Der große Feldversuch (Teil 2): Die Weltformel
Alle oder niemand: Wie Merkel, Buyx und die WHO dieselbe globale Impf-Erlösungslogik vertraten – und was die Gates-Stiftung damit zu tun hat.
Damals
Während in Deutschland über „Ungeimpfte" gestritten wurde, lief eine zweite, größere Erzählung parallel: Die ganze Welt müsse durchgeimpft werden — sonst sei niemand sicher, nirgends.
WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus formulierte es am 18. Januar 2021 so: Die Welt stehe „am Rande eines katastrophalen moralischen Versagens" — gemeint war die ungleiche globale Impfstoffverteilung. Sein Fazit, seither zigfach zitiert: Niemand sei sicher, solange nicht alle sicher seien.1
Bundeskanzlerin Angela Merkel übernahm die Formel fast wortgleich. Nach einer G7-Videokonferenz erklärte sie am 19. Februar 2021: „Die Pandemie ist erst besiegt, wenn alle Menschen auf der Welt geimpft sind."2 In ihrer Regierungserklärung vom 25. März 2021 im Bundestag präzisierte sie die Begründung: Gelinge es nicht, weltweit zu impfen, könnten sich weitere Mutanten entwickeln, „gegen die die bestehenden Impfstoffe womöglich nicht mehr wirkten".3
Auch die Vorsitzende des Deutschen Ethikrates, Alena Buyx, vertrat im Sommer 2021 im ZDF praktisch dieselbe Logik: Die Pandemie sei „so vollständig richtig erst vorbei, wenn die ganze Welt geschützt ist" — denn selbst bei perfekter Impfung hierzulande könnten anderswo neue Mutationen entstehen, die zurückkämen.4
Ein enger Zeitraum
Auffällig ist, wie dicht sich diese Formel innerhalb weniger Wochen wiederholte — auf Bundes-, Landes- und internationaler Ebene:
- 19. Februar 2021: Merkel nach der G7-Videokonferenz: „Die Pandemie ist erst besiegt, wenn alle Menschen auf der Welt geimpft sind."2
- 25. März 2021: Merkels Regierungserklärung im Bundestag zur globalen Impfstoffversorgung.3
- 29./30. März 2021: Gemeinsamer Zeitungsappell von Merkel, Macron, Johnson, WHO-Chef Tedros und rund 20 weiteren Staats- und Regierungschefs für einen internationalen Pandemievertrag, veröffentlicht in Le Monde und weiteren Zeitungen weltweit, offiziell dokumentiert vom Europäischen Rat.5
- 30. März 2021: Söders eigener bayerischer Corona-Impfgipfel — einen Tag nach dem internationalen Appell.6
- Sommer 2021: Buyx wiederholt die Erlösungsformel im ZDF.4
- 2. Juni 2021: COVAX-AMC-Gipfel in Tokio, mit Bill Gates persönlich vor Ort; die Gates-Stiftung sagt weitere 50 Millionen US-Dollar zu, zusätzlich zu bereits 156 Millionen zuvor.7
Diese Dichte belegt zunächst nur eines: Die Formel „alle oder niemand" war keine spontane Einzelmeinung, sondern über wenige Wochen hinweg auf mehreren politischen Ebenen gleichzeitig präsent — von der Bundespressekonferenz über die internationale Zeitungskolumne bis zum Pledging-Gipfel in Tokio. Was daraus folgt, mag jeder Leser selbst einordnen; die Chronologie spricht bereits für sich.
Heute
Karl Lauterbach begleitete dieselbe Logik national mit einer binären Zuspitzung: „Die Pandemie wird Einzelne nicht verschonen, man wird entweder krank oder geimpft."8 Die dafür nötige Impfquote wurde dabei laufend neu berechnet: Das RKI nannte im Frühjahr 2021 zunächst rund 60 Prozent, korrigierte dann wegen der ansteckenderen Delta-Variante auf 70 bis 80 Prozent.9
Erreicht wurde diese Schwelle nie — nicht weil zu wenig geimpft wurde, sondern weil mit Omikron eine Variante dominant wurde, gegen deren Übertragung die Impfung kaum noch schützte. Die epidemiologische Grundannahme, auf der „alle oder niemand" beruhte, war damit hinfällig, bevor sie sich erfüllen konnte — eine Einordnung, die nicht irgendein Kritiker vornimmt, sondern Virologen selbst, mit Verweis darauf, dass das Konzept der sterilen Immunität durch Impfung bei Omikron nicht mehr trug.9
Die Sorge vor immun-ausweichenden Mutationen war wissenschaftlich nicht aus der Luft gegriffen — Omikron hat genau das gezeigt. Nur folgte daraus nicht, was die Formel versprach: Selbst die am dichtesten geimpften Länder blieben von der neuen Variante nicht verschont. Die Prämisse stimmte in der Warnung, aber nicht in der daraus abgeleiteten Erlösungserzählung „impft die ganze Welt, dann ist es vorbei".
