Der ausgezeichnete Intensivmediziner

Drosten, Wieler, Buyx — sie alle bekamen das Bundesverdienstkreuz. Der prominenteste Intensivmediziner der Pandemie nicht. Was das DIVI-Register, ein Bundesrechnungshof-Bericht und 10.000 Tote durch Frühbeatmung miteinander verbinden.

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Foto: Аида Тикиева / Unsplash

Was bleibt, wenn der Orden ausbleibt

Drosten bekam es. Wieler bekam es. Buyx bekam es. Die Wissenschaftsjournalistin, die das Virus im Fernsehen erklärt hatte — sie bekam es als Erste, bereits im Oktober 2020. Das Bundesverdienstkreuz wurde in diesen Jahren zum stillen Zeugnis: Wer es trägt, war dabei. Auf der richtigen Seite, zur richtigen Zeit.

Einer fehlt in dieser Reihe.

Prof. Christian Karagiannidis war in mehr Talkshows als fast jeder andere. Sein Name stand für die Intensivstationen — für die Zahlen, die Prognosen, die Warnungen. Er war wissenschaftlicher Leiter des DIVI-Intensivregisters, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin, Mitglied im Corona-Expertenrat der Bundesregierung, Mitglied der Fachgruppe COVRIIN am RKI, Mitglied im Sachverständigenrat des Bundeskanzleramts. Er hat Preise bekommen — den Curt-Dehner-Preis, den Intensivmedizin-Forschungspreis, die DIVI-Ehrenmedaille. Alles angesehene Auszeichnungen seines Fachs.

Das Bundesverdienstkreuz aber blieb aus.

Das Register und die Frage, die niemand stellte

Das DIVI-Intensivregister war das Herzstück der deutschen Pandemiepolitik. Es lieferte täglich die Zahlen: Wie viele Intensivbetten sind frei? Wie viele belegt? Wie viele Covid-Patienten werden beatmet? Auf diese Daten stützten sich Lockdowns, Ausgangssperren, Impfkampagnen.

Karagiannidis hatte das Register gemeinsam mit Kollegen innerhalb von zwei Wochen aufgebaut — Anfang April 2020, tagsüber Klinikdienst, nachts Entwicklungsarbeit. Das ist, für sich genommen, eine beachtliche Leistung.

Im April 2021 schrieb er auf Twitter, in Großbuchstaben: „Liebe Entscheidungsträger, wie hoch sollen die Zahlen denn noch steigen bevor Ihr reagieren wollt???"

Drei Wochen später veröffentlichte ein Forscherteam um den Internisten Prof. Matthias Schrappe — ehemaliger Berater der Bundesregierung — ein Thesenpapier. Der Kernvorwurf: Die freien Intensivbetten im DIVI-Register seien systematisch zu niedrig gemeldet worden. Eine drohende Überlastung der Intensivstationen habe es in diesem Ausmaß nie gegeben. Und: In keinem anderen Land seien so viele Infizierte intensivmedizinisch behandelt worden wie in Deutschland.

Gleichzeitig war bekannt: Krankenhäuser hatten für das Freihalten von Intensivbetten Pauschalen erhalten — insgesamt 10,2 Milliarden Euro Ausgleichszahlungen, 530 Millionen Euro Prämien für zusätzliche Betten. Ein später bekannt gewordenes RKI-internes Schreiben, das im Bundesrechnungshof-Bericht auftaucht, legte nahe, die gemeldeten freien Betten könnten künstlich niedrig gehalten worden sein.

DIVI, Marburger Bund und Deutsche Krankenhausgesellschaft wiesen die Vorwürfe damals „aufs Schärfste zurück".

Damals und heute

Damals, September 2021, erklärte Karagiannidis im Tagesspiegel: „Die Geimpften spielen auf den Intensivstationen nahezu keine Rolle." — als Argument für eine höhere Impfquote.

Heute zeigen Daten des Datenanalysten Tom Lausen, auf die sich auch NIUS bei der Überprüfung der Aussagen von Ethikrat-Chefin Buyx bezogen hat, dass die tatsächliche Verteilung von Geimpften und Ungeimpften auf Intensivstationen erheblich differenzierter war als in der öffentlichen Kommunikation dargestellt.

Damals prognostizierte Karagiannidis im Herbst 2021 eine Verdopplung der Intensivbelegung, sollte die Impfquote nicht steigen — Grundlage für verschärfte Maßnahmen.

Heute wissen wir: ARD Monitor berichtete bereits im März 2021, dass drei Viertel der Covid-19-Patienten auf Intensivstationen invasiv beatmet wurden. Fachärzte beschrieben dieses Vorgehen als medizinisch nicht begründet — Intubation allein aufgrund eines Sauerstoffabfalls im Blut, ohne pathophysiologische Grundlage, widerspreche seit Jahrzehnten dem Stand der Wissenschaft. Interne Schätzungen sprachen von bis zu 10.000 Toten durch Frühbeatmung.

Das war kein Gerücht. Das war ARD.

Damals erschienen auf den Intensivstationen nie so viele Patienten wie angekündigt. Das Ministerium hatte im Frühjahr 2020 für 10.000 Beatmungsgeräte 90 Millionen Euro als Optionsprämie überwiesen — für Geräte, die nie geliefert wurden, weil die Pandemie milder verlief als prognostiziert.

Heute sitzt Karagiannidis im Sachverständigenrat Gesundheit und Resilienz. Die offenen Fragen zum Register sitzen dort mit ihm.

Das Muster

Wer das Bundesverdienstkreuz bekam, hatte kommuniziert. Wer Fragen gestellt hatte — Prof. Streeck, Prof. Schrappe — bekam es nicht. Karagiannidis fällt aus diesem Muster heraus: Er kommunizierte, er warnte, er war präsent. Und doch fehlt das Blech.

Vielleicht, weil seine Geschichte komplizierter ist als die der anderen. Weil er ein Register gebaut hat, das in die Kritik geriet. Weil eine private Klinikgruppe ihn öffentlich der „populistischen Kompetenzüberschreitung" bezichtigte. Weil Fragen an das Register auch Fragen an ihn sind.

Oder vielleicht aus einem ganz anderen Grund, den wir nicht kennen.

Was wir kennen: die Dokumente. Den Bundesrechnungshof-Bericht. Das Schrappe-Papier. Die ARD-Monitor-Berichte. Die Twitter-Großbuchstaben vom April 2021.

Und die Stille, die folgte.

Was bleibt

Das DIVI-Intensivregister existiert noch. Die Daten sind öffentlich. Das ist gut. Die Fragen, die 2021 gestellt wurden, sind nicht verschwunden — sie sind nur in Akten gewandert.

In einer funktionierenden Gesellschaft werden solche Akten irgendwann geöffnet. Nicht um zu verurteilen. Sondern um zu verstehen, was unter extremem Druck, in großer Unsicherheit, mit echten finanziellen Anreizen und politischen Erwartungen aus einem Register wurde — und was das für die nächste Krise bedeutet.

Das ist keine Frage nach Schuld. Das ist eine Frage nach Lernen.

Und die ist noch offen.