Der 15. März

Am Abend des 15. März 2021 notiert Anthony Fauci einen Anruf: Drew Weissman plane eine Pressekonferenz zu einer Mausstudie über Immunreaktionen im Fruchtwasser nach mRNA-Impfung. Was daraus öffentlich wurde – und was die Fachliteratur heute, drei Jahre später, selbst einräumt.

Medical ultrasound scan showing a fetus on a monitor in a clinic setting.
Foto: MART PRODUCTION / Pexels

Der 15. März

Was Fauci über die Immunreaktion im Fruchtwasser wusste, als Schwangeren die Impfung empfohlen wurde

Teil der Serie „Damals/Heute". Diesmal: kein Vergleich zwischen zwei Ländern, sondern zwischen dem, was in einem Büro in Washington bekannt war, und dem, was Schwangeren gesagt wurde.

„Wir können sie nicht einfach abtun." So beschreibt Anthony Fauci in seinem eigenen Tagebuch die Lage an einem Montagabend im März 2021 — nicht mit Blick auf eine Gefahr für Schwangere, sondern mit Blick auf eine bevorstehende Pressekonferenz.

Der Anruf

Am Abend des 15. März 2021 notiert Fauci, Larry Horowitz habe ihn angerufen: Drew Weissman — der Mann, der zwei Jahre später gemeinsam mit Katalin Karikó den Nobelpreis für die modRNA-Technologie erhalten sollte — und ein Kollaborateur planten eine Pressekonferenz. Ihre Mausstudien hätten gezeigt, dass eine intramuskuläre Injektion des mRNA-Impfstoffs bei trächtigen Mäusen zu einer Immunreaktion im Fruchtwasser der Nachkommen führte.

Im Original, aus Faucis eigenem Tagebuch (1):

„Got call tonight from Larry Horowitz saying that Drew Weissman and his collaborator are planning to hold a press conference to discuss their studies in mice showing that an intramuscular injection of the mRNA vaccine leads to an immune response in the amniotic fluid of the pups in a pregnancy model."

Fauci hält fest, dass die FDA bereits die sogenannten DART-Studien (Developmental and Reproductive Toxicology) von Moderna und Pfizer vorliegen hatte — laut seiner Notiz als „clean" eingestuft. FDA und beide Hersteller hätten die Weissman-Ergebnisse für ungültig gehalten. Trotzdem schreibt Fauci selbst, man könne die Angelegenheit nicht einfach ignorieren — die geplante Pressekonferenz werde „a huge mess" verursachen. Sein Blick gilt an diesem Abend nicht in erster Linie der Sicherheitsfrage, sondern der Kommunikationsfrage.

Was daraus wurde

Tage später hält Fauci fest, dass FDA-Chefin Janet Woodcock und CDC-Chefin Rochelle Walensky die Datenlage geprüft hätten: Pfizer und Moderna hätten saubere DART-Studien vorzuweisen, und die CDC verfolge zu diesem Zeitpunkt rund 2.000 geimpfte Schwangere aus einer Kohorte von 31.000 — ohne auffällige Befunde.

Das gehört zur Fairness dazu: Eine einzelne, von FDA und Herstellern als ungültig eingestufte Mausstudie ist kein Beweis für eine Gefahr beim Menschen. Die zeitgleich laufende Kohortenbeobachtung fand zu diesem Zeitpunkt keine Warnsignale. Nichts an diesem Tagebucheintrag belegt, dass die spätere Impfempfehlung für Schwangere falsch war.

Was der Eintrag aber zeigt: Die Frage, ob mRNA-Impfstoffbestandteile über die Injektionsstelle hinaus wandern und eine fetale Immunantwort auslösen können, wurde intern bereits im März 2021 ernst genug genommen, um eine eigene Presse-Strategie zu erwägen — Monate bevor diese Frage in der öffentlichen Kommunikation überhaupt auftauchte.

Heute

Was 2021 als Randnotiz einer einzelnen, umstrittenen Mausstudie behandelt wurde, ist heute Gegenstand offener Fachliteratur. Eine Übersichtsarbeit im American Journal of Reproductive Immunology (2024) hält fest, dass der Nachweis von Impf-mRNA in menschlicher Muttermilch eine ähnliche Verteilung zur Plazenta nahelege — und dass unbekannt sei, wie Plazenta und Fötus darauf reagieren (2). Eine weitere Übersichtsarbeit bezeichnet die Biodistribution von mRNA-Impfstoffen generell als eines der am schlechtesten untersuchten Themen der gesamten Impfstoffforschung (3).

Zwischen dem Anruf vom 15. März 2021 und diesem offenen Eingeständnis liegen mehr als drei Jahre. In der Zwischenzeit wurde die Impfung für Schwangere durchgängig empfohlen — nicht, weil die offene Frage beantwortet worden wäre, sondern weil die verfügbaren Kohortendaten zu schwereren Endpunkten (Fehlbildungen, Fehlgeburten) bislang kein erhöhtes Risiko zeigten. Das ist ein legitimer Unterschied: Eine Kohortenstudie kann beruhigen, ohne dass die zugrundeliegende Biodistributionsfrage geklärt ist.

Die eigentliche Lehre

Nicht: „die Impfung war gefährlich." Sondern: Eine offene wissenschaftliche Frage, die 2021 intern eine Pressekonferenz wert war, wurde öffentlich nie in dieser Offenheit kommuniziert — und ist erst heute, in Fachjournalen, als das benannt, was sie die ganze Zeit war: unzureichend erforscht. Das ist keine Verschwörung. Es ist eine Lücke zwischen dem, was intern diskutiert wurde, und dem, was draußen ankam. Genau diese Lücke lässt sich schließen — durch genau die Art von Forschung, die die Fachliteratur selbst inzwischen einfordert.

Quellen

  1. Fauci-Tagebuch („Tony's Diary Package"), veröffentlicht durch Senator Rand Paul, Juli 2026 — Eintrag vom 15. März 2021, sowie Folgeeinträge zu DART-Studien und CDC-Kohorte: https://www.paul.senate.gov/wp-content/uploads/2026/07/2026.07.24_Tonys-Diary-Package.pdf
  2. Übersichtsarbeit zur Biodistribution von COVID-19-Impf-mRNA bei Mutter und Fötus, American Journal of Reproductive Immunology, 2024: https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/aji.13934
  3. Übersichtsarbeit zur Biodistribution von RNA-Impfstoffen, mit Verweis auf Blut-Plazenta-Schranke und Muttermilch: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC10812935