Das Gütesiegel

Die STIKO empfahl die Covid-Impfung für gesunde Kinder – obwohl sie es intern für falsch hielt. Ein ehemaliges Mitglied erklärt warum. Und warum das ein Problem für alle ist, die damals vertraut haben.

Das Gütesiegel
Illustration: KI-generiert

Im Frühjahr 2021 war die Frage noch offen: Sollen gesunde Kinder gegen Covid geimpft werden? Die Ständige Impfkommission hatte eine klare Antwort — zunächst.

Der Vorsitzende des Gremiums sagte im Dezember 2021 in einem Podcast der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, was er als Vater denken würde: Ein sieben- oder achtjähriges, gesundes Kind würde er derzeit nicht impfen lassen. Die Datenlage für diese Altersgruppe sei dünn, Langzeitaussagen kaum möglich. Es war eine persönliche Einschätzung — und die ehrlichste, die er geben konnte.

Die Reaktion folgte innerhalb von Stunden.

Damals: Was die Fachleute sagten

Die STIKO hatte bis zu diesem Zeitpunkt die Covid-Impfung für Kinder und Jugendliche nur für jene empfohlen, die wegen Vorerkrankungen ein erhöhtes Risiko trugen — Diabetes, Adipositas, Immunsuppression. Für gesunde Kinder gab es keine allgemeine Empfehlung. Das war keine politische Entscheidung, sondern eine wissenschaftliche: Es fehlten schlicht die Daten.

Das Gremium hatte intern intensiv diskutiert. Die Auswirkungen der mRNA-Präparate auf den kindlichen Organismus waren — wie ein ehemaliges Mitglied später einräumen würde — „unklar". Da Kinder durch das Coronavirus statistisch kaum gefährdet waren und die Impfung keinen nachweisbaren Fremdschutz bot, war die Grundlage für eine allgemeine Empfehlung nicht vorhanden.

Damals: Was andere sagten

Andere Stimmen des öffentlichen Diskurses hatten weniger Geduld mit der Datenlage.

Die Vorsitzende des Deutschen Ethikrats erklärte im Mai 2021 gegenüber der Zeit, sie würde ihre Kinder „sofort impfen lassen" — noch bevor überhaupt ein kindgerechter Impfstoff zugelassen war, noch bevor Sicherheitsdaten für diese Altersgruppe vorlagen. Im Spiegel sprach sie 2021 von einer „moralischen Pflicht" zum Impfen.

Dasselbe Gremium, das wenige Wochen nach der WHO-Pandemieerklärung schon fertige Empfehlungen zur „Solidarität in der Corona-Krise" vorgelegt hatte, lieferte auch bei der Kinderfrage rasch eine klare Haltung — gegen die Skepsis der medizinischen Fachkommission, die für genau diese Abwägungen zuständig war.

Intern, so berichtete die Welt später auf Basis vertraulicher E-Mails, hatte die Ethikratsvorsitzende aktiv die Nähe zum Gesundheitsminister gesucht und sich „gefreut", über dessen „Wünsche und Ideen" zu sprechen.

Damals: Was die Politik forderte

Bereits im Juni 2021 — Monate bevor ein kindgerechter Impfstoff zugelassen war — drängte der damalige SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach die STIKO öffentlich zum Kurswechsel. Die Delta-Variante sei für Kinder gefährlich. In britischen Kliniken lägen viele Minderjährige. Die STIKO argumentiere auf Basis alter Varianten.

Die Kommission befinde sich in einer „Außenseiterposition", sagte Lauterbach im Tagesspiegel, und habe sich möglicherweise „ein bisschen zu früh festgelegt und verrannt".

Der bayerische Ministerpräsident kritisierte den Kommissionsvorsitzenden persönlich: Seine ehrliche Aussage als Vater sei „seltsam" und lege eine „Befangenheit" nahe. Der nordrhein-westfälische Familienminister zweifelte öffentlich daran, ob man mit der STIKO „so wie sie aufgestellt ist, dauerhaft arbeiten" könne.

Der Druck kam aus allen Richtungen und allen Parteien. Die Badische Zeitung schrieb im Juli 2021: „Dabei fällt vor allem Söder unangenehm auf, weil er die Mitglieder der Stiko als unprofessionell abkanzelt."

In den RKI-Protokollen findet sich ein Vermerk vom 19. Mai 2021: Der damalige Gesundheitsminister Spahn hatte intern angekündigt, auch wenn die STIKO die Impfung für Kinder nicht empfiehlt, „trotzdem ein Impfprogramm" zu planen.

Wenige Wochen nach den öffentlichen Angriffen nahm der STIKO-Vorsitzende seine Aussage zurück. Es sei ein Fehler gewesen, überhaupt etwas Persönliches gesagt zu haben, erklärte er einem Nachrichtensender.

