Das war kein Versehen

Wie Angst in der Pandemie zur Staatsstrategie wurde — dokumentiert in Regierungspapieren, die noch heute online stehen.

Das war kein Versehen
Foto: l ch / Unsplash

Ein Satz, der alles erklärt

Am 22. März 2020 legte eine Gruppe von Psychologen und Verhaltenswissenschaftlern der britischen Regierung ein Dokument vor. Es trägt den nüchternen Titel „Options for increasing adherence to social distancing measures."

In diesem Dokument steht ein Satz, der heute auf der Website der britischen Regierung nachlesbar ist:

„A substantial number of people still do not feel sufficiently personally threatened. The perceived level of personal threat needs to be increased among those who are complacent, using hard-hitting emotional messaging."

Auf Deutsch: Zu viele Menschen fühlen sich noch nicht ausreichend persönlich bedroht. Das wahrgenommene Bedrohungsgefühl muss bei denjenigen, die sich zu sicher fühlen, durch harte, emotionale Botschaften erhöht werden.

Das ist kein Leak. Kein Whistleblower-Dokument. Es ist ein Regierungspapier, verfasst von der Scientific Pandemic Influenza Group on Behaviour (SPI-B), einer Untergruppe des wissenschaftlichen Beratergremiums SAGE — und es ist bis heute auf gov.uk abrufbar.

Die Frage ist nicht, ob Angst als Instrument eingesetzt wurde. Das ist dokumentiert. Die Frage ist: Was bedeutet das — für das, was wir damals erlebt haben?


Was ein Psychologe dazu sagt — der dabei war

Dr. Gavin Morgan war selbst Mitglied von SPI-B. In einem Interview sagte er später über den Einsatz von Angst durch seine Kollegen:

„Es ist eindeutig unethisch, Angst als Mittel der Kontrolle einzusetzen."

Das SPI-B-Dokument enthielt eine interne Risikoabwägung. Darin wurde eingeräumt, dass die „Spillover-Effekte" des Einsatzes von Angst und sozialer Missbilligung „negativ sein könnten". Die Risiken waren also bekannt. Sie wurden abgewogen. Und dann wurde entschieden, weiterzumachen.

Der Vorsitzende des britischen Rates für Psychotherapie schrieb später einen offenen Brief an den Premierminister. Darin zitierte er aus den SAGE-Protokollen: „the inflation of fear for all of the British people, irrespective of their individual risk levels of serious harm from the virus." — Die Erzeugung von Angst bei allen Briten, unabhängig von ihrem individuellen Risiko.


Und in Deutschland?

Das britische Dokument wäre leicht als angelsächsische Eigenheit abzutun — wenn es nicht ein fast wortgleiches deutsches Pendant gäbe.

Zwischen dem 19. und 22. März 2020 — exakt zur selben Zeit — verfasste eine Gruppe von Wissenschaftlern im Auftrag des Bundesinnenministeriums ein 17-seitiges Papier. Titel: „Wie wir COVID-19 unter Kontrolle bekommen." Klassifizierung: „VS — Nur für den Dienstgebrauch."

Das Papier wurde an alle anderen Bundesministerien und das Bundeskanzleramt verteilt. Es lag mehreren Medien vor. Keines veröffentlichte es. FragDenStaat stellte es schließlich im April 2020 online. Das Bundesinnenministerium bestätigte seine Echtheit. Es ist heute auf FragDenStaat abrufbar und im Deutschen Bundestag protokolliert (Drucksache 19/28063).

Was steht darin? Die Autoren fordern, dass Behörden eine „Schockwirkung" erzielen müssen. Konkret: Es solle kommuniziert werden, dass Infektion zum Tod führen könne — durch qualvolles Ersticken. Ausdrücklich wird die psychologische Wirkung auf Kinder einbezogen: Kinder könnten ihre Eltern infizieren und töten. Dieses Szenario solle kommunikativ genutzt werden.

Nicht als Warnung. Als Instrument.


Was Krisenkommunikation leisten soll — und was geschah

Es gibt einen wissenschaftlichen Konsens darüber, was gute Risikokommunikation in einer Krise leisten soll:

Informieren statt erschrecken. Risiken klar benennen, einordnen, verhältnismäßig darstellen.

Unsicherheit transparent machen. Was wissen wir sicher? Was noch nicht?

Vertrauen aufbauen durch Konsistenz. Wer heute das eine sagt und morgen das Gegenteil, verliert die Bevölkerung.

Keinen dauerhaften psychologischen Schaden anrichten. Chronische Angst schwächt das Immunsystem, erhöht Suizidrisiken, zerstört soziales Vertrauen.

