Der Amtsarzt, der recht hatte
Oktober 2020: Ein Epidemiologe zweifelt an Masken, Inzidenzgrenzen und Schulschließungen — und verliert binnen einer Woche seinen Posten. Was die Akten heute zeigen.
Der Amtsarzt, der recht hatte
Oktober 2020. Ein Gesundheitsamtsleiter aus Bayern gibt ein Interview. Er zweifelt an Masken, an Inzidenzgrenzen, an Schulschließungen. Die Reaktion ist schnell: drei Tage später klingelt das Telefon.
Er soll seinen Schreibtisch räumen. Binnen einer Woche.
Damals: Was er sagte
Dr. Friedrich Pürner war kein Querdenker. Er war Epidemiologe, Master of Public Health, Leiter des Gesundheitsamts Aichach-Friedberg — ein Beamter im System, der das System von innen kannte.
Im Oktober 2020 sagte er der Aichacher Zeitung, was er als Fachmann sah:
Zur Maskenpflicht: Eine ausreichende Schutzwirkung von Stoffmasken sei keineswegs evidenzbasiert nachgewiesen. Masken seien ein Symbol der Solidarität — aber ihr tatsächlicher Schutz werde überschätzt.
Zur Sieben-Tage-Inzidenz: Der Schwellenwert von 50 sei epidemiologisch nicht sinnvoll nachvollziehbar. Ein politischer Wert, kein wissenschaftlicher.
Zu PCR-Tests: Verlasse man sich ausschließlich auf den PCR-Test, erlebe man Menschen, die abwechselnd positiv und negativ getestet würden — ohne dass dies klinisch relevant sei.
Zu Kindern: Es gebe keine richtigen Belege dafür, dass Community-Masken bei Kindern helfen. Kinder trügen sehr wenig zum bisherigen Infektionsgeschehen bei.
Die lokale Zeitung druckte es. Mehr passierte zunächst nicht — bis das Gespräch größere Kreise zog.
Danach: Was passierte
Am 3. November 2020, knapp zwei Wochen nach dem Interview, klingelte das Telefon. Pürner sollte das Gesundheitsamt verlassen — sofort, innerhalb einer Woche.
„Mit dieser Strafversetzung soll ein Exempel statuiert werden."
Die offizielle Begründung: Man brauche am Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit in Oberschleißheim einen erfahrenen Arzt. Staatssekretär Klaus Holetschek sprach von einer „spannenden Herausforderung". Disziplinarische Maßnahmen gebe es keine.
Die Stelle, auf die Pürner versetzt wurde, existierte zum Zeitpunkt seiner Versetzung noch nicht.
Über 130 Ärzte unterzeichneten einen offenen Brief und bezeichneten das Vorgehen als „inakzeptablen autoritären Versuch, legitime wissenschaftliche Diskussionen zu unterdrücken". Der Bayerische Landtag befasste sich mit dem Fall, weil Bürger eine Petition für Pürner einreichten.
Sechs Monate später, als Pürner rechtliche Schritte einleitete und gute Erfolgsaussichten hatte, plante die Regierung eine zweite Versetzung — diesmal zur Regierung von Oberbayern, zuständig für Gesundheitsprüfungen ausländischer Ärzte. Fachfremdes Terrain.
In einem Schreiben an Pürners Anwalt bestätigte die Behörde erstmals schriftlich, was offiziell nie zugegeben worden war: Die Versetzung habe keinen fachlichen Hintergrund gehabt. Als Begründung verwies man auf ein YouTube-Video mit einem Interview des Arztes.
Ein Mediziner verlor seine Leitungsposition — wegen eines Interviews.
Heute: Was die Akten sagen
Das RKI hielt intern am 30. Oktober 2020 — also nur wenige Tage nach Pürners Interview — in seinen Krisenprotokollen fest:
„Es gibt keine Evidenz für die Nutzung von FFP2-Masken außerhalb des Arbeitsschutzes."
Drei Jahre später, 2023, veröffentlichte die Cochrane Collaboration — die weltweit renommierteste Institution für medizinische Evidenzsynthese — ihre umfassendste Auswertung aller randomisierten Studien zu Masken in der Allgemeinbevölkerung. Das Ergebnis: kein nachweisbarer Schutzeffekt durch Masken im Alltag.
Die Inzidenzgrenzen — jene Schwellenwerte, deren epidemiologische Begründung Pürner bezweifelt hatte — wurden später von Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach selbst als politische Setzungen eingeräumt.
Pürners Einschätzung zu Kindern deckte sich mit dem, was Studien in den Folgejahren zeigten: Schulschließungen waren epidemiologisch nicht gerechtfertigt.
Die Klage, das Urteil, die offene Frage
Pürner klagte gegen den Freistaat Bayern. Im November 2023 gewann er vor dem Bayerischen Landgericht in einem zentralen Verfahren: Die Leistungsbeurteilung, die seiner Versetzung vorangegangen war und auf deren Grundlage zwei seiner Bewerbungen auf leitende Positionen gescheitert waren, wurde für rechtswidrig erklärt.
Das System hatte ihn nicht nur wegversetzt — es hatte ihn nachträglich schlechtbewertet, um weitere Karrierewege zu versperren.
Eine formelle Entschuldigung der Verantwortlichen steht bis heute aus.
2024 wurde Pürner als Kandidat des Bündnis Sahra Wagenknecht ins Europäische Parlament gewählt. Im Februar 2025 trat er aus der Partei aus. Er sitzt weiterhin im Europäischen Parlament, heute als fraktionsloser Abgeordneter, und arbeitet dort unter anderem an Fragen der Transparenz bei der COVID-Impfstoffbeschaffung.
Der Amtsarzt, der 2020 seinen Schreibtisch räumen musste, sitzt heute in Brüssel — und stellt dort Fragen, die 2020 seine Karriere kosteten.
Was bleibt
Es geht hier nicht darum, ob jede Einschätzung Pürners in jedem Detail zutraf. Wissenschaft ist ein Prozess, keine Abstimmung.
Es geht darum, was passiert, wenn ein Arzt — kein Demonstrant, kein Aktivist, kein Politiker — im Rahmen seiner fachlichen Funktion Fragen stellt, die das offizielle Narrativ stören.
Die Antwort war: Versetzung binnen einer Woche. Eine erfundene Stelle. Eine rechtswidrige Beurteilung. Zwei weitere Versetzungsversuche. Jahre ohne angemessene Beschäftigung.
Das Beunruhigende daran ist nicht die Geschichte eines einzelnen Mannes.
Es ist die abschreckende Wirkung auf alle anderen, die schwiegen.
Primärquellen: Aichacher Zeitung, Oktober 2020 · RKI-Krisenprotokolle (veröffentlicht 2024) · Urteil Bayerisches Landgericht, 22. November 2023 · Cochrane Review CD006207, 2023 · Nordbayern.de, Berliner Zeitung, Augsburger Allgemeine