Demut vor der Wirklichkeit
Am selben Virologen lassen sich zwei Maßstäbe beobachten: die Rede, die Selbstkorrektur predigt – und die Praxis, in der sie geprüft wird.
Am 12. Dezember 2025 verleiht das Seminar für Allgemeine Rhetorik der Universität Tübingen dem Virologen Christian Drosten die Auszeichnung „Rede des Jahres 2025". Gewürdigt wird eine Rede, die er am 27. Mai 2025 vor dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) gehalten hat, zum hundertjährigen Bestehen des Instituts. Titel: „Wissenschaft ist Freiheit und Pflicht."
Die Jury lobt einen Redner, der „unbequeme Wahrheiten nicht ausspart", dessen Stil durch „persönliche Integrität" glaubwürdig werde.1 Elf Tage zuvor, am 1. Dezember 2025, hatte derselbe Mann in Berlin vor der Enquete-Kommission des Bundestags gesessen. Unter Polizeischutz.3
Zwei Termine, ein Redner. Es lohnt sich, beide nebeneinanderzulegen.
Damals: Die Rede
Die ausgezeichnete Rede beginnt mit einer Diagnose. Die Gesellschaft, so Drosten vor dem DIW, habe „das Bewusstsein für Fakten verloren". Er beschreibt einen „vollkommenen Verlust der Orientierung an Fakten", eine „Erosion wissenschaftlicher und journalistischer Gütekriterien", die in eine Monopolstellung der „Meinungsmacht" münde.2
Was der Wissenschaft davor schütze, sei nicht mehr Wissenschaft, sondern eine Haltung: Menschen, die „die Demut vor der Wirklichkeit" kennen, und die „Bereitschaft zur Selbstkorrektur".2 Wörtlich: „Es wird lange dauern, bis sich Courage in der Breite der Wissenschaft von selbst einstellt."2
Es ist, gemessen an Stil und Anspruch, eine bemerkenswerte Rede. Die Jury sieht in Drosten selbst das mustergültige Beispiel für das, was er fordert: einen Wissenschaftler, der sich nicht mehr als „bloßer Erklärer", sondern als „engagierte Stimme" versteht, bereit, sich der „demokratischen Debatte" zu stellen.1
Heute: Die Befragung
Elf Tage nach der Preisverleihung – tatsächlich schon zuvor, am 1. Dezember 2025 – hatte sich Drosten genau dieser Debatte gestellt: als geladener Sachverständiger der Enquete-Kommission des Bundestags zur Aufarbeitung der Corona-Pandemie.
Das ZDF beschreibt die Sitzung so: Auf die Frage, welche Fehler in der Pandemie gemacht worden seien, habe Drosten geantwortet, er habe sich „immer als Pandemie-Erklärer verstanden", ein paar Dinge seien „missverstanden worden". Als Beispiel nennt er, man habe früh gewusst, dass das Virus draußen weniger übertragen werde – das Schließen von Spielplätzen sei „eine Extremerscheinung" gewesen. Nach dreieinhalb Stunden endet die Befragung; Drosten verlässt die Kommission unter Polizeischutz.3
Im offiziellen Protokoll einer weiteren Sitzung, zwei Wochen später, hält der Bundestag zudem fest, dass unter den Sachverständigen bereits „Datenlücken" als unstrittig gelten – Lücken, die eine nachträgliche Bewertung einzelner Maßnahmen erschweren.4
Das ist die Selbstkorrektur, von der die Rede spricht – nur eben nicht als Prinzip, sondern als konkrete, oft zähe Praxis: ein Ausschuss, drei Jahre Laufzeit, Sachverständige, die sich widersprechen, ein Protokoll, das öffentlich einsehbar ist.34
Das Muster: Zwei Maßstäbe für dieselbe Frage
Der interessanteste Punkt liegt nicht in der Befragung selbst, sondern in einem kleinen, sauber dokumentierten Nebenschauplatz: dem PCR-Testprotokoll, das Drosten und Kollegen im Januar 2020 in der Fachzeitschrift Eurosurveillance veröffentlichten und das zur Grundlage der deutschen Diagnostik wurde.