Was dann kam

Im Mai 2022 — sieben Monate nach der öffentlichen Kritik — gab die STIKO die allgemeine Impfempfehlung für gesunde Kinder zwischen fünf und elf Jahren heraus. Sechs Monate später folgte eine Empfehlung auch für Kleinkinder ab sechs Monaten.

Im Dezember 2022 wurde beides still wieder zurückgenommen.

Heute: Was ein ehemaliges Mitglied sagt

Im Jahr 2024 gab ein früheres Mitglied der Ständigen Impfkommission der Tageszeitung Die Welt ein anonymes Interview. Die darin enthaltene Aussage ist bemerkenswert in ihrer Offenheit.

Die allgemeine Impfempfehlung für Kinder zwischen fünf und elf Jahren sei „medizinisch überflüssig" gewesen. Sie sei nicht aufgrund wissenschaftlicher Erkenntnisse ausgesprochen worden, sondern wegen des öffentlichen Drucks von Politik und Medien. „Hätten wir aber die Empfehlung für Über-Fünfjährige nicht abgegeben, dann hätten wir eine Diskussion führen müssen, mit der wir uns selbst ins gesellschaftliche Abseits gestellt hätten."

Intern habe das Gremium versucht, die Empfehlungen so schnell wie möglich zu korrigieren. Die eigentliche Versäumnis liege woanders: Statt öffentlich einzugestehen, auf welch „dünnem Boden" bestimmte Empfehlungen standen, habe die STIKO der Politik ein Gütesiegel geliefert.

Das Wort steht im Raum.

Das Muster

Kein direkter Befehl aus dem Ministerium. Keine schriftliche Weisung. Aber eine „Druckblase der politischen Eliten", wie das ehemalige Mitglied es nannte, die alle Repräsentanten des Gremiums beeinflusste.

Wer damals Zweifel äußerte — ob als Wissenschaftler, als Arzt, als Elternteil — wurde als Zögerer, Impfgegner oder Befangener markiert. Fachliche Zurückhaltung wurde als politisches Statement gelesen und entsprechend beantwortet. Nicht mit Gegenargumenten. Mit Druck auf Personen.

Das Ergebnis: Ein Gremium, das nach eigenem Bekunden eines seiner Mitglieder eine Empfehlung aussprach, die es für medizinisch falsch hielt — weil die Alternative gesellschaftliche Ächtung bedeutet hätte.

Was das bedeutet

Dem Paul-Ehrlich-Institut wurden in den ersten beiden Impfjahren mehr als 3.000 Todesfälle gemeldet, bei denen Ärzte oder Angehörige die zuvor erfolgte Corona-Impfung als möglichen Auslöser nannten. Laut einer Recherche von Multipolar-Magazin auf Basis von PEI-Daten waren darunter mindestens 19 Minderjährige — auch zwei Kinder unter zwölf Jahren.

Verdachtsfälle sind keine Beweise. Das muss hier gesagt werden.

Aber Verdachtsfälle werden gemeldet, damit sie untersucht werden können. Was aus diesen Meldungen wurde, wie viele davon bestätigt oder entkräftet wurden, welche Konsequenzen gezogen wurden — das ist eine Frage, auf die bis heute keine transparente öffentliche Antwort existiert.

Was bleibt

Die Empfehlungen sind zurückgenommen. Die Kinder, die damals geimpft wurden, sind älter geworden. Die Institutionen, die den Druck erzeugten, existieren weiter.

Es gibt Eltern, die sich damals an den Empfehlungen orientiert haben — weil sie den Institutionen vertrauten, weil das Umfeld es erwartete, weil der Schularzt es riet, weil sie einfach das Richtige tun wollten. Diese Eltern haben nichts falsch gemacht. Vertrauen in Institutionen ist keine Naivität — es ist die Grundlage, auf der eine Gesellschaft funktioniert.

Aber Vertrauen verpflichtet. Es verpflichtet die Institutionen zur Ehrlichkeit — auch wenn das bedeutet zuzugeben: Wir wussten es nicht sicher. Wir haben nachgegeben. Die Empfehlung stand auf dünnem Boden.

Genau das hat ein ehemaliges STIKO-Mitglied gesagt — anonym, im Rückblick, nach Jahren.

Die Frage, die bleibt: Wer sagt es offiziell?

Quellen: FAZ-Podcast (Dezember 2021) · Deutsches Ärzteblatt (13.12.2021) · Tagesspiegel (28.06.2021, Dezember 2021) · Stuttgarter Zeitung (28.06.2021) · Badische Zeitung (21.07.2021) · Zeit Online (Mai 2021) · Der Spiegel (2021) · Die Welt (Multipolar-Auswertung, August 2024) · RKI-Protokolle (veröffentlicht 2024) · Berliner Zeitung (Januar 2022)