Das Muster
Auf nationaler Ebene wurde aus Ungeimpften ein Sündenbock gemacht — das war Thema des ersten Teils dieser Reihe. Auf internationaler Ebene entstand eine noch größere Erzählung: Erlösung erst durch weltweite, restlose Durchimpfung. Beide Formeln funktionierten nach demselben Muster — eine komplexe epidemiologische Lage wird zu einer einfachen, moralisch aufgeladenen Erzählung verdichtet.
Bemerkenswert ist dabei nicht, dass Politiker international ähnliche Formulierungen nutzten — Sprachbilder wandern schnell zwischen Regierungschefs, die dieselben Berater, denselben Termindruck und dieselben Nachrichtenagenturen teilen. Bemerkenswert ist, wie wenig davon nach dem Ende der akuten Krise noch reflektiert wurde: Die Prämisse „genug Impfungen = Ende der Pandemie" ist mit Omikron wissenschaftlich widerlegt worden — verschwand aber aus der öffentlichen Debatte, ohne dass jemand sie ausdrücklich zurücknahm.
Hoffnung
Dass sich diese Zeitleiste heute lückenlos aus offiziellen Protokollen, Bundestags-Dokumenten und Pressemitteilungen internationaler Organisationen rekonstruieren lässt, ist selbst ein gutes Zeichen. Nichts davon musste geleakt werden — Bundeskanzler.de, Bundestag.de und die Webseiten der beteiligten Stiftungen und Institutionen stellen die Originalquellen bis heute bereit.
Genau das unterscheidet eine überprüfbare Demokratie von einem geschlossenen System: Wer eine steile These formuliert — und sei es „die ganze Welt muss geimpft werden" —, hinterlässt ein Datum, ein Zitat, ein Protokoll. Das erlaubt es uns heute, genau nachzuzeichnen, wo eine gute Absicht (Impfgerechtigkeit für ärmere Länder) in eine unhaltbare Erlösungserzählung kippte. Wer das sauber dokumentiert, muss niemandem Böswilligkeit unterstellen — die Chronologie allein lehrt für die nächste Krise, wachsamer mit einfachen Formeln umzugehen.
Quellen
- Tedros Adhanom Ghebreyesus (WHO), Erklärung vom 18. Januar 2021, dokumentiert u.a. von AWO International und Tagesspiegel. ↩
- Angela Merkel, Pressekonferenz nach der G7-Videokonferenz, 19. Februar 2021, offizielle Mitschrift auf bundeskanzler.de. ↩↩
- Angela Merkel, Regierungserklärung im Deutschen Bundestag, 25. März 2021, offizielles Protokoll auf bundestag.de. ↩↩
- Alena Buyx, ZDF, Sommer 2021 (Fernsehauftritt, mehrfach unabhängig dokumentiert). ↩↩
- Gemeinsamer Zeitungsappell für einen internationalen Pandemievertrag, veröffentlicht u.a. in Le Monde, 29./30. März 2021, dokumentiert vom Europäischen Rat (consilium.europa.eu). ↩
- Bayerischer Corona-Impfgipfel unter Ministerpräsident Markus Söder, 30. März 2021, Pressekonferenz der Bayerischen Staatsregierung. ↩
- COVAX AMC Summit, Tokio, 2. Juni 2021; Zusage der Bill & Melinda Gates Foundation, offizielle Pressemitteilung gatesfoundation.org. ↩
- Karl Lauterbach, zitiert nach Tagesspiegel: „Merkels Impfrechnung erklärt die Vorsicht der Regierung", 2021. ↩
- Robert Koch-Institut, öffentliche Einschätzung zur Herdenimmunitätsschwelle, zitiert nach Tagesspiegel, 2021. ↩↩