Das Schweigen der Behörde

Während ein Parlamentsausschuss das Paul-Ehrlich-Institut befragt, erscheint zeitgleich eine groß angelegte Studie — und das Muster dahinter ist aufschlussreich.

Das Schweigen der Behörde
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Während ein Parlamentsausschuss das Paul-Ehrlich-Institut befragt, erscheint zeitgleich eine groß angelegte Studie — und das Muster dahinter ist aufschlussreich.

Damals: Was versprochen wurde

Im Januar 2021 war die Botschaft klar. Der Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI) — jener Behörde, die in Deutschland für die Zulassung und Überwachung von Impfstoffen zuständig ist — erklärte öffentlich: Die COVID-19-Impfung führe nicht zum Tod. Die damals festgestellten 69 Todesfälle nach einer Impfung gingen wahrscheinlich auf Grunderkrankungen zurück.

Es war eine Aussage mit Gewicht. Das PEI ist keine Meinungsseite im Internet. Es ist die zuständige Bundesbehörde — finanziert durch Steuermittel, ausgestattet mit gesetzlichem Auftrag, verpflichtet zur Sicherheitsüberwachung von Arzneimitteln.

Die Bevölkerung hörte zu. Und impfte sich.

Heute: Was ein Parlamentsausschuss herausfindet

Am 30. Juni 2026 — viereinhalb Jahre später — sitzt derselbe ehemalige PEI-Präsident vor dem Untersuchungsausschuss des Thüringer Landtags. Die Fragen sind präzise. Die Antworten überraschen die Ausschussmitglieder.

Er kenne die Daten zu möglichen Impfnebenwirkungen persönlich nicht, erklärt er. Sie seien auch nicht in die Sicherheitsberichte des PEI eingeflossen. Erst Ende 2024 — also rund vier Jahre nach Beginn der Impfkampagne — seien sie dem Institut übermittelt worden.

Das PEI hatte in jenen Jahren Sicherheitsberichte veröffentlicht. Es hatte erklärt, die Impfstoffe seien sicher. Es hatte eine eigene App zur Nebenwirkungserfassung entwickelt. Nur: Die Daten der Kassenärztlichen Vereinigungen (KV), zu deren Auswertung das Institut gesetzlich verpflichtet war, lagen ihm offenbar nicht vor — oder wurden nicht genutzt.

Das Ausschussmitglied Ralph Hutschenreuther (BSW) brachte es auf den Punkt: Ihn habe überrascht, „dass auch einem Präsidenten eines solchen Instituts Vorgänge, Datenübermittlung oder so nicht bekannt sein können".

Ihn überraschte auch, dass die Verarbeitung der Daten aus der Corona-Zeit bis heute nicht abgeschlossen ist.

Das Muster: Relative Zahlen, absolute Folgen

350.000 Verdachtsmeldungen auf Impfnebenwirkungen beim PEI — darunter 63.900 schwerwiegende. 74 Todesfälle, die das PEI selbst als kausal anerkennt. Das sind die eigenen Zahlen der Behörde, veröffentlicht Ende 2024.

Zum Vergleich: In den Sicherheitsberichten während der Impfkampagne hatte es keine 74 anerkannten Todesfälle gegeben. Es hatte zu Beginn geheißen, es gebe keine.

Nun erscheint am selben Tag, dem 30. Juni 2026, eine groß angelegte Übersichtsarbeit im renommierten Fachjournal The Lancet. Das Timing ist bemerkenswert. Das Ergebnis ist vorhersehbar: mRNA-Impfstoffe seien „sicher und hochwirksam". 87 Prozent Wirksamkeit gegen Infektion, 93 Prozent gegen Hospitalisierung, 94 Prozent gegen Covid-Todesfälle.

Diese Zahlen sind relativ. Sie beschreiben, um wie viel das individuelle Risiko in einer Studienpopulation sinkt — verglichen mit einer Kontrollgruppe im selben Beobachtungszeitraum.

Was die Studie nicht ausweist: die absolute Risikoreduktion. Jene Zahl, die beschreibt, wie viele Menschen von Tausend tatsächlich von der Impfung profitieren. Sie liegt, wie das Fachjournal The Lancet selbst 2021 veröffentlicht hat, für Pfizer bei 0,84 Prozent — und für Moderna bei 1,2 Prozent.

Das ist kein Widerspruch zwischen Gegnern und Befürwortern. Das ist ein Unterschied in der Darstellungsweise, der schon 2021 im selben Journal dokumentiert war — und der die Impfentscheidung für Millionen Menschen anders aussehen lässt.

Ein Spieltheoretiker, der sich seit Jahren mit der Kommunikation medizinischer Risiken beschäftigt, hat diesen Unterschied wiederholt erläutert: Relative Risikoreduktion klingt eindrucksvoll. Absolute Risikoreduktion ist das, was der Einzelne wirklich wissen muss. Beide Zahlen sind korrekt. Aber nur eine wurde prominent kommuniziert.

