Das stille Signal

Herzmuskelentzündungen nach mRNA-Impfungen waren früh bekannt. Was die Behörden wussten - und wann.

Das stille Signal
Foto: Joshua Chehov / Unsplash

Spike-Serie · Teil 3 — Herzmuskelentzündungen nach mRNA-Impfungen waren früh bekannt. Was die zuständige Behörde daraus machte — und was sie unterließ.

Ein Befund, der früh ankam

Es war kein Geheimnis. Es stand in den Daten, es stand in den Fachzeitschriften, es stand sogar in den Roten-Hand-Briefen — jenen offiziellen Warnbriefen, die das Paul-Ehrlich-Institut verschickt, wenn ein Arzneimittelrisiko bekannt wird.

Im Juni 2021, wenige Monate nach Beginn der Impfkampagne, meldete das PEI 90 Fälle von Myokarditis in Deutschland. Das ist eine Herzmuskelentzündung. Sie kann zu Narbengewebe führen, zu Herzrhythmusstörungen, im schlimmsten Fall zum Herzversagen. Die zuständige Behörde kommentierte das Signal damals so:

„Das PEI sieht allerdings bislang kein Risikosignal." — Paul-Ehrlich-Institut, Sicherheitsbericht Juni 2021 (berichtet von Deutsche Apotheker Zeitung)

Einen Monat später, im Juli 2021, folgte dennoch ein Rote-Hand-Brief. Der Begriff bedeutet: Das Risiko ist real genug für eine offizielle Warnung. Aber die Warnung kam spät — und was folgte, war aus Sicht von Betroffenen und Kritikern noch bemerkenswerter als die Verzögerung selbst.

Die Behörde und das Schweigen der Daten

Das Paul-Ehrlich-Institut ist in Deutschland für die Arzneimittelsicherheit zuständig. Es genehmigt Impfstoffe, überwacht Nebenwirkungen, wertet Meldungen aus. Es ist dem Bundesgesundheitsministerium unterstellt.

Eine seiner gesetzlich verankerten Pflichten: die Daten der Kassenärztlichen Vereinigungen zur Impfsurveillance auszuwerten. Diese Daten erfassen, wer wann geimpft wurde — und wer danach mit welcher Diagnose beim Arzt erschien. Sie sind, anders als Verdachtsmeldungen, systematisch und repräsentativ.

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Dokumentiert durch ARD Plusminus, November 2024: Das Paul-Ehrlich-Institut ist seiner gesetzlichen Verpflichtung zur Auswertung der KV-Daten seit vier Jahren nicht nachgekommen. Als Begründung wurden zunächst „EDV-Probleme" genannt. Das Post-Vac-Syndrom ist bis heute kein anerkanntes Krankheitsbild — mit direkten Folgen für Betroffene, die Behandlungskosten selbst tragen.

Eine 29-jährige Frau stand im Mittelpunkt des Plusminus-Berichts. Mehrere ärztliche Atteste, ein klarer zeitlicher Zusammenhang zur Impfung — und dennoch lehnte das zuständige Versorgungsamt den Impfschadenantrag ab. Die Begründung: fehlende Informationen des PEI.

Das Muster: Die Daten fehlen, weil sie nicht ausgewertet wurden. Sie wurden nicht ausgewertet — und daher kann kein Schaden anerkannt werden. Ein Kreis, der sich selbst schließt.

Was wann bekannt war

Mai 2021 · USA — Die CDC beginnt eine Untersuchung zu Myokarditis-Meldungen. Israel und CDC melden übereinstimmend: junge Männer sind am häufigsten betroffen.

Juni 2021 · Deutschland — PEI-Sicherheitsbericht: 90 Myokarditis-Meldungen. Das PEI sieht „kein Risikosignal" — obwohl Israel und CDC bereits warnen.

Juli 2021 · Deutschland — Rote-Hand-Brief des PEI und der EMA: Myokarditis wird offiziell als seltene Nebenwirkung bestätigt.

Juli 2023 · US-Militär — Das US-Militär bestätigt in internen Auswertungen einen sprunghaften Anstieg an Myokarditis-Diagnosen ab Beginn der mRNA-Impfkampagne.

September 2024 · Lancet — Neue Untersuchung: Impfbedingte Myokarditis könnte langfristige Herzschäden verursachen. Betroffen vor allem junge Männer.

Dezember 2024 · RKI — Anstieg von Myokarditis-Fällen unter Kindern. Als mögliche Ursache wird auf Ringelröteln verwiesen.

November 2024 · ARD Plusminus — Bestätigt: Das PEI hat die gesetzlich vorgeschriebene Impfsurveillance seit vier Jahren nicht durchgeführt.

Zwei Aussagen, ein Thema

Die Wissenschaft selbst hat sich weiterentwickelt:

Frühe Einschätzung 2021: Myokarditis „sehr selten", Verläufe „meist mild", oft selbstlimitierend. Entwarnung überwiegt.

Aktuelle Studienlage 2024: Lancet — Herzschäden können langfristig bestehen. US-Militärdaten — signifikanter Anstieg in betroffener Altersgruppe.

Beide Seiten haben Quellen. Der Unterschied liegt im Zeitpunkt: Die beruhigenden Einschätzungen kamen früh und laut, die differenzierenden Befunde kamen später und leiser.

Das Muster, das sich abzeichnet

Ein Signal taucht auf. Es wird zunächst nicht als Signal anerkannt. Wenn die Evidenz zu dicht wird, kommt eine Warnung — aber ohne die Konsequenzen, die eine Warnung eigentlich nach sich ziehen müsste. Die Daten, die eine Bewertung ermöglichen würden, werden nicht erhoben. Ohne Daten keine Anerkennung. Ohne Anerkennung keine Hilfe.

„Das Post-Vac-Syndrom ist immer noch kein anerkanntes Krankheitsbild. Patienten bekommen keine finanzielle Hilfe und müssen Behandlungen selbst zahlen." — ARD Plusminus, November 2024

Das ist keine Behauptung von Kritikern. Das ist ein Befund des öffentlich-rechtlichen Rundfunks — vier Jahre nach Beginn der Impfkampagne.

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Das Bewusstsein für Post-Vac und impfassoziierte Herzschäden hat sich deutlich verschoben. Die Lancet-Studie 2024 ist ein Beitrag in einer der weltweit renommiertesten Fachzeitschriften. Wer heute Symptome hat, steht nicht mehr allein: spezialisierte Post-Vac-Ambulanzen und Selbsthilfegruppen bieten Anlaufpunkte. Und die PEI-Daten sind öffentlich zugänglich — sie können gefiltert, analysiert, veröffentlicht werden. Transparenz beginnt oft mit einer Excel-Tabelle.

Quellen: PEI Sicherheitsbericht Juni 2021 · Rote-Hand-Brief PEI/EMA Juli 2021 · Lancet September 2024 · US-Militär Juli 2023 · ARD Plusminus November 2024 · RKI Dezember 2024 · PEI-Verdachtsfallregister (pei.de)