Der Januar-Knick
2021 war das Jahr der Impfkampagne. 2022 begann Deutschland Geburten zu verlieren — so abrupt wie seit Kriegsjahren nicht. Ein staatliches Forschungsinstitut hat den Zusammenhang benannt. Untersucht hat ihn niemand.
2021 war das Jahr der Impfkampagne. 2022 begann Deutschland Geburten zu verlieren — so abrupt, so deutlich, wie seit Kriegsjahren nicht. Ein staatliches Forschungsinstitut hat den Zusammenhang benannt. Untersucht hat ihn niemand.
Es gibt eine Kurve, die Demografen ungewöhnlich finden. Nicht weil sie fällt — Geburtenzahlen sinken in Europa seit Jahrzehnten, das ist bekannt. Sondern wegen ihrer Form.
Geburtenraten sinken normalerweise graduell. Über Jahre, manchmal Jahrzehnte. Was Deutschland und Schweden ab Januar 2022 erlebten, war etwas anderes: Ein Knick. Von einem Monat auf den nächsten. Minus 15 Prozent in Deutschland, minus zehn Prozent in Schweden, verglichen mit den Vorjahren. "Bemerkenswert stark und plötzlich", schrieben Wissenschaftler, als sie es erstmals beschrieben.
Das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung und die Universität Stockholm veröffentlichten 2024 eine Analyse im European Journal of Population — einer Peer-reviewed-Fachzeitschrift. Darin nannten sie drei mögliche Erklärungen für den Einbruch und prüften alle drei gegen die Daten.
Sterblichkeit? Kein Zusammenhang. Neun Monate nach den COVID-Todeswellen 2020 und 2021 stiegen die Geburtenraten nicht ab — eher im Gegenteil.
Wirtschaftliche Unsicherheit, Lockdowns? Ebenfalls keine Korrelation zum Januar-2022-Knick. Diese Faktoren verlaufen graduell; der Einbruch war abrupt.
Die dritte Erklärung: die Impfkampagne. Neun Monate vor dem Einbruch — also im Frühjahr 2021 — lief die massenhafte Impfung an. Und es galt damals: Schwangere sollten sich (zunächst) nicht impfen lassen.
Das Zitat, das kaum jemand gehört hat
Der Forschungsdirektor des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung erklärte den Befund gegenüber Focus Online in ungewöhnlich klaren Worten:
"Man muss sich fragen, was war neun Monate davor anders? Der Beginn, dass es so abrupt runterging, war tatsächlich die Impfkampagne. Aber nicht die Impfung an sich. Sondern neun oder zehn Monate davor war bekannt, dass es Impfstoffe gibt, die Impfkampagne lief an, die Leute konnten sich schon mal bewerben. Dabei gab es die Information, dass Schwangere sich nicht impfen lassen sollen. In so einem Moment schwanger zu werden, hätte bedeutet, dass man sich die nächsten neun Monate nicht durch eine Impfung schützen kann."
Eine staatliche Forschungseinrichtung, peer-reviewed publiziert, erklärt: Der Einbruch begann exakt neun Monate nach dem Impfkampagnen-Start. Und sie benennt diesen Zusammenhang als erste plausible Erklärung.
Abgedruckt wurde das in wenigen Medien. Untersucht wurde es von keiner Behörde.
Damals: "Die Impfung ist sicher für Schwangere"
Im September 2021 erweiterte die STIKO ihre COVID-Impfempfehlung auf Schwangere. Die Begründung: Daten aus dem US-amerikanischen V-safe-Meldesystem zeigten keine auffällige Fehlgeburtsrate.
Was die Pressemitteilungen nicht kommunizierten: Die zugrundeliegende Studie im New England Journal of Medicine hatte die Mehrzahl der Frauen im dritten Schwangerschaftsdrittel erfasst — der Phase, in der Fehlgeburten ohnehin selten sind. Achtzig Prozent aller Fehlgeburten ereignen sich im ersten Trimenon. Dort war kaum jemand gemessen worden.
Drei der Hauptautorinnen dieser Studie gaben Interessenkonflikte an: institutionelle Forschungsförderung von Pfizer, Mitgliedschaft im Pfizer-Datensicherheitsausschuss. Das stand im Anhang. Nicht in der Pressemitteilung.
Heute: "Spikevax nicht für Schwangere"
Das RKI-Dokument zur STIKO-Empfehlung, Stand Dezember 2025: Schwangere sollen in der Regel kein Spikevax (Moderna) erhalten — wegen eines erhöhten Risikos für Myo- und Perikarditis.
Derselbe Impfstoff, der Schwangeren jahrelang empfohlen wurde, hat heute für diese Gruppe eine ausdrückliche Herzwarnung. Die Frage, warum das Risiko 2021 nicht bekannt war — oder ob es bekannt war — bleibt offen.
