Das ungelöste Problem

Woher kommen die Long-COVID-Fälle — und warum kann kein Bluttest zwischen Virus und Injektion unterscheiden? Eine Frage, die in keiner Talkshow gestellt wurde.

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Foto: John Kinnander / Unsplash

Zwei Namen, ein Molekül

Long COVID und Post-Vac-Syndrom sind zwei verschiedene Diagnosen. Sie haben einen gemeinsamen Verdächtigen: das Spike-Protein.

Das Spike-Protein ist der Schlüssel, mit dem SARS-CoV-2 in menschliche Zellen eindringt. Es ist auch das Antigen, das mRNA-Impfstoffe den Körper produzieren lassen — damit das Immunsystem eine Antwort entwickelt.

Das bedeutet: Ob jemand eine schwere COVID-19-Erkrankung durchgemacht hat oder eine oder mehrere Impfungen erhalten hat — in beiden Fällen war Spike-Protein im Körper.

Das ist keine Verschwörungstheorie. Das ist Biochemie.

Was das für die Diagnostik bedeutet

Es gibt bis heute keinen validierten Bluttest, der unterscheiden kann: Stammt die Belastung aus einer Infektion oder aus einer Impfung?

Das ist medizinisch relevant — weil es bedeutet, dass Ärzte bei Langzeitbeschwerden nicht aus dem Labor ablesen können, welche Ursache wahrscheinlicher ist. Und es ist rechtlich relevant — weil Entschädigungsansprüche an Kausalität geknüpft sind.

Wer nach einer Infektion krank wird, hat keine Entschädigungsquelle. Wer nach einer Impfung krank wird, kann SGB XIV beantragen — wenn er den Zusammenhang wahrscheinlich machen kann. Ohne Unterscheidungstest ist das strukturell schwierig.

Was die Wissenschaft weiß

Eine 2022 in Nature Communications veröffentlichte Studie zeigte: Bei einem Teil der Post-Vac-Patienten ließ sich persistentes Spike-Protein im Blut nachweisen — noch Monate nach der Impfung. Das deutet darauf hin, dass bei manchen Menschen die mRNA-Translation länger andauert als erwartet.

Das RKI und das PEI anerkannten Long COVID offiziell als Krankheitsbild. Die Post-Vac-Diskussion wurde lange zögerlicher geführt — obwohl die biochemische Ausgangssituation identisch ist.

Der Unterschied in der institutionellen Reaktion ist dokumentiert. Er ist keine Vermutung.

Was fehlt

Es gibt in Deutschland keine systematische Langzeitkohorte, die beide Gruppen — Long-COVID-Erkrankte und Post-Vac-Betroffene — parallel verfolgt, mit denselben Methoden, mit denselben Biomarkern.

Ohne diese Kohorte bleibt die Frage nach dem Verhältnis von Häufigkeit und Schwere beider Syndrome wissenschaftlich offen. Und solange sie offen ist, bleibt die Debatte anfällig für politische Rahmung: Long COVID als anerkanntes Leiden, Post-Vac als Randphänomen — oder umgekehrt, je nach Perspektive.

Keine der beiden Rahmungen ist durch Daten gesichert. Weil die Daten nicht erhoben wurden.

Was das für Betroffene bedeutet

Menschen mit anhaltenden Beschwerden nach Impfung berichten in Selbsthilfegruppen und Arztpraxen von einem gemeinsamen Muster: Sie werden ernst genommen oder nicht ernst genommen — je nachdem, welchem Arzt sie begegnen.

Das ist kein Systemversagen im moralischen Sinne. Es ist die logische Konsequenz fehlender Diagnostik. Ärzte können nur dokumentieren, was sie messen können. Was nicht gemessen wird, kann nicht schaden — zumindest nicht offiziell.

Hoffnung: Was sich bewegt

Seit 2024 gibt es erste ICD-Codes für Post-Vac-Syndrom (U12.9). Das ermöglicht erstmals systematische Erfassung in Abrechnungsdaten.

Das ist ein Anfang. Kein Abschluss.

Die Frage, ob das Molekül Spike-Protein — unabhängig von seiner Herkunft — bei einem Teil der Bevölkerung Langzeitschäden verursacht, ist die medizinische Gretchenfrage der nächsten Jahre. Sie wird beantwortet werden. Die Frage ist nur, wie schnell.

Quellen: Patterson et al., „Persistence of SARS CoV-2 S1 Protein in CD16+ Monocytes", Nature Communications 2022; PEI-Sicherheitsbericht 2023; RKI, Long-COVID-Factsheet, Stand 2024; ICD-Katalog 2024 (U12.9).