Das gekaufte Wort
Wie 'Solidarität' zur Waffe wurde — und wer sie abgefeuert hat. Ein dokumentierter Bogen von 2020 bis heute.
Das gekaufte Wort
Wie „Solidarität" zur Waffe wurde — und wer sie abgefeuert hat
Es gibt Worte, die man nicht einfach benutzt. Man leiht sie sich. Man trägt sie sorgfältig. Man gibt sie zurück.
„Solidarität" war so ein Wort.
Im Frühjahr 2020 füllte es Balkongeländer, Plakate und Ministerreden. Es klang nach dem Besten, was eine Gesellschaft von sich geben kann: Wir sehen euch. Wir schützen euch. Wir halten zusammen.
Achtzehn Monate später war dasselbe Wort ein Messer.
Phase 1 — Das Original (Frühjahr 2020)
Die Bilder sind noch da, wer sie sucht.
Balkone, auf denen Menschen klatschten. Nachbarn, die Einkäufe vor Türen abstellten. Familien, die Weihnachten verschoben. Eine Gesellschaft, die sich tatsächlich etwas abverlangte — freiwillig, aus Überzeugung, aus echtem Mitgefühl mit Älteren und Kranken.
Die Bundesregierung begleitete das mit einer Kampagne unter dem Hashtag #WirBleibenZuhause. Promis machten mit. Musiker, Schauspieler, Sportler. Die Botschaft: Nichtstun als Heldentat. Zuhause bleiben als Solidaritätsakt.1
Das war kein Betrug. Es war echter gesellschaftlicher Zusammenhalt in einem Moment der Unsicherheit.
Der Moment dauerte nicht lange.
Phase 2 — Die Umdeutung (Herbst/Winter 2021)
Bis Ende 2021 hatte sich die Bedeutung des Wortes still verschoben.
Solidarität bedeutete jetzt nicht mehr: Ich schütze dich.
Solidarität bedeutete jetzt: Du hast zu tun, was ich für richtig halte.
Der Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft formulierte es im Herbst 2021 in einem Gastbeitrag für die Welt offen aus: Die Pandemie sei „von großer Solidarität" geprägt gewesen. Doch Solidarität sei „weder eine Einbahnstraße noch kostenlos". Wer sich nicht impfen ließ, entziehe sich dem „Solidargedanken der gesetzlichen Krankenversicherung" — und solle beim Erkranken einen „Selbstbehalt" zahlen.2
Übersetzt: Solidarisch ist, wer mitmacht. Wer nicht mitmacht, schuldet der Gesellschaft Geld.
Ein Mitglied des Deutschen Ethikrats ging weiter. In einem öffentlich rezipierten Brief forderte er Impfverweigerer auf, im Krankheitsfall auf Beatmungsgeräte und Intensivbetten zu verzichten — und ein entsprechendes Dokument bei sich zu tragen.3
Der Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin reagierte entsetzt und stellte klar: Niemand werde aus politischen Gründen abgewiesen. „Wir behandeln jeden."3
Der Vorschlag des Ethikers verschwand nicht. Er wurde zitiert, diskutiert, relativiert. Aber nicht vergessen.
Das Muster: Wer nicht konnte, war schuld
Solidarität war das Wort. Konformität war das Ziel.
Wer keine Maske tragen konnte — aus medizinischen Gründen, aus Atemnot, aus diagnostizierten Einschränkungen — hatte Anspruch auf ein ärztliches Attest. Was dann mit diesen Attesten geschah, ist an anderer Stelle auf dieser Seite dokumentiert: Über tausend Verfahren gegen ausstellende Ärzte. Einige davon endeten mit Berufsverboten.4
Das Muster war konsistent:
Damals hieß es: Wer sich schützt, schützt andere. Zeig Solidarität.
Dann hieß es: Wer das Attest trägt, gefährdet andere. Er ist das Problem.
Der Schritt von der Bitte zur Beschuldigung dauerte nicht lang. Und er war dokumentiert — in Zeitungsartikeln, Fernsehdiskussionen, politischen Forderungen.
Die Zeit titelte im November 2021: „Corona-Pandemie: Die Gesellschaft muss sich spalten!"5
Das war kein Ausrutscher. Das war Programm.
Pflegekräfte — dieselben, für die 2020 applaudiert wurde — erhielten Bußgeldbescheide. Achtzig auf einmal, in einem Landkreis in Baden-Württemberg.6
Kein Applaus mehr.
