Das Ost-West-Paradox: Wer hatte recht — und wer hat sich entschuldigt?

Sommer 2022: Eine Deutschlandkarte zeigte Ostdeutschland mit niedrigsten Impfquoten und niedrigsten Inzidenzen. Niemand fragte laut nach. Warum nicht?

Das Ost-West-Paradox: Wer hatte recht — und wer hat sich entschuldigt?
Photo by solitsocial dot com / Unsplash

Das Ost-West-Paradox: Wer hatte recht — und wer hat sich entschuldigt?

Sommer 2022. Deutschland, zweigespalten — nicht nur durch eine alte Grenze, sondern durch eine Zahl auf einer Karte.

Die Karte, die nicht sein durfte

Es war der 30. Juni 2022. Ein Journalist mit Hunderttausenden Followern postete eine Deutschlandkarte auf Twitter. Die Karte zeigte die Corona-Inzidenz — also gemeldete Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner. Der Westen: dunkelrot. Der Osten: auffällig hell, fast gelb.

Sein Kommentar dazu war — wie er später betonte — ironisch gemeint:

„Schlimm, dieser Osten, mit diesen vielen Querdenkern. Erst wollen sie sich nicht solidarisch 3-fach-boostern, und nun weigern sie sich auch noch, brav Corona zu kriegen. Blöde Selbstdenknazis!"

Der Witz funktioniert in beide Richtungen. Der Osten wollte nicht — und hatte weniger Infektionen. Das war die unbequeme Pointe hinter der Ironie.

Die Karte stammte von Bild.de. Die Überschrift: „Westen dunkel, Osten hell – Corona-Inzidenz zeigt Riesen-Gefälle."

Was die Zahlen tatsächlich sagten

Sommer 2022. Sachsen, Thüringen, Brandenburg, Sachsen-Anhalt — alle deutlich unter dem westdeutschen Durchschnitt bei der Sieben-Tage-Inzidenz.

Gleichzeitig: die niedrigsten Impfquoten im Bundesgebiet.

Sachsen lag bei der Erstimpfquote fast 20 Prozentpunkte hinter Spitzenreiter Bremen. Das Bundesland galt in der medialen Erzählung als Problemfall — querdenkerisch, impfskeptisch, beratungsresistent.

Und dann diese Karte.

Die offizielle Erklärung folgte prompt und war zunächst auch plausibel: Im Osten werde weniger getestet. Deshalb niedrigere gemeldete Zahlen. Kein Rätsel, keine Erkenntnis.

Aber: War es wirklich so einfach?

Das Bremen-Paradox — die Geschichte, die kaum erzählt wurde

Wer sich die Daten genauer ansah, stieß auf ein anderes Bundesland, das die Theorie komplizierte: Bremen.

Bremen war Impfprimus. 71,5 Prozent vollständig Geimpfte — weit über dem Bundesschnitt von 61,4 Prozent. Die Hafenstadt ließ sich impfen wie kaum eine andere Region. Man stellte sogar Impfmobile vor Fußballstadien auf.

Und dann, im Herbst 2021, die Nachricht, die in keinen einfachen Rahmen passte: Bremen meldete gleichzeitig höchste Impfquote und höchste Inzidenz. Über 1.000 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner in einer Woche — bei einer Impfquote, die jede Prognose hätte erfüllen sollen.

Auf Abgeordnetenwatch wurde ein Bundestagsabgeordneter mit der Frage konfrontiert: Wie passt das zusammen — Impfquote 87,7%, Inzidenz 1.032?

Die Antwort: Bremen teste mehr als andere Länder. Omikron sei außerdem so ansteckend, dass die Grundimmunisierung „zunächst nicht zwingend vor einer Infektion" schütze. Die Impfquote habe bei Omikron „nur eine bedingte Aussagekraft".

Bedingte Aussagekraft.

Damals / Heute

Damals, November 2021: Sachsen — niedrigste Impfquote, höchste Inzidenz. Die Grafik lief durch alle Redaktionen. Klare Botschaft: Wer nicht impft, infiziert sich. Logisch. Wissenschaftlich. Eindeutig.

Sachsen galt als Beweis. Als Warnung. Als Schande.

Sommer 2022, dieselbe Ost-West-Karte, umgekehrte Vorzeichen: Ostdeutschland — niedrigste Impfquoten, niedrigste Inzidenzen.