Das Muster: Drei Schweigen
Erstes Schweigen: Das Paul-Ehrlich-Institut kommt seiner gesetzlichen Pflicht zur Auswertung von Nebenwirkungsdaten seit Jahren nicht nach. Das bestätigte ARD/Plusminus im November 2024: Vier Jahre lang unausgewertet. Deshalb ist das Post-Vac-Syndrom bis heute kein anerkanntes Krankheitsbild. Deshalb erhalten Betroffene keine Entschädigung. Deshalb weiß niemand, was die Daten der Kassenärztlichen Vereinigungen zur Reproduktionsgesundheit zeigen würden — wenn man sie ausgewertet hätte.
Zweites Schweigen: Swissmedic stellte 2022 auf Anfrage fest, dass in keinem angefragten Land ein Signal hinsichtlich COVID-Impfungen und Geburtenrückgang untersucht oder evaluiert wurde. Nicht wegen fehlendem Befund — wegen fehlender Untersuchung.
Drittes Schweigen: Die BiB-Studie erschien im Januar 2024 in einer Peer-reviewed-Fachzeitschrift. Der Forschungsdirektor gab klare Statements. Die großen Redaktionen berichteten kaum. Die Frage nach einem möglichen biologischen Mechanismus — nicht nur einem Aufschub-Effekt — wurde in keiner deutschsprachigen Tageszeitung systematisch gestellt.
Der Infosperber, ein Schweizer Medienkritik-Portal, fasste den Stand 2025 zusammen: Die Regierung weigere sich, die Gründe für den "beispiellosen, abrupten Geburtenrückgang" aufzuklären.
Was die Zahlen noch zeigen
2021 — das Jahr des Impf-Peaks — war in Deutschland eines mit steigender Geburtenziffer: 1,58 Kinder je Frau, der höchste Wert seit Jahren. Das ist der Ausgangspunkt.
2022: minus 8 Prozent. 2023: minus 7 Prozent. 2024: minus 2 Prozent. 2025: voraussichtlich der niedrigste Wert seit 1946.
Und: Der Knick betrifft alle Geburtenfolgen gleichzeitig. Erste Kinder, zweite Kinder, dritte Kinder — alle brachen gleichzeitig ein. Das ist demographisch ungewöhnlich. Wirtschaftliche Unsicherheit trifft in der Regel zuerst die Erstgeburten. Hier knickte alles auf einmal.
Was eine ehrliche Antwort kosten würde
Es gibt eine einfache Frage, auf die es keine öffentliche Antwort gibt: Haben die Kassenärztlichen Vereinigungen Daten zu Fehlgeburts- und Zyklusveränderungsraten nach Impfung? Ja — die KV-Daten existieren. Das PEI sollte sie auswerten. Es hat es nicht getan.
Frauenärzte, die in diesen Jahren veränderte Muster beschrieben — häufigere Aborte, unklare Zyklusveränderungen, Auffälligkeiten bei kürzlich Geimpften — wurden nicht systematisch befragt. Sie wurden eingeordnet.
Die staatliche Forschung hat den Zusammenhang benannt, ihn als erste plausible Erklärung für den Januar-2022-Knick beschrieben — und dann die Frage, ob ein biologischer Mechanismus dahintersteckt, an die Epidemiologie weitergegeben, die ihn nicht untersucht hat.
Hoffnung
Dass ein staatlich finanziertes Forschungsinstitut den Zusammenhang überhaupt benennt — und das peer-reviewed, im Fachblatt — ist nicht selbstverständlich. Es ist ein Riss in der Fassade des kollektiven Nicht-Hinschauens.
Die nächste Aufgabe gehört der Epidemiologie: Wer hat Zugang zu den KV-Daten? Wer könnte die BiB-Hypothese — Aufschubeffekt oder biologischer Mechanismus? — tatsächlich prüfen? Das sind lösbare Fragen. Sie setzen nur voraus, dass man sie stellen will.
Und immer mehr Menschen wollen sie gestellt sehen.
Quellen
- Bujard, Martin; Andersson, Gunnar (2024): Fertility declines near the end of the COVID-19 pandemic: Evidence of the 2022 birth declines in Germany and Sweden. European Journal of Population, 40(4), 1–21 — doi.org/10.1007/s10680-023-09689-w
- Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB), Pressemitteilung 20.3.2024: Geburtenrate fällt auf den tiefsten Stand seit 2009 — bib.bund.de
- Destatis: Monatliche Geburtenzahlen Deutschland 2019–2025 — destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Bevoelkerung/Geburten
- RKI / STIKO: COVID-19-Impfempfehlung, Stand 12.12.2025 — Einschränkung Spikevax bei Schwangeren wegen Myokarditisrisiko
- ARD/Plusminus, 25.11.2024: Das PEI kommt seiner gesetzlichen Pflicht zur Auswertung von KV-Nebenwirkungsdaten seit vier Jahren nicht nach
- Swissmedic, Stellungnahme September 2022: In keinem angefragten Land wurde ein Signal zu Impfung und Geburtenrückgang evaluiert — swissmedic.ch
- CDC v-safe COVID-19 Pregnancy Registry: Preliminary Findings of mRNA Covid-19 Vaccine Safety in Pregnant Persons, New England Journal of Medicine, 17.6.2021 — inkl. Interessenkonflikte im Anhang
- Infosperber.ch, 26.2.2025: In Deutschland fehlen 100.000 Babys. Auch wegen der Impfungen?