Der 23. September
Ein Fachausschuss stimmt 9:6 gegen eine Booster-Empfehlung. Ein Telefonat später ist sie trotzdem da. Was dazwischen geschah, hat Anthony Fauci selbst in sein Tagebuch diktiert - im Dezember 2025 warnt er vor genau diesem Muster.
Der 23. September
Wie eine 9-zu-6-Abstimmung zu einer einstimmigen Erinnerung wurde
„Die gute Wissenschaft wird früher oder später gewinnen." Mit diesem Satz überschreibt die Süddeutsche Zeitung am 28. Dezember 2025 ihr Interview mit Anthony Fauci. Der Kontext ist eindeutig: Fauci spricht über die aktuelle US-Gesundheitspolitik unter der Regierung Trump/Kennedy — gestrichene Forschungsgelder, der angekündigte WHO-Austritt, die politische Einflussnahme auf die mRNA-Forschung. Sein Kernsatz dazu, sinngemäß: Gute Wissenschaft erkennt man daran, dass sie Fragen beantworten will, die der Gesellschaft irgendwann nützen — nicht daran, dass sie sich nach den Interessen einer Regierung richtet.
Ein honoriger Maßstab. Die Frage ist, ob er auch rückwirkend gilt.
Der 23. September 2021 ist ein guter Tag, um ihn zu testen.
Damals: Ein Gremium stimmt ab
An diesem Tag tagt der Impfausschuss der US-Gesundheitsbehörde CDC (ACIP) über eine Frage, die heute banal klingt: Sollen Auffrischungsimpfungen auch für Menschen mit rein beruflicher Corona-Exposition empfohlen werden — Lehrer, Pflegepersonal, Menschen ohne eigene Vorerkrankung?
Das Gremium stimmt ab. Ergebnis: 9 zu 6 — gegen die Empfehlung.
Was danach passiert, hat Anthony Fauci selbst festgehalten. Nicht in einer Pressemitteilung, sondern in seinem privaten Tagebuch, das Senator Rand Paul im Sommer 2026 vollständig veröffentlicht hat — mehr als 1.100 Seiten, handschriftlich diktiert über drei Jahre.
Auf Seite 884 beschreibt Fauci den Abend selbst: Er habe CDC-Direktorin Rochelle Walensky angeschrieben und gebeten, ihn anzurufen, damit er ihr erklären könne, warum die Entscheidung des Ausschusses „ein fataler Fehler" wäre. Es folgen mehrere Telefonate — mit Walensky direkt, außerdem mit Mitarbeitern des Weißen Hauses, die ihn drängen, notfalls auch die Gesundheitsministerin persönlich anzurufen.
Walensky zögert. Das Votum war knapp, aber es war ein Votum — 9 zu 6, kein einstimmiger Beschluss, aber ein ordentliches Verfahren. Fauci bleibt dran. Er hält im Tagebuch fest, er habe ihr erklärt, sie werde „für immer als jemand ohne jede Führungsfähigkeit gebrandmarkt" sein, sollte sie die Empfehlung nicht kippen — überstimme sie den Ausschuss dagegen, könne sie ihren Ruf als Führungskraft noch retten.
Diktiert um 22 Uhr am 23. September, notiert Fauci: Walensky habe sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht entschieden. Wenige Stunden später überstimmt sie ihren eigenen Ausschuss und empfiehlt die Booster-Impfung auch für beruflich Exponierte.
Die Pointe ist nicht der Vorwurf
Es geht hier nicht darum, ob die Entscheidung in der Sache richtig oder falsch war — das lässt sich vier Jahre später seriös weder be- noch widerlegen, und genau das ist der Punkt. Ein Fachausschuss ist genau deshalb ein Fachausschuss, weil seine Abwägung nicht durch ein spätes Telefonat aus dem Weißen Haus ersetzt werden soll. Am 23. September 2021 wurde sie es doch.
Das ist keine Verschwörung. Es ist Aktenlage — von der Person selbst diktiert, die es tat.
Heute: Derselbe Maßstab, rückwärts angelegt
Im Dezember 2025 warnt Fauci davor, dass Wissenschaft sich nicht nach den Interessen einer Regierung richten dürfe. Am Abend des 23. September 2021 schildert er selbst, wie er auf ein Gremium einwirkt — nachdem ihm die öffentlichen Reaktionen auf die Entscheidung als eindeutig ablehnend aufgefallen waren, und während ihm Mitarbeiter des Weißen Hauses signalisierten, man zähle auf seinen Einfluss, damit Walensky die aus ihrer Sicht richtige Entscheidung treffe.
Das ist exakt die Konstellation, vor der er 2025 warnt: eine fachliche Entscheidung, die unter dem Eindruck von politischer Erwartung und öffentlicher Stimmung noch am selben Abend gekippt wird. Nur dass es hier nicht RFK Jr. war, der Druck auf ein Gremium ausübte — sondern er selbst.
Das ist kein Widerspruch, der ihn moralisch disqualifiziert. Es ist eine Erinnerung daran, dass der Maßstab „Wissenschaft darf sich nicht von Politik leiten lassen" für alle gelten muss, die ihn aufstellen — auch rückwirkend, auch für die eigene Amtszeit.
Hoffnung
Was am 23. September 2021 fehlte, gibt es heute: das Tagebuch liegt vor, jede Seite datiert und einsehbar. Das ist die eigentlich gute Nachricht. Verfahren, die im Moment durchbrochen wurden, lassen sich im Nachhinein rekonstruieren — und genau das macht eine Demokratie widerstandsfähig: nicht dass nie etwas schiefläuft, sondern dass es sich am Ende doch nachvollziehen lässt.
Quellen
- Anthony Fauci, „Tony's Diary Package", veröffentlicht durch Senator Rand Paul, Juli 2026 — Eintrag 23. September 2021, PDF-Seite 884: https://paul.senate.gov/wp-content/uploads/2026/07/2026.07.24_Tonys-Diary-Package.pdf
- Christina Berndt, Michaela Schwinn: Interview mit Anthony Fauci, „Die gute Wissenschaft wird früher oder später gewinnen", Süddeutsche Zeitung, 28.12.2025: https://www.sueddeutsche.de/gesundheit/anthony-fauci-gesundheit-usa-corona-impfung-li.334976
- Teil der Serie: „Der 2. März" (Teil 1), „0,2 bis zehnmal" (Teil 2), „Der 11. Juni" (Teil 3, in Arbeit)