Der Grundsatz, der verschwand

Am 29. Januar 2021 sagte der RKI-Präsident: Je mehr wir impfen, desto mehr Varianten. 56 Tage später sagte er das Gegenteil. Dazwischen: ein Impfstoffentwickler, der die WHO warnte — und niemand, der fragte.

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Foto: National Institute of Allergy and Infectious Diseases / Unsplash

Der Grundsatz, der verschwand

Ein Vakzinologe warnt die WHO. Der oberste Pandemie-Wächter Deutschlands sagt zweimal das Gegenteil. Und das Virus hält sich an die Physik.

Ein Satz, den man nicht vergessen hat

29. Januar 2021. Bundespressekonferenz, Berlin.

Lothar Wieler, Präsident des Robert Koch-Instituts, spricht über Virusvarianten. Die britische Mutante macht Schlagzeilen. Man ist im ersten Impfmonat. Wieler sagt:

„Es werden zukünftig mehr Varianten auftreten, das ist biologisch sehr plausibel, und je mehr wir impfen, desto mehr Varianten werden auftreten."

Der Satz steht im Focus. Er wird zitiert. Er klingt sachlich, fast nüchtern — wie ein Wissenschaftler, der das Handwerk seines Fachs beschreibt.

Er ist auch biologisch richtig.

Die Physik dahinter: Was ist eigentlich eine Mutation?

Stell dir vor, ein Virus ist wie ein Einbrecher, der immer neue Schlüssel ausprobiert. Das Immunsystem ist das Schloss.

Solange der Einbrecher keine Gegenwehr hat, probiert er beliebig viele Schlüssel — die meisten funktionieren genauso gut wie der alte. Kein besonderer Druck.

Jetzt stell dir vor, du rüstest das Schloss nach. Plötzlich haben bestimmte Schlüssel einen enormen Vorteil: jene, die das neue Schloss öffnen. Diese Schlüssel setzen sich durch — weil alle anderen scheitern. Biologen nennen das Selektionsdruck.

Das ist nicht Spekulation. Das ist Evolutionsbiologie, Grundkurs.

Genau deshalb muss der Grippeimpfstoff jedes Jahr neu formuliert werden: Weil der Selektionsdruck durch das Immunsystem der Geimpften das Influenzavirus zwingt, sich zu verändern. Wer dem Schloss entkommt, überlebt. Wer nicht, verschwindet.

Der Vakzinologe, der das für SARS-CoV-2 laut aussprach, hieß Geert Vanden Bossche.

Der Mann, den niemand hören wollte

März 2021. Ein offener Brief geht an die Weltgesundheitsorganisation.

Der Absender ist kein Querdenker, kein Verschwörungstheoretiker, kein Youtuber. Er ist Tierarzt und Impfstoffentwickler, hat bei der Bill & Melinda Gates Foundation gearbeitet, war Senior Program Manager der GAVI — der globalen Impfallianz.

Sein Brief lautet sinngemäß: Stoppt die Massenimpfung jetzt. Nicht weil Impfungen schlecht sind. Sondern weil ihr Euch die Immunflucht-Varianten gerade selbst heranzüchtet.

Sein Argument: Die Impfstoffe richten das Immunsystem auf einen einzigen Angriffspunkt aus — das ursprüngliche Spike-Protein. Das Virus, das dem entkommt, hat einen riesigen Reproduktionsvorteil. Je mehr Menschen gleichzeitig eine ähnliche Immunantwort haben, desto stärker der Selektionsdruck — desto schneller die Evolution.

Die Antwort des deutschen Faktencheckings, April 2021: „Unbelegt." Mehrere Immunologen widersprechen. Der Heidelberger Virologe Bartenschlager erklärt: Eine Variante mit Immunflucht habe in Deutschland noch keinen Reproduktionsvorteil — die meisten Menschen seien ja noch gar nicht geimpft.

Das stimmt — für April 2021.

Der Dreh: 56 Tage später

26. März 2021. Dieselbe Bundespressekonferenz, Berlin.

Derselbe Lothar Wieler. Auf eine Frage zu Mutationen antwortet er jetzt:

„Wir werden sicher nochmal impfen müssen. Wir denken — darum ist es ja so wichtig, dass die ganze Welt durchgeimpft wird —, je mehr Impfschutz auf der Welt ist, desto geringer ist die Inzidenz und desto weniger Mutationen werden dann auch auftreten."

Weniger Mutationen.

56 Tage zuvor: mehr Impfen = mehr Varianten. 56 Tage später: mehr Impfen = weniger Varianten.

Derselbe Mann. Derselbe Ort. Entgegengesetzte Aussage.

Der Journalist Boris Reitschuster fragte öffentlich: Wie kann das sein? Er bekam keine Antwort. Niemand fragte nach. Die Diskussion fand nicht statt.

Was dann kam

Die Varianten kamen in einer Folge, die kein epidemiologisches Modell von 2021 vorhergesagt hatte:

Alpha → Delta → Omikron → BA.2 → BA.4/5 → BQ.1 → XBB → JN.1 → KP.2 → ...

Jede neue Variante: besser darin, bestehende Immunität zu umgehen. Jede neue Variante: ein weiterer Hinweis, dass der Selektionsdruck funktioniert.

Das bedeutet nicht, dass Impfungen die Varianten verursacht haben. Viren mutieren auch ohne Impfungen. Das Argument ist subtiler: In welche Richtung der Selektionsdruck die Mutationen treibt, hängt davon ab, womit der Großteil der Bevölkerung immunisiert ist — ob durch Infektion, durch Impfung, oder durch beides, und wann.

Was man sagen kann: Das Muster der Varianten-Zeitreihe — immer bessere Immunflucht gegen die ursprünglichen mRNA-Antigene — passt zur Theorie des Selektionsdrucks. Es widerspricht ihr nicht.

