Der längste Lockdown Deutschlands — und die Fragen, die er offenlässt

Am 20. Oktober 2020 wurde der Landkreis Berchtesgadener Land als erste Region Deutschlands abgeriegelt. Touristen heimgeschickt, Intensivdaten nicht veröffentlicht, Bilanz später still korrigiert. Eine Chronologie.

Der längste Lockdown Deutschlands — und die Fragen, die er offenlässt
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Der längste Lockdown Deutschlands — und die Fragen, die er offenlässt

Am 20. Oktober 2020 verhängte der Landkreis Berchtesgadener Land als erste Region Deutschlands einen faktischen Lockdown. Was folgte, ist dokumentiert. Was nicht beantwortet wurde, auch.

Bayerisch Gmain, Schönau am Königssee, Bad Reichenhall: Ortsnamen, die nach Wanderurlaub klingen. Am Dienstag, 20. Oktober 2020, 14 Uhr, wurden sie zum Epizentrum eines bundesdeutschen Experiments, das niemand so nannte.

Ausgangsbeschränkungen. Schulen zu. Kitas zu. Gastronomie zu. Touristen — raus.

Für 14 Tage, hieß es.

Es wurden fast drei Monate.

Wer es verkündete — und von wo

Die Ankündigung kam nicht vom Landrat allein. Bayerische Agrarministerin Michaela Kaniber (CSU) trat am Montagabend vor die Kameras — nach einer Krisensitzung in Bad Reichenhall — und gab die Maßnahmen bekannt. Inzidenz: 272,8. Allein seit dem Vortag: 57 Neuinfektionen.

Was die Meldung nicht erwähnte: Kaniber ist seit 2011 CSU-Kreisvorsitzende im Berchtesgadener Land. Die Abgeordnete des Stimmkreises Berchtesgadener Land verkündete den Lockdown für ihre eigene Heimatregion — den ersten dieser Art in ganz Deutschland.

Söder hatte am Nachmittag den Ton gesetzt: „Anders geht es nicht. Es wird das härteste Protokoll sein, das wir an der Stelle haben werden."

Drei Jahre später, Oktober 2023: Michaela Kaniber wird als Bayerische Staatsministerin für Ernährung, Landwirtschaft, Forsten — und Tourismus — wiederbestätigt. Die Abgeordnete, die den ersten Tourismus-Lockdown Deutschlands verkündete, ist heute für den Wiederaufbau eben jenes Sektors zuständig. Das ist kein Vorwurf. Es ist eine Chronologie.

Touristen raus — wohin?

Die Verordnung war eindeutig: Touristen mussten abreisen. Hotels durften ausschließlich Geschäftsreisende beherbergen. Ein Landkreis, der als bundesweiter Inzidenzspitzenreiter galt, entließ seine gesamte Urlaubsbevölkerung an diesem Nachmittag in alle Himmelsrichtungen. Ohne Testpflicht bei Abfahrt. Ohne Quarantäneauflage am Heimatort.

Dass diese Logik epidemiologisch fragwürdig war, hatte eine Woche zuvor niemand Geringerer als der damalige SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach öffentlich festgehalten: Keine Studie zeige, dass das Reisen innerhalb Deutschlands ein Pandemietreiber sei. Virologe Jonas Schmidt-Chanasit hatte Beherbergungsverbote als nicht zielgerichtet, nicht effektiv und letztendlich realitätsfremd bezeichnet.

Acht Tage nach diesen Aussagen: Touristen-Abzug aus dem Berchtesgadener Land. Zwei Wochen danach: bundesweiter Teil-Lockdown, der deutlich mildere Maßnahmen für ganz Deutschland einführte — auf Basis derselben Inzidenz-Logik.

Die Frage, ob der Abtransport der Touristen aus einem erklärten Hotspot das Infektionsgeschehen in ihren Heimatlandkreisen beeinflusste, wurde öffentlich nie gestellt. Und nie beantwortet.

