Woher kommt der Grauton?

Nicht schwarz, nicht weiß - wie Behörden Unsicherheit kommunizieren und was dabei verloren geht.

Woher kommt der Grauton?
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Es gibt eine Formulierung im Beipackzettel von Comirnaty, dem BioNTech-Impfstoff, die auf den ersten Blick unspektakulär wirkt: Der Impfstoff sei eine „weiße bis grauweise Dispersion".

Für einen Organischen Chemiker ist das keine Nebenbemerkung. Es ist eine Produktspezifikation — und wenn ein Produkt gelegentlich deutlich grauer ausfällt als beschrieben, ist das eine Frage der Qualitätskontrolle. Keine Verschwörungstheorie. Eine Laborfrage.

Im Januar 2022 schrieben vier Professoren genau diese Frage an Ugur Sahin, den Gründer und Vorstandsvorsitzenden von BioNTech. Die Berliner Zeitung berichtete zuerst darüber.

Wer sie sind

Wichtig zum Verständnis: Diese Männer sind keine Impfgegner. Sie stehen der mRNA-Technologie ausdrücklich interessiert gegenüber — das schreiben sie in ihrem ersten Brief selbst. Was sie antreibt, ist das Handwerk: Eine Technologie, die sie fachlich beurteilen können, wird als Massenprodukt eingesetzt, ohne dass die aus ihrer Sicht notwendigen Qualitätsdaten öffentlich sind.

Prof. Dr. Jörg Matysik
Analytische Chemie
Universität Leipzig

Prof. Dr. Gerald Dyker
Organische Chemie
Ruhr-Universität Bochum

Prof. Dr. Andreas Schnepf
Anorganische Chemie
Universität Tübingen

Prof. Dr. Tobias Unruh
Physik der kondensierten Materie
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

Prof. Dr. Martin Winkler
Materials and Process Engineering
Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften

Was sie fragten — und was sie zurückbekamen

Januar 2022

Erster Brief an BioNTech-Gründer Ugur Sahin. Fragen: Woher kommt die Graufärbung mancher Chargen? Was sind die genauen Inhaltsstoffe der Lipid-Nanopartikel? Welche Toxizitätsstudien liegen für ALC-0315 vor? Der Brief ist wohlwollend formuliert — die Professoren betonen ihr grundsätzliches Interesse an mRNA-Technologie.

→ BioNTech antwortete — mit einer Stellungnahme, die offene Fragen nicht schloss.

Februar 2022

Erster Brief an das Paul-Ehrlich-Institut. Dieselben Fragen — diesmal an die zuständige Zulassungsbehörde. Berliner Zeitung fragt ebenfalls beim PEI nach.

→ PEI: keine Antwort. Anfrage der Berliner Zeitung: unbeantwortet.

März 2022

Zweiter Brief an das PEI — präzisierter Fragenkatalog. Themen: Krebsauslösendes Potenzial (Onkogenität) der mRNA-Impfstoffe, Qualitätssicherung bei der Chargenfreigabe, Lipid-Nanopartikel-Zulassungsstudien, Chargen-Varianz bei Nebenwirkungen, Schulung der Impfärzte, Schwächen im Meldesystem.

→ PEI: bestätigt Eingang. Inhaltliche Antwort: keine.

Juli 2022

Formeller Antrag auf Informationszugang beim PEI — zu Chargendokumentation, Freigabespezifikationen und EMA-Unterlagen. Ablehnender Bescheid am 27. Juli 2022. Begründung laut Bescheid: Zugang zu produktspezifischen Toleranzbereichen und EMA-Akten werde abgelehnt.

→ Abgelehnt. Bescheid liegt der Berliner Zeitung vor.

Sommer 2022

Die Professoren prüfen rechtliche Schritte gegen die Ablehnung des Informationsantrags.

→ Öffentlich kaum beachtet. Keine Folgeberichterstattung in Leitmedien.

Januar 2025

Milena Preradović (PUNKT.PRERADOVIĆ) veröffentlicht ein ausführliches Gespräch mit Dyker und Matysik über den inzwischen aufgetauchten PEI-Nebenwirkungsdatensatz. Fazit beider Professoren: Die Datenlage sei für sie als Fachleute erschreckend lückenhaft.

→ Erste breitere Aufmerksamkeit — drei Jahre nach den ersten Briefen.

Was sie konkret bemängelten — für Nichtchemiker erklärt

Was ist ALC-0315?

ALC-0315 ist der ionisierbare Lipid-Wirkstoff, der in den Lipid-Nanopartikeln von Comirnaty verwendet wird — der Träger, der die mRNA in die Zellen bringt. Er ist kein natürlicher Stoff, sondern industriell synthetisiert. Die EMA erklärte bei der Zulassung, Gentoxizität sei für diesen Stoff "nicht zu erwarten". Die Professoren bemängelten: Diese Erwartung war nicht durch Studien belegt — eine pharmazeutische Behauptung ohne experimentelle Grundlage.