Ob das Bayerische Staatsministerium das bestätigt? In einer parlamentarischen Antwort von 2021 steht schwarz auf weiß:

„Im Prinzip gilt das auch für den Einsatz von Impfstoffen. Dies kann zur Folge haben, dass vorhandene Impfstoffe je nach auftretenden Mutanten regelmäßig modifiziert und der jeweiligen Situation angepasst werden müssen. Dies ist z. B. bei Impfstoffen gegen Influenza seit Jahrzehnten gängige Praxis."

Ein Staatsdokument. Kein Querdenker. Keine alternative Quelle.

Was das bedeutet — und was es nicht bedeutet

Es wäre falsch zu sagen: Die Impfung hat die Varianten gemacht.

Es wäre auch falsch zu sagen: Das Argument war von Anfang an Schwurbelei und ist es geblieben.

Was sich sagen lässt:

Ein erfahrener Impfstoffentwickler hat im März 2021 eine Warnung ausgesprochen, die auf anerkannten evolutionsbiologischen Prinzipien basiert. Er wurde ohne Gegenbeweis als widerlegt markiert.

Der Präsident des Robert Koch-Instituts hat dieselbe biologische Mechanik zwei Monate früher selbst beschrieben — und sie zwei Monate später ohne Erklärung ins Gegenteil verkehrt.

Die nachfolgenden Varianten folgten einem Muster, das mit dem beschriebenen Selektionsmechanismus konsistent ist.

Ob der Kausalzusammenhang eindeutig belegt ist? Nein. Das sagen wir nicht.

Ob die Frage berechtigt ist? Das ist schwerer zu leugnen.

Der Grundsatz, den es gab

„Man impft nicht in eine laufende Pandemie" war kein Verschwörungsmythos.

Es war ein wissenschaftlicher Grundsatz — erarbeitet aus Jahrzehnten Erfahrung mit Influenza, HIV und anderen Erregern, die unter Selektionsdruck schnell mutieren.

Er wurde nicht widerlegt. Er wurde übergangen.

Dann wurde er von den falschen Leuten zitiert.

Und dann war er weg.

Hoffnung: Die Biologie wartet

Das Schöne an der Biologie ist: Sie hört nicht auf, wahr zu sein, weil sie unbequem ist.

Die Selektionsdrucktheorie ist kein Ausdruck von Böswilligkeit — weder der Impfstoffe noch derer, die sie empfohlen haben. Sie ist ein Ausdruck davon, dass das Virus kein Feind ist, der denkt. Es ist ein System, das auf Druck reagiert. Das tut es immer.

Das bedeutet: Wenn wir die nächste Pandemie anders angehen wollen, müssen wir diese Frage stellen. Nicht um jemanden zu verurteilen. Sondern weil es das nächste Mal einen Unterschied machen könnte.

Die Frage ist nicht mehr, ob Wieler am 29. Januar oder am 26. März recht hatte.

Die Frage ist: Warum hat niemand nachgefragt?

Und: Wer fragt beim nächsten Mal?

Quellen

  1. Bundespressekonferenz, 29. Januar 2021: RKI-Präsident Lothar Wieler, zitiert nach Focus.de — „Es werden zukünftig mehr Varianten auftreten, das ist biologisch sehr plausibel, und je mehr wir impfen, desto mehr Varianten werden auftreten." YouTube-Aufzeichnung der Bundespressekonferenz vom 29.01.2021 verfügbar: youtube.com/watch?v=cEaZZCAs2cQ 
  2. Bundespressekonferenz, 26. März 2021: Lothar Wieler, zitiert nach reitschuster.de (Bericht vom 27. März 2021): „Je mehr Impfschutz auf der Welt ist, desto geringer ist die Inzidenz und desto weniger Mutationen werden dann auch auftreten." — Gegenüberstellung beider Aussagen durch Boris Reitschuster dokumentiert. 
  3. Geert Vanden Bossche, offener Brief an die WHO, März 2021: Warnung vor Immunflucht-Selektion durch Massenimpfung in laufender Pandemie; Vanden Bossche war Senior Officer bei der Bill & Melinda Gates Foundation und Senior Program Manager bei GAVI (Global Alliance for Vaccines and Immunization). 
  4. Correctiv Faktencheck, 21. April 2021: „Begünstigen Impfungen Corona-Mutationen? Wissenschaftler widersprechen den Behauptungen von Geert Vanden Bossche." Bewertung: „Unbelegt." Bartenschlager (Heidelberg): Variante mit Immunflucht habe in Deutschland noch keinen Reproduktionsvorteil, da die meisten Menschen noch keine Immunität hätten. 
  5. Bayerischer Landtag, Schriftliche Anfrage, Drucksache 18/15746, Juni/Juli 2021: Staatsregierung bestätigt in ihrer Antwort, dass Impfstoffe Selektionsdruck ausüben und zu Mutationen beitragen können — „Im Prinzip gilt das auch für den Einsatz von Impfstoffen" — und verweist auf die jährliche Anpassung von Influenza-Impfstoffen als gängige Praxis. 
  6. Focus.de, 29. Januar 2021: Erstveröffentlichung des Wieler-Zitats „Je mehr wir impfen, desto mehr Mutationen werden wir haben." Quelle: Corona-Debatte im News-Ticker, Bundespressekonferenz mit Spahn und Wieler. 
  7. WHO-Influenza-Impfstrategie: Jährliche Neuformulierung der Grippeimpfstoffe aufgrund von Selektionsdruck und Antigendrift — etabliertes Prinzip seit Jahrzehnten; belegt durch WHO Global Influenza Programme (who.int/influenza).