Der Jahrhundertsommer, der nicht kam

Im Februar 2021 versprachen Wissenschaftler Zero-Covid-Konzerte und einen Jahrhundertsommer. Was aus dem Versprechen wurde – und warum No Covid und Zero Covid zwei verschiedene Dinge waren.

people watching concert during day
Foto: A J. / Unsplash

Damals: Das Versprechen vom Jahrhundertsommer

Februar 2021, mitten im zweiten deutschen Lockdown. Drei renommierte Wissenschaftler, angeführt vom Pandemie-Berater Yaneer Bar-Yam, veröffentlichen einen Gastbeitrag mit einer klaren Botschaft: Wer jetzt konsequent auf null Neuinfektionen setzt, statt halbherzig zu lockern und wieder zu schließen, dem stehe ein "Jahrhundertsommer" bevor — mit "Zero-Covid-Konzerten und Zero-Covid-Fußball", wie es in Australien bereits gelungen sei.

Die Botschaft trifft einen Nerv. Nach Monaten Lockdown wollen Menschen eine Perspektive, einen Zeitpunkt, an dem es vorbei ist. Die Antwort der Wissenschaftler: Es geht schnell, wenn man es nur konsequent macht.

Werkzeugkunde: Zwei Kampagnen, die oft verwechselt wurden

Wichtig für die Einordnung: Es gab nicht eine, sondern zwei unterschiedliche Initiativen mit ähnlichem Namen.

"No Covid" war ein Konzept von 14 Wissenschaftlern verschiedener Disziplinen, darunter die Virologin Melanie Brinkmann, der Physiker Michael Meyer-Herrmann sowie die Ökonomen Clemens Fuest und Andreas Peichl. Ihr Vorschlag: lokale "grüne Zonen" ohne unentdeckte Infektionsketten, geschützt durch Reisebeschränkungen, mit Lockerungen dort, wo es 14 Tage lang keine Neuinfektionen gab.

"Zero Covid" war eine separate, politisch links verortete Kampagne, initiiert von der Berliner Rechtsanwältin Christina Clemm, mit einer Petition für einen vollständigen europäischen Shutdown nicht lebensnotwendiger Bereiche, bis die Inzidenz bei null liegt. Über 300 Erstunterzeichner aus Wissenschaft, Pflege, Gewerkschaften und Kultur unterschrieben — darunter auch der Sozialwissenschaftler Andrej Holm und die Journalistin Margarete Stokowski. Mehr als 110.000 Unterschriften kamen zusammen.

Beide Initiativen wurden in der öffentlichen Debatte oft synonym verwendet, obwohl sie unterschiedliche Trägerkreise, Reichweiten und politische Verortungen hatten. Diese Unschärfe wurde später selbst zum Kritikpunkt: Kommentatoren wie Jan Fleischhauer warfen der Kampagne autoritäre Züge vor, andere Medien sprachen von einer "halbtotalitären Fantasie." Der Mitinitiator Christian Zeller selbst räumte ein, dass die Linke seit jeher auch Forderungen stelle, die nicht in absehbarer Zeit umsetzbar seien.

Die Akte: Was aus dem Jahrhundertsommer wurde

Der Sommer 2021 kam — und mit ihm die Delta-Variante. Statt Zero-Covid-Konzerten und Zero-Covid-Fußball ohne Einschränkungen erlebte Deutschland im Herbst und Winter 2021/2022 eine neue Infektionswelle, neue Kontaktbeschränkungen und schließlich die Debatte um eine allgemeine Impfpflicht. Weder in Deutschland noch in den meisten europäischen Ländern wurde die Inzidenz dauerhaft auf null gesenkt. Australien selbst, das als Vorbild diente, beendete seine strikte Null-Covid-Strategie ab Ende 2021 und öffnete sich trotz laufender Infektionen.

Das bedeutet nicht, dass die Wissenschaftler unehrlich waren — ihre Prognose beruhte auf damals verfügbaren Daten und internationalen Vorbildern. Es bedeutet etwas anderes, das für die Aufarbeitung wichtiger ist: Eine öffentlich und mit hoher Autorität verkündete Erfolgsprognose erfüllte sich nicht, ohne dass dies im selben öffentlichen Rahmen eingeordnet oder korrigiert wurde, in dem das Versprechen gegeben worden war.

Gegenüberstellung: Versprechen und Verlauf

  • Versprechen: "Jahrhundertsommer" mit Zero-Covid-Konzerten und Zero-Covid-Fußball. Verlauf: Delta-Welle ab Sommer 2021.
  • Versprechen: Vorbild Australien zeige, dass Ausrottung des Virus möglich sei. Verlauf: Australien beendet die eigene Null-Covid-Strategie Ende 2021.
  • Versprechen: Konsequentes Handeln führe schnell zum Ende der Krise. Verlauf: Weitere Lockdown-Runde im Winter 2021/22, anschließend Debatte um eine allgemeine Impfpflicht.

Heute: Was bleibt von der Idee

Die Grundidee hinter "No Covid" — regionale Differenzierung statt bundesweiter Pauschalmaßnahmen — findet sich später tatsächlich in der Stufenlogik vieler Bundesländer wieder. Die radikalere "Zero Covid"-Forderung nach vollständigem europäischem Shutdown wurde nie umgesetzt und verschwand nach dem Frühjahr 2021 weitgehend aus der politischen Debatte.

Hoffnung: Prognosen brauchen eine Wiedervorlage

Wissenschaftliche Prognosen unter Unsicherheit zu treffen ist legitim und notwendig — auch wenn sie sich später nicht bewahrheiten. Was fehlt, ist die Kultur der Wiedervorlage: Wenn ein öffentliches Versprechen mit konkretem Zeithorizont gegeben wird, gehört eine ebenso öffentliche Einordnung dazu, wenn dieser Zeithorizont verstreicht. Das ist keine nachträgliche Häme, sondern die Grundlage dafür, dass Prognosen in künftigen Krisen wieder Vertrauen verdienen.

Quellen: Wikipedia "Zero Covid (Kampagne)" mit Verweis auf Originalpetition und Erstunterzeichner; Stuttgarter Nachrichten, 15. Januar 2021, zur #zeroCovid-Kampagne; Forschung & Lehre / Handelsblatt zur "No Covid"-Initiative und ihren Autoren; t-online, 15. Februar 2021, Gastbeitrag der Zero Covid Alliance ("Jahrhundertsommer"); Wikipedia-Dokumentation der medialen Kritik (Piper, Fleischhauer, taz, Telepolis).