalten von Menschen, die die Maßnahmen nicht einhielten, verrate „Abwehrmechanismen" — und er stützte sich dabei auf die Bilder der Militärlastwagen aus Bergamo.

März 2020: Das Bild aus Bergamo

Ein Foto geht um die Welt: Militärlastwagen, nachts, in einer verlassenen Straße in Bergamo. Die Assoziation ist klar — Massen von Toten, die das Krematorium nicht mehr fassen kann.

Der Bayerische Rundfunk untersuchte das Bild im Oktober 2021 in einem Beitrag der KulturBühne. Ergebnis: Das Militär war nicht eingesetzt worden, weil Berge von Leichen nicht anders hätten transportiert werden können. Die Anzahl der Verstorbenen in Bergamo war zu diesem Zeitpunkt nicht höher als bei manchen Grippewellen in Italien. Der Grund für den Transport: Man hatte beschlossen, alle COVID-Verstorbenen sofort einzuäschern — eine Ausnahme vom italienischen Normalfall, bei dem etwa die Hälfte der Toten beerdigt wird. Die Kapazitäten des Krematoriums in Bergamo reichten dafür nicht aus.

Das Foto zeigte also einen logistischen Engpass, entstanden durch eine administrative Entscheidung. Deutsche Politiker zitierten in den folgenden Wochen „die Bilder aus Bergamo" als Beweis für die existenzielle Bedrohung — ohne je zu konkretisieren, was genau sie zeigten.

Der BR-Artikel existiert noch. Er ist über die Webseite des Bayerischen Rundfunks zugänglich.

Mai 2020 bis März 2022: Die Entlassungen

Zwischen Mai 2020 und März 2022 verlieren mindestens fünf Fachleute ihre Positionen, nachdem sie öffentlich Kritik an der Pandemiepolitik geäußert haben.

Stephan Kohn, Referent im Bundesinnenministerium, wird nach einem internen Kritikpapier suspendiert und 2022 aus dem Beamtenverhältnis entlassen — die schärfste mögliche Maßnahme.

Dr. Friedrich Pürner, Amtsarzt in Bayern, wird nach Kritik an der Teststrategie strafversetzt. Er sagt öffentlich, es solle „ein Zeichen gesetzt werden, dass sich keine weiteren Amtsärzte mehr beschweren."

Prof. Christoph Lütge, Mitglied des bayerischen Ethikrats, wird nach einem Tweet — Angstpolitik sei „unverantwortlich" — vom Kabinett einstimmig abberufen.

Prof. Michael Esfeld, Mitglied der Leopoldina, fordert intern die Rücknahme des Lockdown-Papiers. Er wird nicht entlassen, aber vollständig isoliert.

Prof. Andreas Sönnichsen, Medizinprofessor in Wien, wird zunächst auf seiner eigenen Abteilungs-Homepage öffentlich desavouiert, dann entlassen.

Eine inhaltliche Auseinandersetzung mit den Einwänden dieser fünf Männer hat in keinem Fall stattgefunden — weder vor noch nach den Maßnahmen gegen sie.

Januar 2024: Das Geständnis

Im Januar 2024 nimmt der Soziologe Prof. Heinz Bude an einer Podiumsdiskussion der Universität Graz teil. Thema: „Gesellschaft im Ausnahmezustand — was lernen wir aus der Coronakrise?"

Bude hatte 2020 als Regierungsberater an der Kommunikationsstrategie mitgewirkt. In Graz erklärt er, was die Aufgabe war:

„Wir mussten ein Modell finden, um Folgebereitschaft herzustellen, das so ein bisschen wissenschaftsähnlich ist."

Das Video ist auf dem YouTube-Kanal der Gesellschaft für Soziologie der Universität Graz dokumentiert.

Es ist kein Vorwurf. Es ist eine Beschreibung. Die Frage, die sich daran anschließt, ist eine andere: Wenn die Aufgabe war, Folgebereitschaft herzustellen — was war dann mit denen, die dieser Bereitschaft im Weg standen?

Das Muster

Was diese Ereignisse verbindet, ist keine Verschwörung. Es ist etwas Banaleres: ein System von Anreizen und Konsequenzen, das sich selbst reguliert.

Wer widerspricht, verliert seinen Posten. Wer seinen Posten verloren hat, wird als Beispiel wahrgenommen. Wer das Beispiel sieht, überlegt zweimal. Wer zweimal überlegt, sagt nichts.

Bestrafe einen. Erziehe hunderte.

Das Ergebnis war keine Stille, die durch Überzeugung entstand. Es war eine Stille, die durch das Wissen entstand, was mit denen passiert, die sprechen.

Was jetzt

Die Pandemie ist vorbei. Die Entlassungen sind vollzogen. Einige der Betroffenen klagen noch, andere haben aufgehört.

Was bleibt, ist die Frage, die Prof. Lütge bereits im Februar 2021 gestellt hat: Was ist ein Beratungsgremium wert, in dem man keine Kritik äußern darf?

Und was ist eine Wissenschaft wert, in der die Frage, wer recht hatte, erst dann gestellt werden darf, wenn die Konsequenzen der Entscheidung bereits eingetreten sind?

Die Quellen für diesen Artikel sind öffentlich zugänglich. Einige davon stammen aus denselben Institutionen, die damals die Maßnahmen vertraten.

Das ist kein Zufall. Es ist Absicht.

Quellen: Bundestagsdrucksache 17/12051 (Risikoanalyse 2012/13); Wirtschaftswoche, 16.5.2014 (Drosten-Interview); SEC-Filings / medical-design.news, 10.9.2019 (Gates/BioNTech); Bundestagsdrucksache 19/19742 (BMI-Panikpapier); BR KulturBühne, Oktober 2021 (Bergamo); Berliner Zeitung, Bayerische Staatszeitung (Pürner); Abendzeitung München / dpa, 12.2.2021 (Lütge); Tichys Einblick, März 2022 (Kohn); APA / ORF Wien (Sönnichsen); Achgut.com, März 2025 (Bude/Graz)