Der große Feldversuch (Teil 1): Die Pandemie der Ungeimpften

Wie Politiker 2021 von Ungeimpften und einem weltweiten Feldversuch sprachen – und wie sie es heute erklären.

Der große Feldversuch (Teil 1): Die Pandemie der Ungeimpften
KI generiert

Damals

Ende 2021. Die vierte Welle rollt, die Ampel-Koalition ist gerade unterschrieben, und die Sprache der Politik verhärtet sich sichtbar.

Der designierte Bundeskanzler Olaf Scholz erklärt nach der Unterzeichnung des Koalitionsvertrags: „Das heute uns alle beeinträchtigende Infektionsgeschehen rührt von den Ungeimpften her. Darüber gibt es gar keinen Zweifel." Wenige Tage später, im Interview mit der „Bild am Sonntag", nennt er sich zugleich „auch Kanzler der Ungeimpften" — eine Formulierung, die selbst der NZZ auffällt: Wer eigens betonen muss, auch für eine Gruppe da zu sein, beschreibt damit unfreiwillig, wie weit sich diese Gruppe schon aus der gefühlten Mitte der Gesellschaft entfernt hat.

Fast zeitgleich tritt SPD-Chefin Saskia Esken im ZDF-Morgenmagazin auf. Sie wirbt für die Impfquote und schließt eine Impfpflicht nicht aus. Zur Sicherheit des Impfstoffs sagt sie: Man könne sich darauf verlassen, „dass es abgesehen von kleinen Nebenwirkungen wie Abgeschlagenheit" keine relevanten Folgen gebe — schließlich sei der Impfstoff inzwischen „an Milliarden von Menschen getestet worden, sozusagen in einem großen Feldversuch auf der ganzen Welt".

Ein „großer Feldversuch auf der ganzen Welt" — gesagt von der Vorsitzenden einer Regierungspartei, im öffentlich-rechtlichen Frühstücksfernsehen, ganz beiläufig, als Beruhigung gemeint.

Nur wenige Wochen zuvor hatte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn eine andere Formulierung geprägt, die zum Leitmotiv des Winters 2021 wurde: „Wir erleben gerade vor allem eine Pandemie der Ungeimpften — und die ist massiv." Markus Söder übernahm den Begriff in einer Regierungserklärung als „absolut korrekt". Karl Lauterbach, wenig später Spahns Nachfolger, hatte den Begriff schon im September 2021 selbst verwendet: „Die Pandemie wird zur Pandemie der Ungeimpften."

Woher der Satz kam

Der Begriff war keine deutsche Erfindung. Seinen Ursprung hatte er in den USA: Am 16. Juli 2021 sprach die Direktorin der amerikanischen Seuchenbehörde CDC, Rochelle Walensky, erstmals öffentlich von einer „pandemic of the unvaccinated". Wenige Tage später übernahmen der Immunologe Anthony Fauci und Präsident Joe Biden dieselbe Formulierung.

Erst Wochen später, ab August 2021, griff Jens Spahn den Begriff in Deutschland auf. Erfunden hatte er ihn nicht — aber er machte ihn hier bekannt und wiederholte ihn, wie interne RKI-Protokolle später festhielten, „bei jeder Pressekonferenz, vermutlich bewusst". Von dort wanderte die Formel weiter zu Söder, zu Lauterbach, zum Thüringer Ministerpräsidenten Bodo Ramelow — und im November 2021 auch zu EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, die bei einem USA-Besuch davor warnte, die Pandemie dürfe „nicht zu einer Pandemie der Ungeimpften" werden.

Das ist keine orchestrierte Kampagne, sondern ein dokumentierter Fall sprachlicher Nachahmung: Ein einzelner Satz einer US-Behördenchefin verbreitete sich binnen weniger Wochen über einen ganzen politischen Kontinent — weil er rhetorisch nützlich war, nicht weil er koordiniert wurde.

Der Widerspruch, der schon damals hörbar war

Was die Politiker damals nicht laut sagten: Der eigene Regierungsberater widersprach ihnen öffentlich. Virologe Christian Drosten erklärte im November 2021 im Interview mit der ZEIT: „Es gibt im Moment ein Narrativ, das ich für vollkommen falsch halte: die Pandemie der Ungeimpften." Seine Begründung: „Wir haben eine Pandemie, zu der alle beitragen — auch die Geimpften, wenn auch etwas weniger."

Noch deutlicher wird der Widerspruch heute. Die 2024 vollständig veröffentlichten Protokolle des Corona-Krisenstabs im Robert Koch-Institut zeigen: Der Krisenstab selbst hatte den Begriff „Pandemie der Ungeimpften" intern als „aus fachlicher Sicht nicht korrekt" bewertet — während er politisch weiter verwendet wurde.