Keine Schlagzeilen. Kein Nachfragen. Nur ein ironischer Tweet.

Was hatte sich verändert? Nicht das Virus. Nicht die Impfquote. Nur die Richtung des Zusammenhangs.

Was Wissenschaftler dazu sagten — und wann

Im Herbst 2021 war die Welt noch übersichtlich: Bundesländer mit hohen Impfquoten hatten niedrigere Inzidenzen. Das stimmte — für Delta, für den Zeitraum Oktober/November 2021.

Aber dann kam Omikron. Und mit Omikron verschwanden die alten Korrelationen, die man gerade zur Grundlage von Einschränkungen und gesellschaftlichem Druck gemacht hatte.

Gleichzeitig mehrten sich in der Fachliteratur Hinweise auf etwas, das im öffentlichen Diskurs kaum Raum bekam: Immunität nach durchgemachter Infektion.

Eine in The Lancet veröffentlichte estnische Studie untersuchte 329.496 Erwachsene über zwei Jahre und kam zu dem Ergebnis: Natürliche Immunität nach überstandener Infektion bot einen mindestens gleichwertigen, in einigen Parametern sogar überlegenen Schutz vor erneuter Infektion als die Impfung allein.

Nicht als Erkenntnis von Außenseitern. Als peer-reviewte Studie, veröffentlicht in einem der renommiertesten Medizinjournale der Welt.

Und im Osten Deutschlands hatte — besonders in Sachsen, Thüringen, den Corona-Hotspots des Winters 2020/2021 — ein deutlich größerer Anteil der Bevölkerung eine Infektion durchgemacht, als die gemeldeten Zahlen erfasst haben konnten.

Sächsisches Sozialministerium, Herbst 2021, offiziell: Die niedrige Impfquote erkläre sich auch durch eine „gewisse Sorglosigkeit" — viele hätten jemanden gekannt, der sich infiziert hatte, aber einen milden Verlauf erlebt habe.

Sorglosigkeit. Oder: Erfahrung.

Das Muster

Wer 2021 auf eine mögliche Schutzwirkung natürlicher Immunität hinwies, wurde in bestimmten Kreisen als „Schwurbler" eingeordnet. Das Argument galt als gefährlich — weil es Menschen davon abhalten könnte, sich impfen zu lassen.

Das ist eine verständliche Sorge. Und es gab sie: Menschen, die das Argument missbrauchten, um jede Schutzmaßnahme abzulehnen.

Aber: Eine Sorge vor Missbrauch ist kein wissenschaftliches Argument. Und sie berechtigt nicht dazu, einen Befund aus der Fachliteratur aus dem öffentlichen Diskurs herauszuhalten.

Was passierte stattdessen? Wer 2021 fragte: „Warum hat Sachsen die niedrigste Impfquote und die höchste Inzidenz?" bekam eine klare Antwort und eine klare Botschaft: So funktioniert Wissenschaft. Impfen schützt.

Wer 2022 fragte: „Warum hat Ostdeutschland die niedrigste Impfquote und die niedrigste Inzidenz?" — bekam einen ironischen Tweet.

Was bleibt

Niemand hat sich geirrt, und niemand muss sich entschuldigen — das ist die bequeme Version.

Die unbequemere: Die öffentliche Kommunikation über den Zusammenhang von Impfquote und Infektionsgeschehen war in Momenten, in denen die Daten die Botschaft stützten, laut. Und in Momenten, in denen die Daten komplizierter wurden, sehr leise.

Das ist keine Verschwörung. Das ist eine Beobachtung darüber, wie Aufmerksamkeit verteilt wird — und welche Fragen gestellt werden, wenn Zahlen in die gewünschte Richtung zeigen, und welche Fragen nicht gestellt werden, wenn sie es nicht tun.

Eine Frage, die nie laut gestellt wurde: Hätte man — bei all dem Wissen über natürliche Immunität — die Kommunikation im Herbst 2021 anders gestalten sollen?

Und heute?

Das Correctiv-Faktencheck-Team schrieb im August 2022 zur selben Karte, die der ironische Tweet zeigte: Es bestehe „kein Zusammenhang" zwischen Impfquote und Inzidenz — und verwies auf November 2021, als Sachsen noch beides hatte: niedrige Impfquote und hohe Inzidenz.