Was ein Bürger aus Weimar erzählt

An der Anhörung nahm auch Holger Förster aus Weimar teil. Er ist 57 Jahre alt. Er hat sich impfen lassen — mit Johnson & Johnson Impfstoff.
Bei dem Johnson & Johnson Impfstoff handelt es sich um einen sogenannten Vektorimpfstoff: Ein modifiziertes Adenovirus transportiert genetische Instruktionen in Form von DNA in menschliche Zellen, damit diese das Spike-Protein des Coronavirus produzieren.

Ärzte gehen heute mit hoher Wahrscheinlichkeit davon aus, dass er an einem Impfschaden leidet.

„Mein Leben ist dadurch sehr, sehr stark beeinträchtigt", sagte er dem Ausschuss. „Das geht inzwischen so weit, dass ich im Prinzip ständig arbeitsunfähig bin und nur noch mithilfe von Rente etwas machen kann. Ein normales Arbeitsleben würde ich überhaupt nicht mehr durchstehen."

Dann sagte er noch etwas: „Wenn man jetzt sieht, welche Technologien bei den Impfstoffen zur Anwendung gekommen sind — hätte ich das vorher gewusst, auf welche Art und Weise diese Impfstoffe überhaupt funktionieren, hätte ich mich nie impfen lassen."

Das ist keine Verschwörungstheorie. Das ist ein Bürger, der beschreibt, was für ihn fehlt: vollständige Information vor der Entscheidung.

Das Muster

Das PEI hat während der Impfkampagne Sicherheitsberichte veröffentlicht — ohne die gesetzlich vorgesehenen KV-Daten. Es hat erklärt, es gebe keine Impftodesfälle — und erkennt heute 74 an. Es hat eine Untererfassung von Nebenwirkungen ausgeschlossen — ohne dafür Belege vorlegen zu können.

Das sind keine böswilligen Akteure. Das sind Institutionen, die unter enormem Zeitdruck arbeiteten, in einer Ausnahmesituation, mit unvollständigen Daten — und die dennoch mit vollständiger Gewissheit kommunizierten.

Die Frage, die der Thüringer Ausschuss stellt, ist deshalb auch keine Schuldfrage. Sie ist eine Systemfrage: Wie können Behörden in Echtzeit Sicherheitsurteile abgeben, wenn die relevanten Daten vier Jahre später noch nicht ausgewertet sind?

Und: Warum erscheint am selben Tag, an dem ein Parlamentsausschuss öffentlich Zweifel an der Vollständigkeit dieser Sicherheitsbewertungen artikuliert, ein internationaler Review, der eben diese Vollständigkeit bekräftigt?

Wer koordiniert was? Die Antwort kennen wir nicht. Das Muster ist trotzdem sichtbar.

Hoffnung: Was jetzt möglich ist

Die Aufarbeitung hat begonnen — nicht durch Aktivisten, sondern durch Parlamentarier. Untersuchungsausschüsse in Thüringen, Sachsen und auf Bundesebene stellen Fragen, die vier Jahre lang ungestellt blieben.

Das PEI veröffentlichte Ende 2024 erstmals eine Excel-Datei mit Verdachtsmeldungen nach Charge. Wer diese Daten analysieren möchte, kann das tun. Transparenz ist ein Anfang.

Und Holger Förster aus Weimar hat das Richtige getan: Er ist in den Plenarsaal gegangen. Er hat seinen Namen genannt. Er hat beschrieben, was mit ihm passiert ist.

Institutionen verändern sich, wenn Einzelne sichtbar werden. Das ist kein schneller Prozess. Aber er hat in Thüringen begonnen.

Quellen

  1. Thüringischer Landtag, Untersuchungsausschuss „Corona-Pandemie", Sitzung vom 30. Juni 2026 — Vernehmung des ehemaligen PEI-Präsidenten Prof. Klaus Cichutek. Bericht: EPOCH TIMES Deutschland, 02.07.2026.
  2. Paul-Ehrlich-Institut: Sicherheitsberichte zu COVID-19-Impfstoffen, laufend 2021–2024. Abrufbar unter: pei.de — Bulletin zur Arzneimittelsicherheit.
  3. Blakney, A. K. et al.: „Safety and efficacy of mRNA vaccines: a mechanistic and public health perspective." The Lancet, 30. Juni 2026. DOI: 10.1016/S0140-6736(26)00512-X
  4. Brown, R. B. et al.: „Outcome Reporting Bias in COVID-19 mRNA Vaccine Clinical Trials." Medicina, 2021. — Zur Unterscheidung zwischen relativer und absoluter Risikoreduktion in den Zulassungsstudien; absolute Werte: Pfizer 0,84 %, Moderna 1,2 %.
  5. ARD/MDR „Plusminus", 25. November 2024: Bericht über das Post-Vac-Syndrom und die fehlende Auswertung der KV-Daten durch das PEI. Abrufbar in der ARD Mediathek (Stand: 2024).
  6. Deutscher Bundestag, Fragdenstaat.de — IFG-Anfrage zur Impfsurveillance gemäß § 13 IfSG Abs. 5: Dokumentation der verzögerten KV-Datenübermittlung.