Das Alarmsignal
Ein Krankenkassen-Chef meldet dem Paul-Ehrlich-Institut ein Datensignal zu Impfnebenwirkungen – und wird binnen Tagen entlassen. Was die ICD-Codes zeigen, was strittig bleibt, und was das PEI selbst über sein eigenes Meldesystem sagt.
Das Alarmsignal
Am 1. März 2022 trennte sich der Verwaltungsrat der Krankenkasse BKK ProVita „mit sofortiger Wirkung" von seinem Vorstand. Der Mann hatte die Kasse seit 2001 geführt. Sein Fehler, folgt man der offiziellen Begründung: eine Auswertung, die er nicht hätte veröffentlichen dürfen.1 Was war passiert?
Damals: Ein Brief mit Frist
Andreas Schöfbeck war kein Unbekannter im Gesundheitssystem. Zwei Jahrzehnte an der Spitze einer bayerischen Betriebskrankenkasse, zuletzt öffentlich für eine "veggiefreundliche" Ausrichtung und Naturheilverfahren im Leistungskatalog bekannt.2 Anfang Februar 2022 wandte er sich mit einem Datensatz an den Hamburger Statistik-Analysten Tom Lausen, der zu diesem Zeitpunkt bereits als geladener Sachverständiger im Gesundheitsausschuss des Bundestages aufgetreten war und ein Portal zur Intensivbettenauslastung betrieb.3
Grundlage war der Datenpool aller Betriebskrankenkassen: gut 10,9 Millionen Versicherte, deren Abrechnungsdaten die BKK ProVita einsehen konnte. Lausen half bei der Auswertung bestimmter ICD-Codes — jener Kürzel, mit denen Ärztinnen und Ärzte Diagnosen für die Abrechnung mit den Kassen kodieren. Konkret ging es um die Codes T88.0, T88.1, U12.9 und Y59.9 — die offiziellen Kennungen für Impfkomplikationen und unerwünschte Nebenwirkungen von Impfstoffen.4
Das Ergebnis der Hochrechnung: Allein für die ersten sieben Monate des Jahres 2021 kam die BKK ProVita auf 216.695 behandelte Fälle von Impfnebenwirkungen nach Corona-Impfung — bezogen auf ihre Stichprobe von 10,9 Millionen Versicherten.5 Zum Vergleich: Das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) verzeichnete bis Ende 2021 bundesweit, bei rund 61,4 Millionen Geimpften, insgesamt 244.576 gemeldete Verdachtsfälle.6
Schöfbeck schrieb daraufhin an PEI-Präsident Klaus Cichutek. Seine Auswertung nannte er darin ein "erhebliches Alarmsignal, das unbedingt beim weiteren Einsatz der Impfstoffe berücksichtigt werden muss".7 Den Brief schickte er zugleich an den GKV-Spitzenverband, den BKK-Dachverband, die Bundesärztekammer, die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und die Ständige Impfkommission (STIKO) — mit der Bitte um Rückmeldung bis zum 22. Februar 2022, 18 Uhr.8
Der BKK-Dachverband reagierte zunächst sachlich und begrüßte ausdrücklich ein Vorhaben des PEI, die Abrechnungsdaten der Kassen mit den Impfdaten des Digitalen Impfquoten-Monitors zu verknüpfen, um "einen differenzierten Blick auf Impfreaktionen beziehungsweise Impfnebenwirkungen" zu bekommen.9
Am 1. März 2022 — dem Tag, an dem Schöfbeck eigentlich mit PEI-Präsident Cichutek über seine Daten sprechen sollte — beschloss der Verwaltungsrat der BKK ProVita die fristlose Entlassung. Das Treffen mit dem PEI fand später ohne ihn statt, mit seinem Nachfolger Walter Redl.10
Heute: Zwei Erzählungen, ein Zahlenkonflikt
