Das teure Schweigen

Was zugelassen war, kostete 2.000 Euro die Woche. Was verteufelt wurde, kostete Cents. Eine Spurensuche durch die Behandlungsentscheidungen von 2020.

Empty hospital corridor with benches and doors
Foto: Tasha Kostyuk / Unsplash

Was zugelassen war, kostete 2.000 Euro die Woche. Was verteufelt wurde, kostete Cents. Und was die Studien dazu sagen — das ist eine andere Geschichte.

Im Frühjahr 2020 stand die Medizin vor einer unbekannten Krankheit. Was folgte, waren Entscheidungen unter extremem Druck, mit unvollständigen Daten — das ist verständlich. Was weniger verständlich ist: Warum wurden diese Entscheidungen nie offen diskutiert?

Das Beatmungsgerät als Heilsversprechen

Anfang 2020 galten Beatmungsgeräte als das Mittel der Wahl. Regierungen kauften sie in Massen. Der Gedanke dahinter stammte aus der ARDS-Erfahrung: Wenn die Lunge versagt, beatme früh und invasiv.

Das Problem: COVID-19 war kein gewöhnliches ARDS.

Der Lungenfacharzt Thomas Voshaar, Chefarzt der Klinik Bethanien in Moers, widersprach dieser Logik früh. Er entwickelte das sogenannte Moerser Modell: Erst dann intubieren, wenn alle anderen Maßnahmen versagt haben und eine Beatmung unausweichlich zur Lebensrettung scheint. Sein Ansatz widersprach der damaligen WHO-Leitlinie. Er bekam dafür Angriffe aus der Ärzteschaft.

Das Modell stellte sich als die weitaus erfolgreichere Behandlung heraus.

Im Rückblick stellt sich eine unbequeme Frage. Voshaar nennt sie selbst: Maschinelle Intensivbeatmung konnte mit 38.500 Euro abgerechnet werden, im Einzelfall bis zu 70.000 Euro. Die schonende Behandlung mit Sauerstoff über die Maske: rund 5.000 Euro. Ein Faktor von sieben bis zehn — eingebaut ins Abrechnungssystem.

Das bedeutet nicht, dass Ärzte bewusst falsch behandelten. Aber es bedeutet, dass ein System existierte, das Intubation finanziell belohnte — und das niemand laut hinterfragt hat.

Was die Zahlen zeigen: In New York starben nach offiziellen Angaben 80 Prozent der künstlich beatmeten COVID-Patienten. In einer Studie aus Wuhan überlebten 3 von 22 beatmeten Patienten. In Großbritannien konnte laut dem nationalen Intensivregister ICNARC nur jeder dritte beatmete Patient lebend entlassen werden.

Bis Sommer 2020 hatten Kliniken weltweit auf weniger invasive Verfahren umgestellt. Diese Kurskorrektur fand in keiner Schlagzeile statt.

2.000 Euro — ohne nachgewiesenen Überlebensvorteil

Remdesivir war das erste zugelassene Medikament gegen COVID-19. Eine fünftägige Behandlung kostete rund 2.000 Euro. Ursprünglich gegen Ebola entwickelt — dort hatte es nicht funktioniert.

Im Oktober 2020 veröffentlichte die WHO die Ergebnisse der SOLIDARITY-Studie — der größten Behandlungsstudie der Pandemie mit über 11.200 Patienten. Das Ergebnis: Remdesivir zeigte keinen signifikanten Einfluss auf die Sterblichkeit. Die Aufenthaltsdauer im Krankenhaus verkürzte sich nicht messbar.

Im November 2020 sprach sich die WHO offiziell gegen den Einsatz von Remdesivir bei hospitalisierten Patienten aus.

Trotzdem blieb das Mittel im breiten Einsatz. Die EU-Zulassung blieb bestehen.

Die andere Seite der Waage

Während Remdesivir schweigend empfohlen blieb, wurde über zwei günstige Mittel sehr laut gesprochen — meist um sie zu verteufeln.

