Das dunkelste Kapitel

RKI, PEI und Leopoldina haben eigene Geschichtsforschung zu ihren Gründerjahren betrieben. Was sie über ihre Namensgeber und frühen Präsidenten herausfanden, ist unbequem — und selbst aufgearbeitet.

mirror image of bookcase
Foto: Luis Tosta / Unsplash

Drei Institutionen, deren Namen für Vertrauen stehen sollen — und was ihre eigene Geschichtsforschung über ihre Gründerjahre herausgefunden hat.

Das Robert Koch-Institut nennt es selbst so: „das dunkelste Kapitel". Nicht ein Kritiker, nicht ein Gegner der Institution — das RKI selbst, in seiner eigenen, aus eigenen Mitteln finanzierten Geschichtsaufarbeitung.¹ Wer heute auf die Autorität dieser Institutionen verweist, sollte auch wissen, was diese Institutionen selbst über ihre eigene Vergangenheit herausgefunden haben. Das ist keine Anklage. Es ist eine Einladung, genauer hinzusehen — mit denselben Maßstäben, primärquellenbasiert, ohne Vorverurteilung.

Damals: Was die Institute selbst über sich fanden

Robert Koch, Ostafrika, 1905–1907. Der Namensgeber des RKI gilt zu Recht als Begründer der modernen Bakteriologie — Tuberkulose-Erreger, Cholera-Erreger, Nobelpreis 1905. Unbestritten. Weniger bekannt: Im Auftrag des Deutschen Reichs reiste Koch nach Ostafrika, um die Schlafkrankheit zu bekämpfen. Auf den Sese-Inseln im Viktoriasee ließ er Patienten gegen ihren Willen mit dem hochgiftigen Mittel Atoxyl behandeln. Viele der inhaftierten Patienten erblindeten, jeder zehnte starb.² Koch selbst beschrieb diese Zeit in seinen eigenen Aufzeichnungen als „glückliche Tage" und „ungestörte Forschungsbedingungen".³

„Koch hat Verbrechen in Auftrag gegeben, für die er sich nie rechtfertigen musste." — Philipp Osten, Leiter des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf⁴

Das RKI im Nationalsozialismus. 2006 beauftragte das RKI — aus eigenem Antrieb und mit eigenen Mitteln — unabhängige Historiker der Charité, seine NS-Geschichte zu untersuchen. Das Ergebnis, in den eigenen Worten des Instituts:

„Vor Projektbeginn war bekannt, dass einzelne RKI-Wissenschaftler an inhumanen Menschenversuchen in Konzentrationslagern und psychiatrischen Einrichtungen beteiligt waren. Durch das Forschungsprojekt kam eine Reihe neuer Namen und Taten ans Licht. Deutlich wurde vor allem die damalige fast vollständige Durchdringung des RKI mit der NS-Ideologie." — RKI-Broschüre „Erinnerungszeichen"⁵

Der damalige Institutsleiter Eugen Gildemeister, so das RKI über seinen eigenen früheren Präsidenten, „kann durchaus als treibende Kraft der Experimente bezeichnet werden" — gemeint sind Infektionsversuche in Konzentrationslagern mit einkalkuliertem tödlichem Ausgang. Gildemeister stimmte nicht nur dafür, er stellte auch das Erregermaterial zur Verfügung.⁶ Zwölf Wissenschaftler und Mitarbeiter wurden 1933 wegen ihrer jüdischen Herkunft aus dem Institut entlassen — auch das ist Teil der institutionseigenen Aufarbeitung.⁷

Paul Ehrlich, Salvarsan, 1910. Der Namensgeber des Paul-Ehrlich-Instituts entwickelte mit Salvarsan das erste gezielte Chemotherapeutikum der Medizingeschichte — Grundlage aller späteren Antibiotika, Nobelpreis 1908. Die klinische Prüfung des Mittels umfasste nach medizinhistorischen Quellen Versuche mit Insassen psychiatrischer Anstalten. Ein informiertes Einverständnis, wie es heute selbstverständlicher Standard ist, existierte nicht.⁸ Ehrlich selbst war jüdischer Herkunft; in der NS-Zeit wurde sein Name aus deutschen Fachpublikationen getilgt. Dass das Institut seit 1947 seinen Namen trägt, war eine bewusste Geste der Rehabilitierung nach dem Nationalsozialismus — kein Zufall der Firmengeschichte.⁹

