Das Institut, von dem niemand je gehört hat

Es gibt in Deutschland eine Behörde, deren einzige Aufgabe es ist zu prüfen, ob eine Maßnahme wirkt. In der Pandemie wurde sie nicht gefragt.

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Das Institut, von dem niemand je gehört hat

Es gibt in Deutschland eine Behörde, deren einzige Aufgabe es ist, genau das zu tun, was in der Pandemie angeblich fehlte: prüfen, ob eine medizinische Maßnahme wirkt. Sie heißt Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen, kurz IQWiG, sitzt in Köln und bewertet im Auftrag des Gemeinsamen Bundesausschusses seit über zwanzig Jahren Arzneimittel, Verfahren und Leitlinien nach den Maßstäben der evidenzbasierten Medizin.

2020 wäre ihr großer Moment gewesen. Lockdowns, Schulschließungen, Maskenpflicht, Impfreihenfolgen — lauter Entscheidungen mit enormer Tragweite, die alle eine Frage aufwarfen, für die es in Deutschland eigentlich eine zuständige Institution gibt: Wirkt das, was hier verordnet wird, und steht der Nutzen im vertretbaren Verhältnis zum Schaden?

Diese Institution wurde nicht gefragt.

Damals: Ein Jahresbericht ohne Schlagzeilen

Im August 2021 veröffentlichte das IQWiG seinen Jahresbericht. Institutsleiter Jürgen Windeler schrieb im Vorwort einen Satz, der so trocken formuliert ist, dass er fast untergeht: Bei der Verordnung von Maßnahmen zur Bekämpfung der Coronapandemie hätten empirische Erkenntnisse in Deutschland nur eine untergeordnete Rolle gespielt — und das betreffe sowohl die Einbeziehung vorhandener Evidenz in Entscheidungen als auch das Interesse, fehlende Evidenz überhaupt erst zu schaffen.

Konkret nannte Windeler ein Beispiel: Schon früh hatten Wissenschaftler vorgeschlagen, eine große bevölkerungsweite Kohortenstudie in Deutschland aufzusetzen, um belastbare epidemiologische Daten über das neue Virus zu gewinnen. Der Vorschlag wurde nicht aufgegriffen. Die Bundesregierung stellte zwar erhebliche Forschungsmittel bereit — diese flossen aber kaum in Public-Health-Projekte. Andere Länder, so Windeler, etwa England und die skandinavischen Staaten, zeigten sich deutlich interessierter daran, in der Krise systematisch Erkenntnisse zu gewinnen.

Der Satz blieb damals praktisch folgenlos. Keine Talkshow-Debatte, keine Bundestagsanfrage, kein "Aufschrei" — nur ein Vorwort in einem Jahresbericht, den außerhalb der Fachwelt kaum jemand liest.

Heute: Die Erklärung des scheidenden Institutsleiters

Jahre später, im Rückblick auf die Pandemie, wurde Windeler von einem Journalisten direkt gefragt, warum sich das IQWiG — eine Institution mit genau diesem gesetzlichen Auftrag — in der Krise kein Gehör verschafft habe. Seine Antwort, dokumentiert in einer Aufarbeitungs-Analyse der Landesärztekammer Hessen: Man habe sich durchaus betätigt und sich auch geäußert. Aber laut vernehmbar sei man nicht gewesen — und das sei seine bewusste Entscheidung gewesen.

Eine bewusste Entscheidung. Nicht fehlende Ressourcen, nicht politischer Druck von außen, sondern eine selbst gewählte Zurückhaltung der einzigen Institution, deren Job es eigentlich war, genau in diesem Moment laut zu sein.

Der gleiche Rückblick hält fest, dass neben dem IQWiG auch andere etablierte Institutionen der evidenzbasierten Medizin in Deutschland nicht einbezogen wurden — darunter das Cochrane-Zentrum in Freiburg, ebenfalls eine internationale Referenzadresse für genau diese Fragen.

Die Anschlussfrage

Wer hat die Pandemie-Maßnahmen damals wissenschaftlich begleitet, wenn nicht das dafür zuständige Institut und nicht das Cochrane-Zentrum? Wer saß an den Stellen, an denen eigentlich evidenzbasierte Prüfung hätte stattfinden müssen? Und was ist aus den Menschen geworden, die genau diese fehlende Prüfung öffentlich angemahnt haben?

Das ist die Frage, der diese Serie in den kommenden Teilen folgt: zum Cochrane-Zentrum Freiburg und seinem langjährigen Direktor, zum Deutschen Netzwerk Evidenzbasierte Medizin und seiner frühen Stellungnahme vom März 2020 — und schließlich zur Frage, wer von den Kritikern blieb, wer ging, und wer heute wieder als Sachverständiger an den Tischen sitzt, an denen über die Aufarbeitung entschieden wird.

Die gute Nachricht zum Schluss: Das IQWiG existiert noch. Die Kohortenstudie, die 2020 nicht aufgegriffen wurde, ließe sich heute immer noch ansetzen — nicht für die Vergangenheit, aber für die nächste Krise. Eine Institution, die ihre eigene Zurückhaltung offen einräumt, ist eine Institution, die sich auch ändern kann. Das ist der Unterschied zwischen Versäumnis und Verschwiegenheit.

Quellen: IQWiG-Jahresbericht 2021 (Vorwort Jürgen Windeler), zitiert nach Deutsches Ärzteblatt, 26.08.2021: "Coronapandemie: IQWiG kritisiert nachrangiges Interesse an empirischen Erkenntnissen" Heudorf, U.: "Covid-19-Pandemie – wirkliche Aufarbeitung tut not", Hessisches Ärzteblatt / LÄKH, 05/2023