„Es werden ja auch Stoffe eingesetzt, bei denen man eigentlich Toxizitätsstudien voraussetzen müsste. [...] Die EMA hat lediglich behauptet, Gentoxizität sei nicht zu erwarten — einfach so, ohne Belege. Der Organische Chemiker würde sofort sagen: Wenn man einen Stoff entwickelt, der RNA stabilisieren soll — also bindet —, dann muss man sich den unbedingt genauer anschauen. Aber genau das wurde nicht gemacht."

Prof. Dr. Jörg Matysik
Analytische Chemie, Universität Leipzig · Interview PUNKT.PRERADOVIĆ, Januar 2025

Was ist das Problem mit der Graufärbung?

Der Beipackzettel beschreibt Comirnaty als "weiße bis grauweise Dispersion". Wenn Chargen deutlich abweichen — also erkennbar grauer sind als die Spezifikation erlaubt — ist das ein Signal für Abweichungen im Produktionsprozess. In der Arzneimittelqualitätskontrolle ist Farbabweichung ein anerkannter Hinweis auf mögliche Chargenprobleme. Die Professoren fragten, was diese Abweichungen verursacht und ob sie systematisch erfasst werden. Keine Antwort.

Was das Schweigen bedeutet — und was nicht

Was das Schweigen belegt

Fünf Universitätsprofessoren mit einschlägiger Fachkompetenz haben über Monate hinweg sachliche, belegte Fragen gestellt. Das PEI hat den Informationszugang förmlich abgelehnt. Das ist dokumentiert und belegbar.

Berliner Zeitung, Erstberichterstattung Januar–August 2022 Mainstream-Erstveröffentlichung

Was das Schweigen nicht beweist

Das Schweigen einer Behörde beweist weder, dass die Fragen berechtigt sind, noch dass die Antworten gefährlich wären. Behörden schweigen aus vielen Gründen — Überlastung, Rechtsunsicherheit, Zuständigkeitsfragen. Das Schweigen allein ist ein Befund, kein Urteil.

Redaktionelle Einordnung richtig-erinnern.de

Befund

Das, was die Professoren verlangten, ist in der Pharmaindustrie Standard: Chargendokumentation, Freigabespezifikationen, Toxizitätsstudien für neuartige Hilfsstoffe. Für jedes andere Arzneimittel wären diese Daten Voraussetzung für die Zulassung — und öffentlich einsehbar.

Für Comirnaty wurden sie unter Verweis auf die Notfallzulassung und EMA-Zuständigkeit verweigert. Die Professoren fragten danach als Fachleute, nicht als Aktivisten. Ihre Fragen sind bis heute unbeantwortet.

Der PEI-Datensatz — Januar 2025

Drei Jahre nach den ersten Briefen tauchte ein PEI-Nebenwirkungsdatensatz auf — und Dyker und Matysik schauten ihn sich an. Im Gespräch mit Milena Preradović nannten beide ihr Fazit schlicht: "Blanker Horror" — womit sie die Lückenhaftigkeit der Erfassung meinten, nicht die Nebenwirkungen selbst.

Was sie beschrieben: fehlende systematische Auswertung, Datenlücken bei der Qualitätskontrolle, pharmakokinetische Fragen zu den Lipid-Nanopartikeln, die auch 2025 nicht durch Studien beantwortet seien. Das Interview erschien auf der Plattform PUNKT.PRERADOVIĆ und wurde in Fachkreisen diskutiert — in den Leitmedien nicht.

Was sich seither verändert hat

Die Fragen, die 2022 ins Leere liefen, sind 2026 parlamentarisch angekommen. Die Enquete-Kommission des Bundestages hat Toxikologen und Impfstoffsicherheitsexperten angehört. Die Lipid-Nanopartikel — ALC-0315 — sind inzwischen Gegenstand mehrerer peer-reviewter Veröffentlichungen. Die EMA hat unter Druck nachgebessert.

Das bedeutet nicht, dass alle Fragen beantwortet sind. Aber es bedeutet: Wer 2022 fragte, war nicht paranoid. Er war früh dran.

Primärquellen & Belege

  • Berliner Zeitung: Erstberichterstattung über den Brief an BioNTech, Januar 2022 — berliner-zeitung.de Mainstream-Erstveröffentlichung
  • Berliner Zeitung: Zweiter Brief an das PEI, März 2022 — berliner-zeitung.de Mainstream
  • Berliner Zeitung: Ungewünschte Proteine und Folgefragen, Januar 2024 — berliner-zeitung.de Mainstream
  • Deutsche Wirtschafts Nachrichten: PEI lehnt Informationsantrag ab, August 2022 — deutsche-wirtschafts-nachrichten.de
  • Cicero: Interview Matysik — "BioNTech widerspricht sich selbst", Februar 2022 — cicero.de Mainstream
  • PUNKT.PRERADOVIĆ: Gespräch mit Dyker und Matysik zum PEI-Datensatz, Januar 2025 — punkt-preradovic.com
  • EMA: Zusammenfassung der Produktmerkmale Comirnaty (Beipackzettel) — ema.europa.eu Behörde