Der Erbsenzähler

Ein Wirtschaftsinformatiker wertet die offiziellen Pandemiedaten aus. Was folgt, ist kein Argument — sondern ein Apparat.

laptop computer on glass-top table
Foto: Carlos Muza / Unsplash

Ein Wirtschaftsinformatiker schaut sich die offiziellen Zahlen an. Was er findet, löscht YouTube dreimal.

Ein Mann, eine Tabellenkalkulation, eine Frage

Er nennt sich selbst „Erbsenzähler". Kein Pseudonym, kein Kampfbegriff — eine Selbstbeschreibung. Marcel Barz ist Wirtschaftsinformatiker und Datenanalyst. Im August 2021 veröffentlicht er einen 82-minütigen Film auf YouTube: „Die Pandemie in den Rohdaten".

Seine Methode ist denkbar simpel: Er lädt die öffentlich zugänglichen Daten des Statistischen Bundesamts, des DIVI-Intensivregisters und des Robert Koch-Instituts herunter — und schaut, was drinsteht.

Keine alternativen Quellen. Keine Geheimakten. Nur die Zahlen, die der Staat selbst veröffentlicht hat.

Das Ergebnis überrascht ihn selbst: Das Jahr 2020 — das Jahr des „ungebremsten Wütens" der Pandemie — ist gemessen an der Gesamtsterblichkeit eines der besseren Jahre seit 2012. Keine Altersgruppe zeigt eine Übersterblichkeit. Und der Vergleich mit Schweden, das kaum Maßnahmen ergriffen hatte, ergibt: kein messbarer Unterschied.

Barz lädt das Video hoch. Innerhalb weniger Wochen: 300.000 Aufrufe.

Dann wird es gelöscht.

Was danach passiert

YouTube entfernt das Video. Barz lädt es neu hoch. Es wird wieder gelöscht. Dann wieder. Schließlich bleibt es oben — aber, wie Barz dokumentiert, in den Suchergebnissen systematisch unterdrückt.

Gleichzeitig rückt das Schwergewicht der deutschen Faktenchecker-Industrie an:

Correctiv schickt eine Redakteurin. Sie stellt Fragen — und gibt dabei an, dass das Video „zahlreich zur Prüfung eingereicht" worden sei. Barz veröffentlicht ihre Anfrage inklusive seiner Antworten auf Telegram. Die Redakteurin reagiert mit Unmut: Die Fragen seien nicht zur Veröffentlichung freigegeben gewesen.

Correctiv veröffentlicht trotzdem einen Faktencheck. Titel: „Das Video ‚Die Pandemie in Rohdaten' lässt Kontext aus und führt so in die Irre."

Der Volksverpetzer legt nach — mit einem Artikel, der das Video als „Fake-Video" bezeichnet und Barz unterstellt, er handle „aus Unwissenheit oder ideologischer Motivation heraus".

Das Statistische Bundesamt selbst schaltet sich ein und versucht, Barz' Auswertung zu entkräften.

Die GWUP (Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften) widmet ihm einen eigenen Blogeintrag.

Die Amadeu Antonio Stiftung, finanziert aus Bundesmitteln, nimmt seinen Telegram-Kanal in ihr Monitoring-Dashboard auf. Kategorie: „Corona-Desinformation".

Vier unabhängige Institutionen. Eine staatlich geförderte NGO. Das Statistische Bundesamt selbst. Gegen einen Mann mit einer Tabellenkalkulation und den eigenen Daten des Staates.

Was nicht passiert

Barz' Rohdaten werden nicht vorgelegt — die korrekten.

Niemand zeigt, welche Zahl in welcher offiziellen Statistik falsch ist. Die Kritik richtet sich gegen seine Methodik: Er vergleiche Zeiträume falsch, ziehe falsche Schlüsse, verwende einen „Rechentrick". Das mag in Teilen zutreffen. Wissenschaftliche Debatten über Referenzzeiträume bei Sterblichkeitsstatistiken sind legitim und werden bis heute geführt.

Aber zwischen einer methodischen Debatte und dem koordinierten Einsatz von Löschung, staatlich gefördertem Monitoring und Medienausgrenzung liegt ein erheblicher Unterschied.

Barz dokumentiert: Trotz zahlreicher Kontaktversuche war bis zum Zeitpunkt seiner Aufzeichnungen kein einziges Massenmedium bereit, über seine Analyse oder den Umgang mit ihr zu berichten.

Zwei Jahre später: andere Zahlen, gleiche Reaktion

Im Dezember 2023 sitzt Barz im Interview mit Punkt.PRERADOVIC. Das Thema hat sich verschoben — nicht mehr 2020, sondern die Jahre danach. Der Titel: „Das Sterben der Jüngeren".

Seine Auswertung zeigt einen statistischen Anstieg der Übersterblichkeit in jüngeren Altersgruppen ab 2021 — dem Jahr des Impfstarts. Die Daten stammen erneut aus amtlichen Quellen.

Auch dieser Befund bleibt ohne inhaltliche Widerlegung durch offizielle Stellen. Gesucht wird stattdessen nach dem Absender.

Was die Reaktion zeigt

Es gibt eine alte Faustregel in der Datenanalyse: Der Aufwand zur Widerlegung einer These ist selbst ein Signal.

Wenn ein Wirtschaftsinformatiker mit einer Excel-Tabelle und öffentlichen Daten eine 82-minütige Auswertung veröffentlicht — und die Antwort darauf Löschungen auf einer der größten Plattformen der Welt, Faktenchecks von mindestens drei Organisationen, eine Reaktion des Statistischen Bundesamts und staatlich finanziertes Monitoring umfasst — dann sagt das etwas.

Nicht zwingend darüber, ob Barz in jedem methodischen Detail recht hatte.

Aber darüber, was auf dem Spiel stand.

Ein Video, das schlicht falsch gewesen wäre, hätte man korrigieren können. In einer Fußnote. Mit drei Sätzen. Das Ergebnis wäre Stille gewesen.

Stille gab es nicht.

Was bleibt

Die Debatte über Referenzzeiträume bei Sterblichkeitsstatistiken ist nicht abgeschlossen. Sie wird in Fachzeitschriften geführt — und sie ist wichtig.

Was sich nicht mehr debattieren lässt: dass ein Bürger, der öffentliche Daten öffentlich auswertet und seine Methoden offenlegt, in Deutschland auf folgendes stößt: Plattformlöschung, koordinierter Faktenchecker-Einsatz, staatlich finanzierte Überwachung seines Kommunikationskanals, und vollständige Nichtbeachtung durch den öffentlich-rechtlichen Rundfunk.

Das ist kein Urteil über Marcel Barz.

Das ist ein Urteil über den Zustand des öffentlichen Diskurses in den Jahren 2021 bis 2023.

Alle zitierten Faktencheck-Artikel und die Einordnung durch die Amadeu Antonio Stiftung sind öffentlich dokumentiert. Die Originaldaten (Destatis, DIVI, RKI) lagen und liegen frei zugänglich vor.