Emil Abderhalden, Leopoldina, 1932–1950. Die Leopoldina, seit 2008 „Nationale Akademie der Wissenschaften" und heute maßgeblich an politischer Beratung beteiligt, wurde von 1932 bis 1950 von Emil Abderhalden geführt — dem am längsten amtierenden Präsidenten ihrer Geschichte. Ab 1909 behauptete Abderhalden, spezifische Enzyme nachgewiesen zu haben, die bei Immunreaktionen entstehen — die sogenannten „Abwehrfermente". International galt seine Theorie bereits in den 1910er-Jahren als nicht reproduzierbar.¹⁰ In Deutschland hielt sie sich bis nach seinem Tod 1950 — angewandt in der klinischen Diagnostik, für Schwangerschaftstests, für psychiatrische Diagnosen und, im Dritten Reich, zur Unterscheidung „arischer" von „nichtarischer" Blutproben.

Der Biochemiker Leonor Michaelis beschrieb Abderhaldens Ergebnisse als nicht reproduzierbar — und musste 1922 Deutschland verlassen.¹¹ Ein Zeitzeuge, zitiert von der Wissenschaftshistorikerin Ute Deichmann, brachte es später auf den Punkt: Die ganze Abwehrfermente-Geschichte sei „ein Betrug von Anfang bis Ende" gewesen. Ob bewusster Betrug oder wissenschaftliche Selbsttäuschung, ist bis heute Gegenstand der Forschung. Eindeutig belegt ist: Wer Abderhaldens Ergebnisse nicht reproduzieren konnte, riskierte seine Karriere.¹²

1940 lieferte Abderhalden Blutproben von Zwillingen an Otmar von Verschuer — dessen Assistent Josef Mengele die „Abwehrfermente"-Theorie später für rassendiagnostische Menschenversuche nutzte.¹³ Gleichzeitig war Abderhalden als Leopoldina-Präsident an der Streichung von 94 Mitgliedern aus politischen und rassischen Gründen mitverantwortlich — mehr als die Hälfte davon an einem einzigen Tag, dem 30. November 1938, ohne dass die Betroffenen selbst informiert wurden.¹⁴

Das Muster: Autorität ist kein Wahrheitsbeweis

Was diese drei Geschichten verbindet, ist keine Verschwörung und keine böse Absicht der heutigen Institutionen. Es ist ein nüchterner, unbequemer Befund: Institutionelle Autorität und wissenschaftliche Richtigkeit sind zwei verschiedene Dinge — und die Geschichte zeigt, wie lange sich beides auseinanderentwickeln kann, ohne dass es auffällt.

Abderhaldens „Abwehrfermente" waren keine Randmeinung. Sie waren jahrzehntelang etablierte klinische Praxis in Deutschland — vertreten vom Präsidenten der ältesten Wissenschaftsakademie der Welt. Wer sie infrage stellte, riskierte nicht nur wissenschaftlichen Widerspruch, sondern seine Existenz. Das ist ein Argument, das in Debatten über wissenschaftlichen Konsens und Karriererisiken für Abweichler immer wieder auftaucht — meist ohne historischen Beleg, oft mit fragwürdigen Quellen unterlegt. Hier liegt der Beleg vor: primärquellenbasiert, von der betroffenen Institution selbst aufgearbeitet, unabhängig von jeder heutigen politischen Zuordnung.

