Das geklaute Wort

Querdenken war 53 Jahre lang ein Kompliment. Ein Ehrenname aus der Kreativitätslehre, gelehrt bei IBM, Nokia, Siemens. Dann kam 2020 — und ein Sommer reichte, um ein Wort umzudeuten. Wie das geht. Und wer die Mittel dazu hatte.

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Foto: Theo Crazzolara / Unsplash

Das geklaute Wort

Wie aus einem Kompliment eine Beleidigung wurde — und was das über die Macht des Framings verrät.

Ein Wort mit Geschichte

1967. London.

Der maltesisch-britische Arzt und Kognitionswissenschaftler Edward de Bono veröffentlicht ein Buch. Es heißt The Use of Lateral Thinking. Der Begriff, den er prägt, wird in das Oxford Dictionary aufgenommen — unter seinem Namen.

Auf Deutsch: Querdenken.

De Bonos Idee ist einfach und revolutionär zugleich: Die meisten Menschen graben immer tiefer in derselben Richtung. Sie verfeinern, was sie kennen. Sie optimieren, was sie haben. Das nennt er vertikales Denken — logisch, linear, präzise. Nützlich. Aber blind für das, was daneben liegt.

Laterales Denken dagegen bedeutet: das Loch woanders graben. Nicht tiefer. Anders.

De Bonos Zitat:

„Solange man ein bestehendes Loch tiefer gräbt, kann man kein zweites Loch an einer anderen Stelle graben."

Wer quer denkt, fragt nicht: Wie optimieren wir das? Er fragt: Warum tun wir das überhaupt so?

Das galt jahrzehntelang als Kernkompetenz. IBM schulte Mitarbeiter damit. Nokia. Siemens. Coca-Cola. Springer Professional empfahl Querdenker als unverzichtbare Mitglieder jedes Innovationsteams. Es gab eine Wirtschaftszeitschrift dieses Namens — vierteljährlich, seriös, dem lateralen Denken gewidmet.

In Deutschland existierte ab 2002 der erste offizielle Denkclub nach de Bono-Methode. In Würzburg.

Dann kam 2020

Im Sommer 2020 bildeten sich Protestgruppen gegen die Corona-Maßnahmen. Sie nannten sich selbst: Querdenker.

Es war eine Selbstbezeichnung. Kein Schimpfwort. Eine Hommage — bewusst oder unbewusst — an de Bonos Idee: Wir denken anders. Wir stellen Fragen, die andere nicht stellen.

Was danach passierte, ist ein Lehrstück in angewandtem Framing.

Innerhalb weniger Monate — und das ist historisch außergewöhnlich schnell für eine Bedeutungsverschiebung — wurde das Wort umgedeutet. Die Zeit schrieb im August 2020 über „Querquengeln". Medien und Kommentatoren übernahmen den Begriff, aber nicht die ursprüngliche Bedeutung: Sie nutzten ihn, um eine bestimmte Gruppe zu markieren — und damit zu stigmatisieren.

Heute verzeichnet die Wikipedia zum Begriff Querdenker: „Seit 2020 haben die Worte Querdenker und Querdenken aufgrund der Selbstbezeichnung von Gruppen [...] auch eine pejorative Bedeutung abseits des Wortsinns laterales Denken erhalten."

Pejorative Bedeutung. Abwertend.

Ein Wort, das fünfzig Jahre lang Innovationskraft bedeutete, wurde in einem Sommer zur Beleidigung.

Wer hat das gemacht — und wie?

Man muss hier keine Verschwörung annehmen. Was passierte, reicht als einfacher Mechanismus der Kommunikationspsychologie:

Schritt 1: Eine Gruppe benennt sich selbst. Die Protestierenden nannten sich Querdenker. Ein positives Selbstbild: Wir denken über den Tellerand.

Schritt 2: Kritiker übernehmen den Namen — aber nicht die Konnotation. Wer über die Querdenker berichtete, tat das mit erkennbarer Distanz. Kursivschrift. Anführungszeichen. Tonfall. Langsam wurde aus dem neutralen Begriff ein Containerwort für alles Abzulehnende.

Schritt 3: Semantische Kontamination. Wer das Wort verwendete, transportierte automatisch den Subtext: Diese Menschen sind unvernünftig. Das Wort selbst wurde zur Diagnose.

Schritt 4: Semantischer Transfer. Weil Querdenker nun für irrationalen Protestler stand, konnte man jeden, der bestimmte Fragen stellte, mit dem Begriff markieren — ohne die Frage selbst beantworten zu müssen. Das Etikett ersetzte das Argument.

Das Asymmetrie-Problem: Gegen die Gelddenker

Hier liegt die eigentliche Frage — die, die selten gestellt wird:

Warum konnten die Querdenker die Deutungshoheit nicht halten?

Nicht wegen mangelnder Überzeugungskraft. Und auch nicht, weil ihre Fragen falsch waren — das haben die vorangegangenen Artikel dieser Reihe dokumentiert.

Sondern weil Framing kein fairer Wettbewerb ist. Es ist ein Ressourcenproblem.

Auf der einen Seite: Menschen, die auf Demonstrationen gingen. Ohne redaktionelle Infrastruktur. Ohne Sendezeit. Ohne institutionelle Glaubwürdigkeit. Mit einem selbst gewählten Namen, der leicht zu kapern war.

