31. Januar 2020: Eine E-Mail, die niemand sehen sollte

Kristian Andersen schrieb an Fauci, Teile des Virus wirkten 'potentially engineered'. 45 Tage später war er Erstautor des Papers, das genau das Gegenteil schloss.

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Foto: ThisisEngineering / Unsplash

31. Januar 2020: Eine E-Mail, die niemand sehen sollte

Es war kurz vor Mitternacht, als Kristian Andersen seinem Kollegen Anthony Fauci schrieb. Andersen ist Virologe am Scripps Research Institute in La Jolla, Kalifornien — einer der besten seiner Zunft. Die Nachricht war kurz. Der Inhalt war nicht für die Öffentlichkeit gedacht.

Er schrieb, dass er und drei weitere Wissenschaftler das Genom von SARS-CoV-2 analysiert hätten. Ihr Befund: Einige Merkmale des Virus wirkten — sein Wort — „potentially engineered". Möglicherweise konstruiert.

Diese E-Mail existierte. Sie wurde über das US-amerikanische Freedom-of-Information-Gesetz freigegeben. Sie ist öffentlich zugänglich.

Fünf Wochen später veröffentlichte Kristian Andersen in Nature Medicine — einer der renommiertesten wissenschaftlichen Fachzeitschriften der Welt — ein Paper, das genau das Gegenteil schloss.

Was am 1. Februar 2020 geschah

Einen Tag nach der E-Mail an Fauci fand eine Telefonkonferenz statt. Teilnehmer: Fauci, Francis Collins (damals NIH-Direktor), Andersen und mehrere weitere Top-Virologen, darunter Edward Holmes, Robert Garry und Michael Farzan.

Laut späteren Dokumenten und Protokollen, die durch parlamentarische Untersuchungen in den USA freigegeben wurden, diskutierte die Runde zwei Szenarien: natürliche Entstehung des Virus — oder Laborherkunft. Einige Teilnehmer hielten zu diesem Zeitpunkt die Laborhypothese für plausibel oder sogar wahrscheinlich.

Was in dieser Konferenz entschieden wurde, ist nicht vollständig protokolliert. Was danach passierte, ist es.

17. März 2020: Das Paper erscheint

Sechs Wochen nach der internen Diskussion veröffentlichten Andersen, Holmes, Garry und weitere Autoren in Nature Medicine: „The proximal origin of SARS-CoV-2".

Die Schlussfolgerung: Das Virus sei mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit natürlichen Ursprungs. Eine Laborentstehung sei „nicht plausibel". Die Furin-Spaltstelle, so das Paper, könne durch natürliche Selektion entstanden sein.

Das Paper wurde zum meistzitierten Dokument der Pandemie in der Debatte um den Virusursprung. Medien weltweit berichteten. Die Lab-Hypothese galt als widerlegt — wer sie weiter verfolgte, wurde als Verschwörungstheoretiker eingeordnet.

Die Gegenüberstellung

E-Mail, 31. Januar 2020 Nature Medicine, 17. März 2020
Autor Kristian Andersen (an Fauci) Andersen et al.
Ton Intern, vertraulich Öffentlich, peer-reviewed
Befund zur Laborhypothese Merkmale des Virus wirkten „potentially engineered" Laborentstehung „nicht plausibel"
Status FOIA-freigegeben, öffentlich Meistzitiertes Paper zum Virusursprung
Zeitabstand 45 Tage

Was Andersen später sagte

Als die E-Mail 2021 öffentlich wurde, erklärte Andersen auf Twitter: Die frühe Einschätzung sei Teil eines normalen wissenschaftlichen Prozesses gewesen. Man habe verschiedene Hypothesen geprüft und sei dann durch weitere Analyse zu dem Schluss gekommen, dass eine natürliche Herkunft am wahrscheinlichsten sei.

Das ist eine mögliche Erklärung. Sie erklärt nicht, warum interne Kommunikation, in der Wissenschaftler über mögliche Laborverbindungen sprachen, jahrelang nicht veröffentlicht wurde — und warum das öffentliche Paper so kategoriell schloss, was die interne Diskussion noch offen gelassen hatte.

Was bis heute nicht geklärt ist

Die US-Geheimdienste sind gespalten. Das FBI und das Department of Energy hielten zuletzt eine Laborherkunft für wahrscheinlicher. CIA und andere Dienste sehen natürliche Herkunft als plausibler an. Eine abschließende Bewertung gibt es nicht.

Das Zwischenwirtstier — das Tier, in dem SARS-CoV-2 die Furin-Spaltstelle entwickelt haben soll — wurde bis heute nicht gefunden. Für SARS-1 dauerte die Suche vier Jahre. Für SARS-CoV-2 sind es inzwischen mehr als fünf Jahre.

Das Paper von Andersen et al. ist weiterhin veröffentlicht. Es trägt keine Korrektur, kein Editorial Note, keine Einschränkung.

Was das für das Erinnern bedeutet

Die Lab-Hypothese wurde 2020 und 2021 in großen Teilen des öffentlichen Diskurses als Verschwörungstheorie eingeordnet. Wer sie ernsthaft diskutierte, riskierte Reputationsschäden.

Die Grundlage für diese Einordnung war zu erheblichem Teil das Proximal-Origin-Paper.

Die E-Mail vom 31. Januar 2020 zeigt: Die Autoren dieses Papers hielten dieselbe Hypothese wenige Wochen zuvor selbst für diskussionswürdig.

Das ist kein Beweis für eine Verschwörung. Es ist ein dokumentierter Widerspruch zwischen interner Wissenschaftlerkommunikation und öffentlicher Aussage — in einer Frage, die für die gesamte Pandemiepolitik relevant war.

Primärquellen: Andersen an Fauci, E-Mail vom 31.01.2020 (FOIA-freigegeben, via BuzzFeed News / Washington Post). Andersen et al. (2020): „The proximal origin of SARS-CoV-2", Nature Medicine, Vol. 26, S. 450–452. Geheimdienstberichte: ODNI Annual Threat Assessment 2023; FBI-Stellungnahme März 2023.