Der Intelligenztest, Teil 3

Wie das RKI intern festhielt, die 'Pandemie der Ungeimpften' sei fachlich falsch — während die Formulierung öffentlich weiterlief.

a microphone that is sitting on a table
Foto: Small Giant / Unsplash

Der Intelligenztest, Teil 3

Die "Pandemie der Ungeimpften" — und der Satz aus dem eigenen Protokoll, der sie schon widerlegte, während sie noch verkündet wurde

Die ersten beiden Teile dieser Reihe zeigten Widersprüche, die man live hätte bemerken können, wenn man aufmerksam zuhörte.¹ ² Teil 3 zeigt einen Fall, bei dem die Widerlegung nicht nachträglich kam — sie lag zeitgleich in einem behördeninternen Protokoll vor, während die Formulierung öffentlich weiterverwendet wurde.

Beispiel 7: "Pandemie der Ungeimpften"

Damals (7. September 2021, Twitter): Bundesgesundheitsminister Jens Spahn schrieb: "Bei Inzidenz und auf Intensivstationen sehen wir: Wir erleben eine anwachsende Pandemie der Ungeimpften. Alle, die können, sollten sich ihren Schutz holen!"³ Die Formulierung wiederholte er nach eigener späterer Aussage "bei jeder Pressekonferenz".⁴

Damals (5. November 2021, RKI-Krisenstab-Protokoll): Ein Vertreter eines RKI-Fachgebiets hielt intern fest: "In den Medien wird von einer Pandemie der Ungeimpften gesprochen. Aus fachlicher Sicht nicht korrekt. Gesamtbevölkerung trägt bei." Ein Vertreter eines anderen Fachgebiets ergänzte dazu im selben Protokoll: Die Formulierung "dient als Appell an alle, die nicht geimpft sind, sich impfen zu lassen. Sagt Minister bei jeder Pressekonferenz, vermutlich bewusst, kann eher nicht korrigiert werden."⁴

Das ist keine Interpretation eines Kritikers. Das ist die eigene Fachbehörde, die intern festhält, dass eine Regierungsformulierung fachlich falsch ist — und im selben Atemzug vermerkt, dass sie vermutlich absichtlich beibehalten wird, weil sie kommunikativ nützlich ist.

Damals (10. November 2021, "Die Zeit"): Der Virologe Christian Drosten widersprach der Formulierung öffentlich: "Es gibt im Moment ein Narrativ, das ich für vollkommen falsch halte: die Pandemie der Ungeimpften. Wir haben keine Pandemie der Ungeimpften, wir haben eine Pandemie." Auf die Nachfrage, warum dann gerade auf den Intensivstationen überwiegend Ungeimpfte lägen, erklärte er die sinkende Schutzwirkung der Impfung nach einigen Monaten und betonte: "Wir haben eine Pandemie, zu der alle beitragen – auch die Geimpften, wenn auch etwas weniger."⁴

Damals (18. November 2021, acht Tage später): Drosten bezeichnete Covid-19 nun als in erster Linie eine "Krankheit der Ungeimpften" und forderte zusätzliche, spezifisch auf Ungeimpfte zugeschnittene Kontaktbeschränkungen, "die auch ihr häusliches und privates Umfeld betreffen".⁴

Heute bekannt: Bereits im selben RKI-Protokoll vom 5. November war intern vermerkt worden, man solle "sehr vorsichtig mit der Aussage sein, dass Impfungen vor jeglicher (auch asymptomatischer) Infektion schützen" — ein Hinweis darauf, dass Übertragung durch Geimpfte fachlich längst bekannt war, während die öffentliche Zuspitzung in die Gegenrichtung lief.⁴ Ende November titelte die Süddeutsche Zeitung "Pandemie der Ungeimpften" und veranschaulichte das Narrativ mit einem Vergleich zu Winterreifen: Auch wer die richtige Ausrüstung habe, könne noch Unfälle verursachen – "die Ungeimpften sind es, die die Pandemie vorantreiben".⁴

Was auffallen konnte, ganz ohne Sonderwissen: Man musste keinen Zugriff auf interne Protokolle haben. Man musste nur zwei öffentliche Aussagen desselben anerkannten Wissenschaftlers im Abstand von acht Tagen nebeneinanderlegen: "Wir haben keine Pandemie der Ungeimpften" – und acht Tage später die Forderung nach spezifisch gegen Ungeimpfte gerichteten häuslichen Kontaktbeschränkungen, begründet mit einer "Krankheit der Ungeimpften". Ein Kurswechsel dieser Deutlichkeit, innerhalb einer Woche, war eine Beobachtung, die im Fernsehen genauso sichtbar war wie in jedem Zeitungsarchiv.

Das Muster

Was diesen Fall von den vorherigen unterscheidet: Hier lag die Widerlegung nicht erst Jahre später vor, sondern zeitgleich – in der eigenen Fachbehörde, in einem internen Protokoll, das die verwendete Formulierung ausdrücklich als "fachlich nicht korrekt" bewertete und zugleich notierte, dass sie aus kommunikativen Gründen beibehalten werde. Das ist die deutlichste Form dessen, was schon in Teil 1 und 2 sichtbar wurde: Eine Aussage kann gleichzeitig als politisch nützlich und als fachlich unzutreffend eingestuft werden, ohne dass diese beiden Einschätzungen sich in der öffentlichen Kommunikation je begegneten. Wer damals öffentlich anmerkte, die Formulierung vermische Ursache und Beitrag, wurde nicht mit der internen RKI-Einschätzung konfrontiert – er hätte sie, wie sich zeigt, auf seiner Seite gehabt.

Hoffnung

Dass genau dieses Protokoll heute – ungeschwärzt – öffentlich einsehbar ist, zeigt, dass Transparenz am Ende stärker war als der Wunsch, eine kommunikativ nützliche Formulierung dauerhaft unangetastet zu lassen. Der Satz "kann eher nicht korrigiert werden" hat sich als falsch erwiesen: Er wurde korrigiert – von Journalisten, die die Veröffentlichung einforderten, und von einer Fachöffentlichkeit, die bereit war, die eigenen Aussagen von 2021 an den eigenen Protokollen von 2021 zu messen. Das ist die Substanz, aus der Vertrauen neu wächst: nicht das Fehlen von Irrtümern, sondern die Bereitschaft, sie anhand der eigenen Dokumente offenzulegen.

Quellen

  1. richtig-erinnern.de, "Der Intelligenztest" (Teil 1).
  2. richtig-erinnern.de, "Der Intelligenztest, Teil 2".
  3. Jens Spahn, Beitrag auf X/Twitter, 07.09.2021, zitiert in: Pharmazeutische Zeitung, "Spahn und die 'Pandemie der Ungeimpften'", 2024.
  4. RKI-Krisenstab, Ergebnisprotokoll vom 5. November 2021; Christian Drosten, Interview mit "Die Zeit", 10.11.2021, sowie Äußerung vom 18.11.2021; Süddeutsche Zeitung, 30.11.2021 — alle zitiert in: Schwäbische Zeitung, "Corona: Das Märchen von der 'Pandemie der Ungeimpften'", 2024; ergänzend: taz, "Aufarbeitung der Coronazeit: Spahn verteidigt sich", 2024; Deutsches Ärzteblatt, "Spahn tritt Kritik an Formulierung zu Ungeimpften entgegen", 2024.

Tags: Intelligenztest, Damals Schwurbelei heute Akte, RKI-Protokolle, Pandemie der Ungeimpften, Jens Spahn, Aufarbeitung