Die Täter-Opfer-Verschiebung: Wer tötet wen?
Im Jahr 2022 begann vor einem deutschen Landgericht ein Verfahren, das bundesweit Schlagzeilen machte. Eine Pflegerin — ungeimpft — wurde für den Tod einer Patientin verantwortlich gemacht. Die Erzählung war klar: Die Ungeimpfte ist die Täterin.7
Was weniger Raum bekam: Der Nachweis einer Übertragung auf diesem Weg ist erheblich komplexer, als ein Schlagwort suggeriert. Übertragungswege, Zeitpunkte, Immunstatus, Krankenhausinfektionen — das alles spielte in der öffentlichen Wahrnehmung eine Nebenrolle.
Die Botschaft lautete: Die Ungeimpfte tötet.
Daraus folgte die gesellschaftliche Logik: Wer ungeimpft ist, ist unsolidarisch. Und wer unsolidarisch ist, ist mitschuldig.
Diese Kausalkette wurde nie bewiesen. Sie wurde behauptet — und nicht korrigiert.
Was „Solidarität" bedeutet — und was nicht
Solidarität ist eine Idee mit Geschichte. Sie entstand in Bewegungen, die sich gegen institutionelle Übermacht zusammenschlossen. Sie meinte: Die Schwachen schützen sich gegenseitig gegen die Starken.
Was in den Jahren 2021 und 2022 unter diesem Namen lief, hatte eine andere Richtung: Institutioneller Druck auf Einzelne, die sich nicht fügten. Öffentliche Beschämung. Finanzielle Sanktionsdrohungen. Berufsverbote.
Das ist nicht Solidarität.
Das ist ihr Gegenteil.
Und heute?
Die Vorsitzende des Deutschen Ethikrats resümierte Jahre später in einer Fernsehsendung, die Gesellschaft habe trotz großer Belastungen „bemerkenswerte Solidarität gezeigt".8 Das war ihre Einschätzung.
Eine andere liegt vor: In vielen Familien fanden zu Weihnachten 2021 Gespräche statt, die bis heute nicht geführt wurden. Menschen verloren Arbeit, Freundschaften, Ansehen — nicht weil sie jemanden geschädigt hatten, sondern weil sie eine Entscheidung über ihren eigenen Körper anders trafen als erwartet.
Die meisten, die damals die schärfsten Forderungen stellten, haben sich nicht öffentlich erklärt. Manche schweigen. Manche sprechen inzwischen von „Fehlern", ohne zu sagen, welche.9
Der Wortlaut ihrer Aussagen ist dokumentiert.
Er wird nicht vergessen.
Und vielleicht — wenn die Gesellschaft irgendwann bereit ist, sich diesen Moment wirklich anzusehen — kann sie aus ihm lernen, was ein Wort aushält. Und was es nicht aushält.
Solidarität war das erste Opfer.
Es wäre schön, wenn es auch das letzte wäre.
Quellen
- Bundesministerium für Gesundheit: Kampagne #WirBleibenZuhause, März 2020. BMG / KOM-Magazin ↩
- Michael Hüther, IW-Direktor: „Finanzielle Sanktionen für Impfunwillige." Gastbeitrag Die Welt, Herbst 2021. Dokumentiert via Institut der deutschen Wirtschaft und Business Insider ↩
- Wolfram Henn, Mitglied Deutscher Ethikrat: Brandbrief an Impfverweigerer, 2021. Reaktion von Prof. Janssens (DIVI): n-tv, „Wir behandeln jeden!" ↩↩
- Verfahren gegen Ärzte wegen Maskenattesten: Siehe Artikel auf dieser Seite — Bestrafe einen, erziehe tausende, Teil I–III. ↩
- Die Zeit, November 2021: „Corona-Pandemie: Die Gesellschaft muss sich spalten!" ↩
- Bußgeldbescheide gegen ungeimpfte Pflegekräfte, Landkreis Baden-Württemberg: Merkur.de ↩
- Verfahren Hildesheim, Pflegerin und COVID-Tod: Bild.de ↩
- Alena Buyx, Vorsitzende Deutscher Ethikrat, 3sat-Sendung: Apollo News ↩
- Übersicht: Politiker, die Ungeimpfte diffamierten — Berliner Zeitung ↩