Die BKK ProVita äußerte sich später ausführlicher zu den Hintergründen. In einer nachträglichen Stellungnahme wirft die Kasse ihrem ehemaligen Vorstand vor, im Alleingang gehandelt, das Kontrollgremium und die Fachabteilungen umgangen und ohne Abstimmung eine Pressemitteilung veröffentlicht zu haben. Als Amtsträger einer Körperschaft des öffentlichen Rechts habe für ihn eine besondere Neutralitätspflicht gegolten.11 Der Vorsitzende des Ärzteverbands Virchowbund sprach öffentlich von "undifferenzierter Schwurbelei"; der Heidelberger Chefvirologe Hans-Georg Kräusslich hielt die Auswertung für "ärgerlich, schlecht und schädlich" und vermutete hinter den Zahlen überwiegend gewöhnliche, nicht meldepflichtige Impfreaktionen.12
Zehn Monate später, im Dezember 2022, tauchten ICD-Codes erneut in den Schlagzeilen auf — diesmal in einer separaten, umfangreicheren Auswertung von Lausen auf Basis von KBV-Daten zu ungeklärten Todesfällen (Codes R96.0, R96.1, R98, R99), vorgestellt auf einer Pressekonferenz der AfD-Bundestagsfraktion am 12. Dezember 2022. Die zugrundeliegenden Zahlen wies die Fraktion in ihrer eigenen, öffentlich einsehbaren Präsentation aus: ein Anstieg von durchschnittlich rund 1.800 auf etwa 9.000 solcher Todesfälle pro Quartal.13 Die KBV widersprach noch am selben Tag jedem Kausalzusammenhang zur Impfung und erklärte die Zunahme mit pandemiebedingter Übersterblichkeit; ihr Vorstandsvorsitzender Andreas Gassen erklärte, man dürfe nicht "in Zahlen etwas hineininterpretieren, was sie einfach nicht hergeben".14 Das Zentralinstitut der Kassenärztlichen Versorgung (Zi) warf der Auswertung einen methodischen Kohorten-Fehler vor: Die Datenanfrage habe nur Versicherte erfasst, die 2021 überhaupt einen Arzt aufgesucht hatten, was die Vorjahreswerte künstlich niedrig erscheinen lasse.15 Auch das Wissenschaftliche Institut der AOK (WIdO) kam bei eigener Prüfung zu einem gegenteiligen Befund: Der Anteil der fraglichen Codes unter allen Verstorbenen sei rückläufig, nicht steigend.16
Der Datenanalyst selbst widersprach dem Kohorten-Einwand mit einem Gegenargument, das in der Präsentation der Bundestagsfraktion dokumentiert ist: In den amtlichen KBV-Datenlieferungen fänden sich über 100.000 Sterbefälle mit exakt diesen Codes bereits aus den Jahren 2016 bis 2020 — Menschen, die 2021 unmöglich noch zum Arzt gegangen sein könnten. Diese Menge schließe seltene Erfassungsfehler als Erklärung aus.17 Eine unabhängige gerichtliche oder wissenschaftliche Klärung dieses konkreten Widerspruchs zwischen Zi/KBV-Position und der Gegendarstellung ist öffentlich nicht dokumentiert.
Was in der Debatte um Methodik und Kohorten unterzugehen droht: Die Grundannahme, von der Schöfbecks Alarmbrief 2022 ausging — eine strukturelle Untererfassung bei Nebenwirkungsmeldungen — ist keine Erfindung der BKK ProVita. Das PEI selbst geht in einer gemeinsam mit dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) veröffentlichten Einschätzung von einer Untererfassungsrate des passiven Spontanmeldesystems von rund 90 bis 95 Prozent bei schwerwiegenden Verdachtsfällen aus.18 Diese Zahl bezieht sich generell auf das Meldesystem für Arzneimittel und Impfstoffe — nicht speziell auf Corona-Impfstoffe — belegt aber, dass die Sorge um eine systematische Lücke zwischen tatsächlichem Geschehen und gemeldeten Fällen keine Randposition war, sondern eine vom PEI selbst anerkannte Eigenschaft des Systems.