Was stattdessen passierte, ist dokumentiert — nicht von Kritikern, sondern von den Beteiligten selbst:

Matt Hancock, britischer Gesundheitsminister, schrieb im Sommer 2020 in einer internen WhatsApp-Nachricht — später durch die „Lockdown Files" im Daily Telegraph veröffentlicht — über eine neue Virusvariante: „We frighten the pants off everyone." — Wir machen allen die Hosen voll. Die Antwort seines Mitarbeiters: Das werde das gewünschte Verhalten auslösen. Hancocks Reaktion: „That's no bad thing." — Das ist nicht schlecht.

Das war im Sommer 2020. Die Fallzahlen waren zu diesem Zeitpunkt niedrig.


Warum das keine britische Besonderheit ist

Das Bundesinnenministerium verfasste sein Papier in denselben vier Tagen. Dieselbe Logik. Dieselbe Schockwirkung als Ziel. Und dieselben deutschen Medien, die das Papier vorliegen hatten — und es nicht veröffentlichten.

Die RKI-Protokolle, die 2024 durch eine Klage von FragDenStaat teilweise veröffentlicht wurden, zeigen: Auch das RKI bewertete intern manches anders als öffentlich kommuniziert. Lauterbach räumte gegenüber Medien ein, dass Corona-Experten politisch beeinflusst worden seien — dokumentiert in der BILD im Juli 2024.

Keiner dieser Belege stammt aus einem alternativen Medium. Alle sind in Regierungsdokumenten, Parlamentsprotokollen oder Mainstream-Berichterstattung nachweisbar.


Was das mit uns gemacht hat

Angst ist die stärkste menschliche Emotion. Das schreiben die Verhaltenswissenschaftler selbst in ihren Dokumenten. Sie wissen: Wer Angst hat, prüft nicht mehr. Wer Angst hat, gehorcht. Wer Angst hat, misstraut den Nachbarn, den Kindern, den eigenen Händen.

Die Kollateralschäden dieser gezielten Angstinflation sind in wissenschaftlichen Studien dokumentiert: Psychische Erkrankungen, insbesondere bei Kindern und Jugendlichen, stiegen massiv an. Einsamkeit bei Älteren erreichte historische Werte. Suizidgedanken bei jungen Menschen nahmen zu. Das sind Daten aus Krankenkassenstatistiken, Kinder- und Jugendpsychiatrien und Sozialberichten.

Und ein Mitglied von SPI-B — der Gruppe, die das Konzept entwickelt hatte — sagte hinterher: Das war unethisch.

Nicht wir. Die, die dabei waren.


Eine Frage, keine Anklage

Dieser Artikel ist kein Vorwurf an einzelne Personen. Viele, die in den Jahren 2020 bis 2022 Entscheidungen trafen, handelten in einer echten Ausnahmesituation — mit dem Wissen, das sie hatten, unter Druck, den wir uns heute kaum noch vorstellen können.

Aber das Wissen, das wir jetzt haben, ist anders. Wir haben die Dokumente. Wir haben die Protokolle. Wir haben die nachträglichen Aussagen der Beteiligten.

Und dieses Wissen stellt eine einfache Frage:

Wenn das wahrgenommene Bedrohungsgefühl gezielt erhöht wurde — was bedeutet das für alles, was wir damals wahrgenommen haben?

War die Angst, die wir spürten, proportional zur Wirklichkeit? Oder war sie, zumindest teilweise, das Ergebnis einer Strategie?

Das ist keine rhetorische Frage. Es ist die einzige Frage, die zählt — wenn wir verstehen wollen, was in diesen Jahren wirklich passiert ist.


Was bleibt

Die Dokumente existieren. Das britische SPI-B-Papier ist auf gov.uk abrufbar. Das deutsche BMI-Szenarienpapier ist auf FragDenStaat archiviert und im Bundestag protokolliert. Die WhatsApp-Nachrichten von Matt Hancock wurden durch den Daily Telegraph veröffentlicht.

Niemand muss irgendjemandem glauben. Man muss nur lesen.

Und dann — vielleicht — darf man sich fragen: Was wäre gewesen, wenn man uns damals einfach die Wahrheit gesagt hätte? Dass das Virus für die meisten Menschen beherrschbar war. Dass die Maßnahmen Kosten hatten, die man abwägen musste. Dass Wissenschaftler uneins waren — und dass das normal ist und kein Grund zur Panik.

Hätten wir weniger mitgemacht? Oder hätten wir — behandelt als mündige Erwachsene — genauso vernünftig gehandelt, wie Menschen in Krisen meistens handeln, wenn man ihnen vertraut?

Die Antwort auf diese Frage können wir nicht mehr finden. Aber wir können sie für das nächste Mal im Gedächtnis behalten.

Und das nächste Mal kommt.