Der fehlende Ausgangswert

Warum es bis heute kein verpflichtendes Vorher-Nachher-Blutbild bei Impfungen gibt – und was das für die Beweisbarkeit von Nebenwirkungen bedeutet.

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Foto: CDC / Unsplash

Jede seriöse Verlaufskontrolle in der Medizin braucht zwei Punkte: einen Wert vorher, einen Wert nachher. Ohne den ersten Punkt lässt sich der zweite nicht einordnen – er hängt in der Luft. Genau dieser erste Punkt fehlt bei der größten Impfkampagne der deutschen Geschichte in der Fläche fast vollständig.

Damals: Messen erst, wenn es zu spät ist

Im März 2021 reagierte die Gesellschaft für Thrombose- und Hämostaseforschung (GTH) auf die ersten gemeldeten Fälle schwerer Gerinnungsstörungen nach einer Impfung. Ihre Empfehlung: Blutbild, Thrombozytenzahl und D-Dimere bestimmen – bei Patienten, die bereits Symptome zeigten.¹ Kopfschmerzen, Atemnot, Beinschwellung. Erst dann wurde gemessen.

Das ist medizinisch nachvollziehbar – man testet, wenn ein Verdacht besteht. Es bedeutet aber auch: Ein Ausgangswert von vor der Injektion existierte für diese Patienten in aller Regel nicht. Niemand konnte sagen, wie hoch das D-Dimer eine Woche zuvor gewesen war. Der Vergleichspunkt fehlte von Anfang an.

Heute: Dieselbe Lücke, nur mit Formular

Diese Lücke ist bis heute nicht geschlossen. Der MWGFD, ein Netzwerk kritischer Mediziner, sammelt seit Jahren Verdachtsfälle über ein eigenes Meldeformular. Auch hier stehen dieselben zwei Werte im Zentrum: großes Blutbild und D-Dimere.² Doch auch dieses Formular fragt nach dem Zustand nach einem vermuteten Schaden – nicht nach einem dokumentierten Zustand davor.

Zwischen der GTH-Empfehlung 2021 und der MWGFD-Meldestelle heute liegen vier Jahre, zwei völlig unterschiedliche medizinische Lager – und dieselbe strukturelle Leerstelle. Beide Seiten messen erst, wenn schon etwas passiert ist.

Das Muster: Ein Wert, der nie erhoben wurde

Eine 2022 in Boston durchgeführte Studie zeigt, wie viel an dieser Leerstelle hängt. Bei Jugendlichen mit Herzmuskelentzündung nach der Impfung fanden Forscher deutlich erhöhtes Troponin und CRP – aber erst im Nachhinein, im Vergleich zu einer separaten Kontrollgruppe, nicht zum eigenen Vorwert des jeweiligen Patienten.³ Wie hoch das Troponin bei genau diesem Jugendlichen eine Woche vor der Impfung gewesen wäre, weiß niemand. Es wurde nie gefragt.

Schon vor der breiten Impfkampagne gab es Stimmen außerhalb der etablierten Fachmedien, die genau das forderten: einen verpflichtenden Blutcheck vor und nach der Injektion, dokumentiert, auswertbar, für jeden Impfling. Diese Forderung wurde als übertriebene Vorsicht abgetan – sie widersprach dem Tempo, das die Kampagne verlangte. Im Rückblick war sie keine Verschwörungstheorie, sondern ein einfacher methodischer Grundsatz aus jeder klinischen Studie: Ohne Baseline keine belastbare Aussage über Veränderung.

Das ist das Muster, das sich durch die gesamte Aufarbeitung zieht, die wir hier dokumentieren: Ein System, das im Ernstfall reaktiv misst, kann im Einzelfall nie beweisen, was vorher war. Und ohne dieses Vorher bleibt jede Kausalitätsfrage – in beide Richtungen – eine Frage des Vertrauens statt der Daten.

Hoffnung

Die gute Nachricht: Die Lehre ist inzwischen angekommen, wenn auch spät. Die Expertengruppe Off-Label-Use beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte arbeitet seit 2024 an strukturierten Beobachtungspfaden für Long-Covid-Medikamente – ein Modell, das sich auf künftige Impfprogramme übertragen ließe.⁴ Und die individuelle Nutzen-Risiko-Abwägung, die das RKI für jede Impfentscheidung ohnehin vorschreibt, wäre der naheliegende Ort, an dem ein einfacher Basis-Blutcheck künftig verankert werden könnte – kostengünstig, schnell umsetzbar, und ein Gewinn für alle Seiten der Debatte, weil er endlich Daten statt Vermutungen liefern würde.

Quellen:

  1. Bioscientia Labordiagnostik, Zusammenfassung der GTH-Stellungnahme vom 24.03.2021 zu Thromboseverdacht nach Impfung.
  2. MWGFD, Meldestelle Impfschäden, Online-Meldeformular mit Angabe der relevanten Blutparameter (großes Blutbild, D-Dimere).
  3. Deutsches Ärzteblatt, Bericht zur Studie von Yonker et al. (Massachusetts General Hospital) zu Troponin- und CRP-Werten bei Impfstoff-Myokarditis, Januar 2023.
  4. BMG-Initiative Long COVID, Zusammenfassung des Runden Tisches vom 16.04.2024 zur BfArM-Expertengruppe Off-Label-Use.