Die von PEI und BKK-Dachverband 2022 gemeinsam angekündigte Studie, die Krankenkassendaten mit dem Impfquoten-Monitor verknüpfen sollte, kam nicht zustande — nach PEI-Angaben, weil sich keine der großen gesetzlichen Krankenkassen zur Teilnahme bereit erklärte.19 Eine Sprecherin des Instituts teilte im Dezember 2024 mit, man plane, bis Ende 2024 über das Robert Koch-Institut die Daten aller 17 Kassenärztlichen Vereinigungen zu erhalten, um eine "robuste Analyse" zu ermöglichen. Einen Termin für deren Fertigstellung oder Veröffentlichung nannte sie nicht.20 Ein zuvor für das vierte Quartal 2024 angekündigter Bericht blieb ebenfalls aus.21
Das Muster
Zwei Dinge lassen sich unabhängig von der Bewertung einzelner Zahlenreihen festhalten. Erstens: Der Vorstand einer Krankenkasse verlor seinen Posten nicht wegen erwiesener Falschbehauptungen, sondern innerhalb weniger Tage nach der Ankündigung, ein Datensignal an die zuständige Behörde weiterzugeben — noch bevor das fachliche Gespräch darüber überhaupt stattfinden konnte. Zweitens: Die zuständige Bundesoberbehörde bestätigt in eigenen Publikationen eine strukturelle Untererfassungsrate von bis zu 95 Prozent für genau jenes Meldesystem, dessen Vollständigkeit im Zentrum des Streits stand — und die gemeinsam angekündigte Studie zur Klärung blieb über drei Jahre lang unvollendet.
Das Muster ist nicht die Frage, ob eine einzelne Hochrechnung methodisch sauber war — darüber lässt sich, wie die Zi-Kritik zeigt, redlich streiten. Das Muster ist, wie unterschiedlich schnell auf zwei Formen von Kritik reagiert wurde: Ein Amtsträger, der eine unbequeme Zahl meldet, verliert binnen Tagen seinen Posten. Eine Bundesbehörde, die eine seit Jahren angekündigte Datenauswertung nicht liefert, bekommt drei Jahre und mehrere neue Fristen.
Ein weiterer Punkt bleibt auffällig, ohne dass sich daraus ein Beweis konstruieren ließe: Der Datenpool, auf dem Schöfbecks Auswertung beruhte, gehörte nicht allein der BKK ProVita — er wird von allen Betriebskrankenkassen gemeinsam gespeist und wäre damit grundsätzlich für jede von ihnen auswertbar gewesen. Hätte die Analyse offensichtliche handwerkliche Mängel enthalten, hätte eine öffentliche, im öffentlich-rechtlichen Rundfunk breit rezipierte Gegenrechnung durch eine andere Kasse nahegelegen — als schneller, eindeutiger Beleg. Eine solche unabhängige Gegenrechnung einer anderen Betriebskrankenkasse ist öffentlich nicht dokumentiert. Ob das an fehlendem Interesse liegt, an juristischer Zurückhaltung oder daran, dass die Entlassung als Exempel verstanden wurde — das lässt sich aus den vorliegenden Dokumenten nicht beweisen. Die Frage bleibt trotzdem berechtigt, und genau solche offenen, belegbaren Fragen sind es, die Aufarbeitung von Spekulation unterscheiden.
Hoffnung
Was diese Geschichte am Ende zeigt, ist kein geschlossenes System ohne Korrektur. Die ICD-Codes, um die es hier geht, sind öffentlich dokumentierte, nachprüfbare Verwaltungsdaten — kein Geheimwissen. Die KBV hat sie herausgegeben, das Zi hat methodisch widersprochen, die AOK hat eigene Zahlen vorgelegt, das PEI hat seine eigene Untererfassungsquote schriftlich festgehalten. All das liegt vor, ist zitierfähig und lässt sich nachvollziehen — genau deshalb kann dieser Artikel es zeigen. Ein System, das seine eigenen Schwächen dokumentiert, und in dem Bürgeranfragen nach dem Informationsfreiheitsgesetz nachträglich Licht in Entlassungsgründe und Studienverzögerungen bringen, ist eines, das sich beobachten und irgendwann auch korrigieren lässt. Die Aufgabe der nächsten Jahre ist nicht, neue Skandale zu suchen, sondern die längst vorhandenen Daten endlich vollständig auszuwerten — von unabhängiger Seite, öffentlich nachvollziehbar, ohne dass jemand dafür seinen Schreibtisch räumen muss.