Auf der anderen Seite: Redaktionen, Ministerien, Faktenchecker-Portale, Social-Media-Plattformen — alle mit demselben Begriff, demselben Narrativ, zur selben Zeit.

Das ist nicht gleichgewichtig. Das war es nie.

De Bonos vertikales Denken — tiefer graben in dieselbe Richtung — ist die Denkmethode von Institutionen. Sie optimieren, was sie kennen. Sie verdichten, was sie haben. Sie nennen es Konsens.

Wer das Loch woanders graben wollte, hatte das falsche Wort erwischt. Und dann war auch das Wort weg.

Die eigentliche Pointe

Stell dir vor, welche Berufsgruppe in normalen Zeiten am meisten dafür gefeiert wird, dass sie Querdenker einstellt:

Unternehmensberater. Innovationsabteilungen. Start-up-Ökosysteme. McKinsey-Präsentationen.

Springer Professional, 2021, während die Querdenker-Bewegung noch auf den Straßen war:

„Durch die Querdenker-Bewegung erfährt der Querdenker-Begriff eine negative Bewertung. Dabei bietet laterales Denken Innovationschancen. Unternehmen sind also gut beraten, sich vom Missbrauch des Begriffs durch die Querdenker-Bewegung nicht negativ beeinflussen zu lassen."

Missbrauch des Begriffs.

Der Begriff war 53 Jahre alt. Die Bewegung war ein Jahr alt.

Wer hat hier wen missbraucht?

Was bleibt

Sprache ist kein neutrales Werkzeug. Wer benennt, rahmt. Wer rahmt, denkt vor. Wer vordenkt, entscheidet — oft ohne dass es jemand merkt —, welche Fragen überhaupt als legitim gelten.

Das ist keine neue Erkenntnis. Aber sie ist gut zu erinnern, wenn man beobachtet, wie schnell aus einem Kompliment eine Diagnose werden kann.

Edward de Bono, der Mann, der das Wort erfand, starb im Juni 2021 — mitten in dem Jahr, in dem sein Begriff endgültig umgedeutet wurde.

Ob er davon wusste, ist nicht überliefert.

Sein Satz aber steht noch:

„Solange man ein bestehendes Loch tiefer gräbt, kann man kein zweites Loch an einer anderen Stelle graben."

Wer das für eine schlechte Idee hält, sollte erklären, wie Wissenschaft funktioniert.

Hoffnung: Das Wort gehört niemandem

Sprache ist lebendig. Bedeutungen verschieben sich in beide Richtungen.

Ketzer war einmal das schlimmste Schimpfwort, das die Kirche kannte. Heute ist es ein Ehrentitel für Menschen, die unbequeme Wahrheiten aussprechen.

Freigeist klang einmal gefährlich.

Es wäre nicht das erste Mal, dass ein Wort zurückgekehrt ist — zu dem, was es war, bevor jemand es kaperte.

Der Querdenker, den de Bono meinte, ist noch da.

Er gräbt gerade woanders.

Quellen

  1. Edward de Bono: The Use of Lateral Thinking, Middlesex 1967. Der Begriff Laterales Denken wurde von de Bono geprägt und unter seinem Namen in das Oxford Dictionary aufgenommen. Deutsche Entsprechung: Querdenken. 
  2. Wikipedia-Artikel „Laterales Denken" (abgerufen 2024): „Seit 2020 haben die Worte Querdenker und Querdenken aufgrund der Selbstbezeichnung von Gruppen, die Proteste gegen Schutzmaßnahmen zur COVID-19-Pandemie in Deutschland organisieren, auch eine pejorative Bedeutung abseits des Wortsinns laterales Denken erhalten." 
  3. Erste positiv belegte Erwähnung des Begriffs Querdenker im Deutschen: 1915, in einem Buch über Münchhausen als „Kreuz- und Querdenker" mit der Konnotation Riesenphantasie und Originalität. Quelle: Robert Müller, Macht: Psychopolitische Grundlagen, H. Schmidt 1915, S. 21. 
  4. Wirtschaftszeitschrift Querdenker: Vierteljährliche deutschsprachige Publikation, die sich mit lateralem Denken und Kreativität befasste — existierte lange vor 2020. 
  5. Springer Professional, Januar 2021: „Warum Querdenken positiv ist" — Artikel empfiehlt Unternehmen, sich vom „Missbrauch des Begriffs durch die Querdenker-Bewegung nicht negativ beeinflussen zu lassen" und betont den Innovationswert lateralen Denkens. 
  6. Daniel Hornuff: „Corona-Demos: Querquengeln." In: Die Zeit, 12. August 2020 — frühes Beispiel der medialen Umdeutung des Begriffs in pejorative Richtung. 
  7. Springer Professional, zum Unternehmenskontext: IBM, Nokia, Siemens, Coca-Cola, Ericsson und 3M nutzten de Bonos Methoden des lateralen Denkens in Kreativ- und Innovationsprozessen. 
  8. Tod Edward de Bonos: Der Schöpfer des Begriffs Lateral Thinking starb am 9. Juni 2021 im Alter von 88 Jahren in Malta.