Heute

2024, im ZDF-Interview mit Blick auf die veröffentlichten RKI-Protokolle, rechtfertigt sich Spahn: Gemeint gewesen sei, „dass wir auf den Intensivstationen damals vor allem Menschen ohne Impfungen gesehen haben, die schwere und schwerste Verläufe hatten." Karl Lauterbach erklärt dem Spiegel zur Verteidigung seines Vorgängers: Spahn habe wohl gemeint, dass sich zwar auch Geimpfte infizieren könnten — das sei ja bekannt gewesen.

Was 2021 als klare politische Zuschreibung formuliert wurde, wird 2024 zur nuancierten Erläuterung. Die Sprache hat sich verändert. Die Frage, warum die interne RKI-Kritik am Begriff drei Jahre lang unter Verschluss blieb, beantwortet das nicht.

Das Muster

Es ist immer dieselbe Bewegung: Im Moment der Krise wird eine einfache, zuspitzende Formel gewählt — „Pandemie der Ungeimpften", „Feldversuch", „Kanzler der Ungeimpften". Sie funktioniert rhetorisch, weil sie eine komplizierte epidemiologische Lage in eine moralisch eindeutige Geschichte übersetzt: hier die Verantwortlichen, dort die Vernünftigen.

Erst im Rückblick — wenn RKI-Protokolle veröffentlicht werden oder Journalisten nachfragen — kommt die Präzisierung. Dann war es „so nicht gemeint", dann ging es „eigentlich nur um die Intensivstationen", dann war der Feldversuch natürlich „im übertragenen Sinne".

Das ist kein Einzelfall einzelner Personen. Es ist ein Muster politischer Kommunikation in Krisenzeiten: Zuspitzung im Moment der Entscheidung, Relativierung im Moment der Rechenschaft. Bemerkenswert ist, dass ausgerechnet der wissenschaftliche Berater der Bundesregierung — Christian Drosten — der Zuspitzung schon 2021 öffentlich widersprach. Nicht ein „Schwurbler", sondern der meistzitierte Virologe der Republik.

Wie sich dieselbe Erlösungslogik auf internationaler Ebene wiederholte — mit noch größerem Anspruch — zeigt der zweite Teil dieser Reihe: „Die Weltformel".

Hoffnung

Dass die RKI-Protokolle heute vollständig, ungeschwärzt und öffentlich einsehbar sind, ist selbst ein Fortschritt — erzwungen durch eine Journalistin und eine Gruppe, die nicht lockerließ. Die Aufarbeitung findet statt, langsamer als wünschenswert, aber sie findet statt. Politiker, die sich 2024 im ZDF-Interview den eigenen Aussagen von 2021 stellen mussten, taten das öffentlich — nicht im Verborgenen.

Das ist der eigentliche Unterschied zu autoritären Systemen: Hier lassen sich Zitate noch nachschlagen, Protokolle noch anfordern, Widersprüche noch dokumentieren. Genau das macht Erinnerung möglich — und aus Erinnerung, richtig verstanden, kann kein Groll wachsen, sondern die nüchterne Grundlage dafür, es beim nächsten Mal besser zu machen.

Quellen

Olaf Scholz nach Unterzeichnung des Ampel-Koalitionsvertrags, 7. Dezember 2021, zitiert nach Berliner Zeitung: „Olaf Scholz: Ungeimpfte für Corona-Zahlen verantwortlich."

Olaf Scholz im Interview mit „Bild am Sonntag", Dezember 2021, eingeordnet von der NZZ: „Olaf Scholz: «Ich bin auch der Kanzler der Ungeimpften»."

Saskia Esken im ZDF-Morgenmagazin, 27. Dezember 2021.

Jens Spahn, Pressekonferenz, 3. November 2021, dokumentiert u.a. von ZDFheute und taz.

Markus Söder, Regierungserklärung des Bayerischen Landtags, November 2021.

Karl Lauterbach, X (vormals Twitter), 11. September 2021.

Christian Drosten, Interview mit DIE ZEIT, 11. November 2021.

Protokolle des RKI-Krisenstabs, vollständig veröffentlicht 2024, ausgewertet von ZDFheute: „Corona-Protokolle: Die 'Pandemie der Ungeimpften' und das RKI."

Jens Spahn im ZDFheute-Interview, Mai 2024.

Karl Lauterbach, Stellungnahme gegenüber DER SPIEGEL, Juli 2024, zitiert nach taz.

Rochelle Walensky (CDC), Pressekonferenz, 16. Juli 2021; Anthony Fauci (CNN) und Joe Biden übernahmen die Formulierung wenige Tage später.

RKI-Krisenstabsprotokoll, 5. November 2021, veröffentlicht 2024.

Ursula von der Leyen, öffentliche Äußerung bei einem USA-Besuch, November 2021.