Was die Intensivstation zeigt — und was nicht

Die Kreisklinik Berchtesgaden versorgt den Landkreis mit 120 Betten und einer Intensivstation. Für eine Tourismusregion mit saisonal stark schwankender Bevölkerungsdichte ist das eine schmale Kapazität.

Die Daten der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) für den Landkreis zeigen für den gesamten Lockdown-Zeitraum: keinen erkennbaren Zusammenhang zwischen der Gesamtbelegung der Intensivstation und dem Anteil der Patienten mit positivem Corona-Test. Die gemeldete Kapazität schwankte dabei zusammen mit der Belegung — was bedeutet, dass die tatsächlich verfügbare Reserve im Extremfall unklar blieb.

Eine drohende Überlastung der lokalen Intensivstation als Begründung für den Lockdown wurde öffentlich nicht dokumentiert. Die offizielle Begründung lautete: Die Infektionsketten seien nicht mehr nachverfolgbar.

Dass Krankenhäuser in jenem Zeitraum einen finanziellen Anreiz hatten, COVID-positive Fälle als solche zu erfassen — 50 Euro zusätzlich pro Tag und Fall, rückwirkend ab 1. Oktober 2020, auf Basis einer Vereinbarung mit dem GKV-Spitzenverband — gehört zur vollständigen Datenlage. Es erklärt nichts. Es ergänzt das Bild.

Die Bilanz, die sich korrigierte

Landrat Kern zog nach zwei Wochen eine positive Bilanz: Die Maßnahmen zeigten Wirkung, die Kurve flache ab.

Wenige Wochen später titelten dieselben Medien: Der längste Lockdown Deutschlands wirke nicht wie erhofft. Die Inzidenz blieb über Monate weit über dem ausgegebenen Zielwert von 50.

Beide Aussagen stammen aus offiziellen Quellen. Beide sind dokumentiert. Die erste bekam bundesweite Aufmerksamkeit. Die zweite nicht.

Söders Zustimmungswerte folgten einer ähnlichen Kurve: Von 71 Prozent auf dem Höhepunkt der ersten Pandemiewelle sanken sie bis Februar 2021 auf 48 Prozent — der tiefste Wert seit Beginn seiner Amtszeit. Sein persönliches Ansehen hielt sich dabei stabiler als das der CSU selbst: Noch im März 2021 bezeichneten 70 Prozent der Befragten ihn als guten Ministerpräsidenten, während die Partei in Umfragen auf 40 Prozent fiel.

Im Oktober 2023 wurde Söder mit 37 Prozent für die CSU erneut zum Ministerpräsidenten gewählt. Der Lockdown im Berchtesgadener Land kam in keinem Wahlkampf vor.

Was bleibt

Keine dieser Beobachtungen beweist Absicht. Keine belegt eine koordinierte Strategie. Was sie gemeinsam zeigen: Entscheidungen von erheblicher Tragweite wurden in kürzester Zeit, auf Basis eines einzigen Messwerts, ohne öffentliche Abwägung der epidemiologischen Nebenwirkungen getroffen — und die Korrekturen, die folgen mussten, fanden leiser statt als die ursprünglichen Ankündigungen.

Aus dem Landkreis kam immerhin eine konstruktive Antwort auf die Frage, wie man früher und besser warnen kann: Im Klärwerk entstand ein Abwasser-Frühwarnsystem, das dem offiziellen Fallzahlenregister um mehrere Tage voraus war. Es funktioniert ohne politische Bilanz. Es misst.

Diese Methode gilt heute als Blaupause. Nicht weil der Lockdown richtig war — sondern weil das Messen besser ist als das Schätzen.

Quellen: Bayerischer Landtag (Abgeordnetenprofil Kaniber); tageskarte.io / dpa, 19. Oktober 2020; Wikipedia: Beherbergungsverbot (mit Nachweisen zu Schmidt-Chanasit und Lauterbach); DIVI-Daten via faktenbasis.org; GKV-Spitzenverband, Corona-Mehrkostenzuschlagsvereinbarung, 12. Oktober 2020; Civey/Augsburger Allgemeine, Februar 2021; Landtagswahl Bayern 2023 (Wikipedia/amtl. Ergebnis).