Fußnoten
- BKK ProVita, "Abschließende Stellungnahme", Unternehmensmitteilung zur Entlassung von Andreas Schöfbeck, bkk-provita.de. ↩
- Ärztezeitung, "BKK ProVita entlässt Vorstand Schöfbeck 'mit sofortiger Wirkung'", 2.3.2022 — zur langjährigen Amtszeit und zum Markenprofil der Kasse. ↩
- Multipolar Magazin, "Krankenkassenchef warnt: Zehn mal mehr Impfnebenwirkungen als offiziell erklärt", 24.2.2022 — zur Rolle Tom Lausens bei der Datenaufbereitung. ↩
- Report24 / Zi-Statement vom 13.12.2022, dokumentiert die für die BKK-Auswertung verwendeten ICD-Codes T88.0, T88.1, U12.9, Y59.9. ↩
- t-online, "Aussagen zu Impfnebenwirkungen: BKK-Chef Andreas Provita gefeuert", 2.3.2022 — Zahl 216.695 Fälle, bezogen auf 10,9 Mio. Versicherte. ↩
- Deutsches Ärzteblatt, "Ärger um Kassenaussagen zu Impfnebenwirkungen", 28.2.2022 — offizielle PEI-Meldezahl 244.576 bei 61,4 Mio. Geimpften. ↩
- Deutsches Ärzteblatt, ebd. — Wortlaut des Schreibens an PEI-Präsident Cichutek. ↩
- Multipolar Magazin, ebd. — Verteiler und Fristsetzung des Schöfbeck-Briefs. ↩
- Deutsches Ärzteblatt, ebd. — Stellungnahme des BKK-Dachverbands zur geplanten PEI-Studie. ↩
- Apotheke Adhoc, "BKK ProVita feuert Chef", 2.3.2022 — Zeitpunkt der Entlassung und Nachfolge durch Walter Redl. ↩
- BKK ProVita, "Abschließende Stellungnahme", a.a.O. — Vorwurf des Alleingangs und der Neutralitätspflicht. ↩
- t-online, ebd. — Zitate von Dirk Heinrich (Virchowbund) und Hans-Georg Kräusslich (Universitätsklinikum Heidelberg). ↩
- Berliner Zeitung (dpa), "AfD-Fraktion fordert Aussetzung von Corona-Impfungen", 12.12.2022; AfD-Bundestagsfraktion, Präsentation "KBV-Daten" vom 12.12.2022 (afdbundestag.de) — Primärdokument mit den vorgestellten Fallzahlen. ↩
- Berliner Zeitung (dpa), ebd. — Zitat Dr. Andreas Gassen (KBV-Vorstandsvorsitzender) und offizielle KBV-Stellungnahme zur pandemiebedingten Übersterblichkeit. ↩
- Correctiv Faktencheck, "Warum die Analyse der KBV-Daten durch die AfD keinen Anstieg von Todesfällen in 2021 belegt", 15.12.2022 — Darstellung des Zi-Kohorteneinwands. ↩
- Correctiv Faktencheck, ebd. — Verweis auf die abweichende WIdO/AOK-Auswertung. ↩
- AfD-Bundestagsfraktion, Präsentation "KBV-Daten" vom 12.12.2022 (afdbundestag.de) — dort dokumentierte Gegendarstellung mit Fallzahlen 2016–2020. Hinweis: Primärdokument einer Bundestagsfraktion, keine unabhängige Verifikation dieser Gegenrechnung bekannt. ↩
- Ärztinnen und Ärzte für individuelle Impfentscheidung e.V. (ÄFI), Analyse auf Basis von Paul-Ehrlich-Institut & Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (2017) — Untererfassungsrate von 90–95 % im Spontanmeldesystem. ↩
- Epoch Times, "Paul-Ehrlich-Institut nimmt Stellung zur Debatte 'plötzlicher und unerwarteter Todesfälle'", 20.12.2022 — PEI-Angaben zum Scheitern der Kassen-Kooperation. ↩
- Epoch Times, "PEI-Sicherheitsanalyse lässt weiter auf sich warten", 5.12.2024 — PEI-Sprecherin zur RKI-Datenübermittlung und "robusten Analyse". ↩
- Epoch Times, ebd. — zur zuvor angekündigten, ausgebliebenen Veröffentlichung im vierten Quartal 2024. ↩