750 Millionen Euro. Zwei Jungunternehmer. Und ein Minister, der es so wollte.

Der Emix-Deal, der Sudhof-Bericht und was die Schwärzungen verbargen: Eine Rekonstruktion der teuersten Maskenbeschaffung der deutschen Geschichte.

a warehouse with several large metal containers
Foto: Lawrence Krowdeed / Unsplash

750 Millionen Euro. Zwei Jungunternehmer. Und ein Minister, der es so wollte.

Die Geschichte des Emix-Deals beginnt mit einem Anruf, den niemand hätte entgegennehmen müssen. Es war der 9. März 2020. Deutschland schloss gerade die ersten Schulen. Das Bundesgesundheitsministerium suchte händeringend Schutzmasken. In diesem Moment meldete sich Andrea Tandler — Tochter des früheren CSU-Politikers Gerold Tandler — beim Minister persönlich. Sie kannte zwei Schweizer, die Masken beschaffen konnten.

Die beiden Schweizer hießen Jascha Rudolphi und Luca Steffen. Sie waren jung, hatten keine Erfahrung im Medizinbereich. Ihre Firma Emix Trading war frisch gegründet. Aber sie hatten Kontakte nach China — und eine Vermittlerin mit dem richtigen Telefonbuch.

Was folgte, ist im Sudhof-Bericht dokumentiert: dem internen Revisionsbericht, den die frühere SPD-Staatssekretärin Dr. Margaretha Sudhof im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums verfasste. Zunächst geschwärzt an den Bundestag übergeben. Dann — nach einer FragDenStaat-Klage — in wesentlichen Teilen ungeschwärzt veröffentlicht. Was die Schwärzungen verbargen, war nicht technischer Natur. Es war die persönliche Verantwortung eines Ministers.


Was die Zahlen sagen

Zwischen März 2020 und 2021 schloss das Bundesgesundheitsministerium mindestens fünf Verträge mit Emix ab — ohne Ausschreibung, ohne Teilnahmewettbewerb. Die Begründung: Pandemie-Ausnahme.

Die Bilanz:

  • Über 749 Millionen Euro zahlte der Bund an Emix
  • Darunter allein ein Auftrag vom 21.–24. April 2020: 100 Millionen FFP2-Masken zu 5,40 Euro pro Stück — macht 540 Millionen Euro in einer einzigen Bestellung
  • Durchschnittspreis FFP2: 5,58 Euro netto, in Einzelfällen über 7 Euro
  • TÜV Nord prüfte die Lieferungen: Bis zu 48 Prozent der FFP2-Masken und 40 Prozent der OP-Masken wurden als mangelhaft eingestuft

Das Ministerium akzeptierte Emix' eigene, niedrigere Mängelquoten als Verhandlungsgrundlage.

Am 18. Mai 2020 unterzeichnete ein BMG-Abteilungsleiter die sogenannte Klarstellungsvereinbarung mit Emix. Die ungeschwärzten Passagen des Sudhof-Berichts beschreiben sie unmissverständlich: Der Vergleich sei „ausschließlich vorteilhaft für Emix" gewesen. Es gab „keine Abwägung von Risiken und Chancen". Emix erhielt dreifaches Nachlieferungsrecht bei mangelhafter Ware — eine Sonderbehandlung, die anderen Lieferanten verweigert wurde. Die Preise blieben unverändert hoch, obwohl der Marktpreis inzwischen gesunken war.

Sudhof schreibt: „Im Lichte der Marktlage im Mai 2020 erschließt sich jedenfalls nicht, inwiefern der Emix-Vergleich die Interessen des Bundes angemessen abbildet."


Was die Provision zeigt

Für ihre Vermittlungsleistung erhielt Andrea Tandlers Firma „Little Penguin" eine Provision von rund 48 Millionen Euro — verteilt auf Deals beim Bund, in Bayern und in NRW.

NRW zahlte für Emix-Masken teilweise bis zu 9,90 Euro pro Stück — fast doppelt so viel wie der Bund.

Im Jahr 2023 verurteilte das Landgericht München Andrea Tandler zu viereinhalb Jahren Haft — wegen Steuerhinterziehung. Die Provision war real. Die Steuern darauf hatte sie nicht abgeführt.


Was der Rechnungshof und Sudhof gemeinsam festhalten

Beide unabhängig voneinander: Das BMG unter Jens Spahn hat nicht als professionelle Behörde gehandelt, sondern als „Team Ich" — Sudhofs eigene Formulierung.

  • Fachabteilungen wurden übergangen
  • Bedarfsprüfungen fehlten oder sind nicht dokumentiert
  • Andere Ministerien (Verteidigung, Inneres), die für Beschaffung zuständig gewesen wären, wurden ignoriert
  • Spahn zog die Kontrolle persönlich an sich

Das Gesamtbild der Bundesbeschaffung:

Posten Betrag
Eingekaufte Masken (5,8 Mrd. Stück) 5,9 Mrd. €
Lagerung, Logistik, Vernichtung, Beratung (bis 2027) > 0,6 Mrd. €
Anhängige Klagen (Streitwert + Zinsen) > 3,7 Mrd. €
Konservative Gesamtschätzung > 10 Mrd. €

Von den 5,8 Milliarden eingekauften Masken wurden nur rund 1,7 Milliarden verteilt. Über 3,4 Milliarden Masken wurden bereits vernichtet oder stehen zur Vernichtung an.


Was das bedeutet

Drei Milliarden Masken in der Tonne. Zehn Milliarden Euro Steuergeld. Ein Bericht, der geschwärzt wurde — und nach dem Entschwärzen klarer ist als zuvor.

Der Sudhof-Bericht ist kein Vorwurf von Verschwörungstheoretikern. Er ist ein behördeninternes Dokument, erstellt im Auftrag des amtierenden Gesundheitsministeriums, inzwischen teilweise ungeschwärzt bei FragDenStaat zugänglich. Die zitierten Zahlen stammen aus Bundesrechnungshof-Berichten, parlamentarischen Anfragen und Gerichtsurteilen.

Was bleibt, ist eine Frage — nicht an Emix, nicht an Tandler, sondern an die Verwaltung, die das alles möglich gemacht hat: Wenn ein Bericht so viele Schwärzungen enthält, was sollten die Bürger dann nicht sehen?


Primärquellen: Sudhof-Bericht (ungeschwärzt via FragDenStaat), Bundesrechnungshof-Berichte, Urteil LG München I (Tandler), parlamentarische Anfragen BMG.