Das stimmt. November 2021 war so.

Juli 2022 war anders.

Beide Aussagen können gleichzeitig wahr sein. Was das bedeutet — für die Schlussfolgerungen, die man im Winter 2021 gezogen hat, für die Maßnahmen, die man damit begründet hat, für den gesellschaftlichen Druck, der damit ausgeübt wurde — das ist die Frage, die sich heute stellen lässt.

Nicht als Anklage. Als Einladung zum Erinnern.

Hoffnung: Das Gespräch, das noch aussteht

Es gibt einen Unterschied zwischen dem, was man damals wissen konnte, und dem, was man damals gesagt hat.

Und es gibt einen Unterschied zwischen Fehlern, die aus Unwissen entstanden, und Fehlern, die aus dem Wunsch entstanden, eine einfache Geschichte zu erzählen, weil einfache Geschichten Verhalten verändern.

Beide Arten von Fehlern passieren. Beiden kann man ins Auge sehen — wenn man bereit ist, die Karte von Sommer 2022 genauso ernst zu nehmen wie die Karte von November 2021.

Das ist keine Verurteilung. Das ist eine Möglichkeit.

Quellen

  1. Tweet @dushanwegner vom 30. Juni 2022 (Originalzitat, ironisch gemeint; Screenshot dokumentiert). Der Autor ist Journalist und Autor; der Tweet bezog sich auf einen Bild.de-Artikel zur Inzidenzkarte. 
  2. Bild.de, 30. Juni 2022: „Westen dunkel, Osten hell – Corona-Inzidenz zeigt Riesen-Gefälle." Bericht über RKI-Daten zur Sieben-Tage-Inzidenz nach Bundesland. 
  3. LZ.de / dpa, September 2021: „Warum im Osten weniger geimpft wird." Übersicht der Impfquoten; Sachsen 52,6%, Bremen 71,5%, Bundesschnitt 61,4%. Sächsisches Sozialministerium nennt „gewisse Sorglosigkeit" als Erklärung für niedrige Impfbereitschaft. 
  4. n-tv.de, Oktober 2021: „Höchste Impfquote und Inzidenz: Warum ist Bremen ein Corona-Sonderfall?" Bericht über gleichzeitig hohe Impfquote und Inzidenz in Bremen. 
  5. Abgeordnetenwatch.de, Anfrage Januar 2022: Bundestagsabgeordneter Michael Hennrich (CDU) auf die Frage zu Bremens Impfquote 87,7% bei gleichzeitiger Inzidenz 1.032,6 und höchster Hospitalisierungsrate: „Die Impfquote hat bei Omikron nur eine bedingte Aussagekraft." 
  6. Correctiv Faktencheck, 5. August 2022: „RKI-Daten belegen keinen Zusammenhang zwischen Covid-19-Impfquoten und hohen Inzidenzen." Correctiv bestätigt, dass die RKI-Daten vom 7. Juli 2022 korrekt zeigen, dass ostdeutsche Bundesländer (außer Berlin) niedrigere Inzidenzen hatten als westdeutsche — trotz niedrigerer Impfquoten. 
  7. RKI, zitiert in Correctiv-Faktencheck: „Wie im Archiv der Situationsberichte zu sehen, hatten die Bundesländer mit den niedrigsten Impfquoten wochen- und monatelang mit die höchsten Inzidenzen" — bezogen auf den Zeitraum November 2021. 
  8. Uusküla et al., Lancet Regional Health – Europe, 2022: Studie mit 329.496 Erwachsenen in Estland (Februar 2020 – Februar 2022). Natürliche Immunität nach durchgemachter Infektion zeigte mindestens gleichwertigen Schutz vor erneuter Infektion wie vollständige Impfung. 
  9. Statista / RKI, November 2021: Sachsen — niedrigste Impfquote aller Bundesländer (~52%), gleichzeitig höchste Sieben-Tage-Inzidenz (~970/100.000). Diese Korrelation wurde bundesweit kommuniziert. 
  10. T-Online, September 2021: „Corona in Sachsen: Niedrigste Impfquote in Deutschland – was ist bloß los?" Studie der TU Dresden zitiert: Bei Betroffenen, die leichte Verläufe erlebt hatten, nahmen Vorbehalte gegen das Impfen zu.