Im November 2020 reichte eine Gruppe international tätiger Wissenschaftler bei der Zeitschrift eine formelle Anfrage auf Rücknahme („Retraction") des Papers ein. Die Vorwürfe betrafen die wissenschaftliche Qualität, das Peer-Review-Verfahren und einen Interessenkonflikt zweier Autoren, die zugleich Mitglieder des Eurosurveillance-Editorial-Boards waren. Die Zeitschrift bestätigt diesen Vorgang in einer eigenen, öffentlich einsehbaren Stellungnahme.5
Was danach im offiziellen Publikationsverzeichnis der Zeitschrift steht, ist schmal: Am 4. Februar 2021 erschien ein Erratum. Korrigiert wurde eine falsche Einheitenbezeichnung in einer Tabelle – „nM" war als „nm" abgedruckt worden.6 Zu einer Rücknahme des Papers kam es nicht.
Damit bleibt real dreierlei gleichzeitig wahr: Erstens wurde ein förmlicher, von namhaften Wissenschaftlern unterzeichneter Rücknahme-Antrag gestellt und von der Zeitschrift bearbeitet.5 Zweitens lautet das einzige offizielle Korrekturdokument bis heute: ein Tippfehler in einer Maßeinheit.6 Drittens wird eine strukturell identische Frage – ist ein Testverfahren methodisch tragfähig? – im Blattinnern eines Fachjournals anders verhandelt als in der öffentlichen Wahrnehmung, wo sie meist nur noch als „Verschwörungserzählung" oder als „bestätigte Wissenschaft" kursiert, ohne dass beide Seiten je den vollständigen Aktenstand kennen.
Genau das ist das wiederkehrende Muster, das sich durch die Pandemie-Aufarbeitung zieht: Dieselbe methodische Nachfrage – zu Grenzwerten, zu Datenlücken, zu Kausalität – wird unterschiedlich verhandelt, je nachdem, wer sie stellt und in welchem Forum sie landet. Im Fachjournal wird sie bearbeitet und dokumentiert. In der öffentlichen Debatte wird sie oft schon durch die Herkunft der Frage entschieden, bevor ihr Inhalt geprüft wurde.
Hoffnung
Der eigentliche Fortschritt liegt nicht darin, wer am Ende recht behält. Er liegt darin, dass es inzwischen belastbare, öffentlich zugängliche Verfahren gibt, in denen sich das überhaupt nachprüfen lässt: ein Bundestagsausschuss mit Sitzungsprotokollen, die jeder lesen kann;34 ein wissenschaftliches Publikationsverzeichnis, in dem Korrekturen mit Datum und Wortlaut stehenbleiben, statt zu verschwinden.6
Die Enquete-Kommission tagt noch bis 2027. Ihre Sitzungen und Sachverständigen-Stellungnahmen sind öffentlich dokumentiert.34 Wer selbst nachlesen will, statt sich auf eine Zusammenfassung zu verlassen – auch auf diese hier – findet die Originalquellen unten. Das ist die eigentliche „Demut vor der Wirklichkeit": nicht, wer sie einfordert, sondern dass sie inzwischen institutionell überprüfbar geworden ist.
Quellen:
- Universität Tübingen, Pressemitteilung „Christian Drosten erhält Auszeichnung 'Rede des Jahres 2025'" – Begründung der Jury zur Preisverleihung vom 12.12.2025. ↩↩
- Universität Tübingen, Seminar für Allgemeine Rhetorik, Seite „Rede des Jahres" – ausführliche Zusammenfassung und wörtliche Zitate aus Drostens DIW-Rede vom 27.05.2025. ↩↩↩
- ZDFheute, „Corona: Drosten verteidigt Maßnahmen, räumt aber auch Fehler ein", Bericht zur 10. Sitzung der Enquete-Kommission vom 01.12.2025. ↩↩↩↩↩
- Deutscher Bundestag, offizielles Sitzungsprotokoll „Krisenpläne und Frühwarnsysteme im Fokus", 10. Sitzung der Enquete-Kommission Corona, 01.12.2025. ↩↩↩↩
- Eurosurveillance/PMC, „Response to retraction request and allegations of misconduct and scientific flaws", offizielle Stellungnahme der Redaktion zum Vorgang vom 27.11.2020. ↩↩
- Eurosurveillance, „Erratum for Euro Surveill. 2020;25(3)", veröffentlicht am 04.02.2021, DOI 10.2807/1560-7917.ES.2021.26.5.210204e. ↩↩↩