Die entscheidende Frage ist deshalb nicht, ob einzelne historische Personen Fehler machten — das taten sie, nachweislich. Die Frage ist, wie eine Institution mit dieser Erkenntnis umgeht: Verdrängt sie, benennt sie um und schweigt — oder macht sie, wie das RKI, ihre eigene Verstrickung öffentlich, mit eigenem Geld, durch unabhängige Historiker?

Hoffnung

Genau hier liegt der Unterschied, der zählt. Das RKI hätte seine NS-Geschichte nicht untersuchen lassen müssen. Niemand hätte es dazu zwingen können. Es hat es trotzdem getan — aus eigenem Antrieb, mit dem offenen Risiko, unbequeme Namen und Taten zu finden. Das ist geschehen, und die Ergebnisse liegen öffentlich vor, nachlesbar für jeden, der es wissen will.

Die Leopoldina hat seit 1991 mehrfach eigene Aufarbeitungsprojekte in Auftrag gegeben, zuletzt 2021 mit einer noch laufenden Studie zu biographischen Verstrickungen einzelner Mitglieder.¹⁵ Auch das ist unvollständig, auch das kam spät — aber es ist eine Bewegung in eine Richtung, die Selbstkritik ermöglicht, statt sie zu verhindern.

Institutionen, die ihre eigene Geschichte aushalten können, sind nicht automatisch fehlerfrei in der Gegenwart. Aber sie zeigen, dass ehrliche Aufarbeitung möglich ist — auch wenn sie unbequem ist, auch wenn sie Jahrzehnte dauert. Das ist keine Entwarnung. Es ist ein Maßstab, an dem sich jede Institution messen lassen sollte, auch die heutigen.

Quellen

  1. erinnerungszeichen-rki.de/en/the-story/ — RKI-Erinnerungszeichen (Primärquelle); RKI-Broschüre „Erinnerungszeichen" (PDF, rki.de)
  2. Historischer Augenblick, Oktober 2024: „Robert Koch in Ostafrika"; Reichsarchiv R 1001/5889 (Kolonialamt-Dokumente)
  3. Tagesspiegel, 09.08.2020: „Die zwielichtige Karriere des Dr. Robert Koch"
  4. Philipp Osten, zitiert nach Tagesspiegel, 09.08.2020
  5. RKI-Broschüre „Erinnerungszeichen", erinnerungszeichen-rki.de (Primärquelle); Hinz-Wessels, Annette: „Das Robert Koch-Institut im Nationalsozialismus", Kulturverlag Kadmos, Berlin 2008
  6. RKI-Broschüre „Erinnerungszeichen" (Primärquelle, rki.de)
  7. erinnerungszeichen-rki.de — Podcast-Serie „Erinnerungszeichen" (Primärquelle)
  8. Medizinhistorische Quellen zur Salvarsan-Prüfung; Apotheken-Umschau, 2024
  9. Paul-Ehrlich-Institut, „Paul Ehrlich im Portrait" (pei.de); zur Umbenennung 1947 als Rehabilitierungsakt
  10. Wikipedia: Emil Abderhalden; Fattahi: „Die Abwehrfermente: Ein langer Irrweg oder wissenschaftlicher Betrug?", Dissertation, 2006
  11. Wikipedia: Emil Abderhalden; HandWiki: Biography Emil Abderhalden
  12. Fattahi, Dissertation 2006; Zeitzeugenaussage Otto Westphal, dokumentiert bei Wissenschaftshistorikerin Ute Deichmann
  13. HandWiki: Biography Emil Abderhalden; Wikipedia: Emil Abderhalden (englischsprachige Version)
  14. Wikipedia: Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina, mit Quellenapparat zu den NS-Streichungen 1938
  15. leopoldina.org: Projekt „Biographische Studien im Nationalsozialismus" (gefördert durch VolkswagenStiftung, seit 2021); Rüdiger vom Bruch, Sibylle Gerstengarbe, Jens Thiel: „Die Leopoldina", be.bra Verlag, 2016

Tags: RKI, PEI, Leopoldina, Institutionengeschichte, Wissenschaftsgeschichte, Nationalsozialismus, Aufarbeitung