Hydroxychloroquin ist ein seit Jahrzehnten bekanntes Malariamittel. Günstig, millionenfach eingesetzt. Die britische RECOVERY-Studie testete es bei hospitalisierten Patienten — und fand keinen Nutzen. Damit schien die Debatte beendet.

Was weniger öffentlich diskutiert wurde: Die in RECOVERY verwendete Dosierung war außergewöhnlich hoch. 800 mg in den ersten Stunden, dazu weitere Dosen innerhalb von 24 Stunden — deutlich über dem, was für chronische Indikationen empfohlen wird. Hydroxychloroquin verlängert bei höheren Dosen die QT-Zeit im EKG, was Herzrhythmusstörungen begünstigen kann. Das BfArM hatte genau davor gewarnt. Ein systematisches EKG-Monitoring fand in der Studie nicht statt.

Das macht RECOVERY nicht zur Fälschung. Aber es macht die Dosierungsfrage zu einem legitimen wissenschaftlichen Kritikpunkt — der in der öffentlichen Debatte nicht vorkam.

Ivermectin wurde 2015 mit dem Nobelpreis für Medizin ausgezeichnet — für seinen Einsatz gegen Flussblindheit und Elephantiasis. In Peru entstand 2020 durch unterschiedliche regionale Politik ein unbeabsichtigtes natürliches Experiment: Bundesstaaten mit intensivem Ivermectin-Einsatz sahen innerhalb von 30 Tagen einen Rückgang der Übersterblichkeit um durchschnittlich 74 Prozent. Als eine neue Regierung den Zugang einschränkte, stiegen die Todesfälle innerhalb von zwei Monaten auf das 13-Fache. Diese Daten wurden 2023 im peer-reviewten Fachjournal Cureus veröffentlicht und bei PubMed gelistet.

Was diese Daten zeigen: eine starke Korrelation. Was sie nicht zeigen: einen Kausalitätsbeweis. Große randomisierte Studien fanden den Effekt nicht bestätigt. Die WHO empfahl Ivermectin gegen COVID-19 nur im Rahmen klinischer Studien.

Die Frage, die offen bleibt: Warum wurde ein 2.000-Euro-Mittel ohne gesicherten Überlebensvorteil breit eingesetzt — während ein Nobelpreis-Mittel zum Cent-Preis pauschal als gefährlich eingestuft wurde?

Vitamin D: der vergessene Risikofaktor

Keine Patente. Kein Hersteller, der Studien finanziert. Keine Zulassungspflicht.

Vitamin-D-Mangel war in der COVID-Sterblichkeit auffällig. Metaanalysen zeigten ein etwa doppelt so hohes Sterberisiko bei Patienten mit niedrigen Spiegeln. Eine Metaanalyse randomisierter kontrollierter Studien, veröffentlicht 2024 in Springer Medicine, fand eine signifikante Reduktion der Gesamtmortalität durch Vitamin-D-Gabe bei erkrankten Patienten.

Eine Tablette kostet Bruchteile eines Cents.

Die öffentliche Kommunikation: kaum vorhanden. Vitamin-D-Empfehlungen wurden von Behörden konsequent als „nicht ausreichend belegt" abgetan — zur selben Zeit, in der Remdesivir ohne nachgewiesenen Überlebensvorteil in Leitlinien stand.

Was bleibt

Behandlungsentscheidungen im Jahr 2020 waren keine Verschwörung. Sie entstanden unter Druck, mit unvollständigen Daten, in unbekanntem Terrain. Das verdient Verständnis.

Was kein Verständnis verdient: dass diese Entscheidungen nie öffentlich aufgearbeitet wurden. Dass die Frage, welche Mittel warum empfohlen oder verteufelt wurden — und welche finanziellen Strukturen dabei eine Rolle spielten — bis heute keine offizielle Antwort hat.

Erinnern heißt nicht anklagen. Aber Erinnern heißt fragen.

Wenn Sie persönlich von Behandlungsentscheidungen der Pandemiezeit betroffen sind oder gesundheitliche Folgen erleben: Das Netzwerk Post-COVID/Post-Vac vermittelt Anlaufstellen. Die Telefonseelsorge ist kostenlos erreichbar unter 0800 111 0 111, täglich, rund um die Uhr.