Der Mann, der seit fünf Jahren denselben Satz sagt
Ein Cochrane-Direktor warnte 2020 vor fehlender Evidenz. 2025 sitzt er in drei Aufarbeitungs-Gremien und sagt noch immer dasselbe.
Der Mann, der seit fünf Jahren denselben Satz sagt
Es gibt einen Satz, der sich durch fünf Jahre Pandemie-Aufarbeitung zieht wie ein roter Faden. Er klingt unspektakulär, fast banal. Und genau deshalb wurde er so konsequent ignoriert: Das Ausbleiben einer Katastrophe ist kein Beweis dafür, dass eine Maßnahme gewirkt hat.
Der Mann, der diesen Satz seit 2020 wiederholt, ist kein Unbekannter aus dem Querdenker-Milieu. Er ist Mathematiker, Medizinstatistiker, von 1997 bis 2018 Direktor von Cochrane Deutschland — der deutschen Außenstelle der wohl renommiertesten Institution für evidenzbasierte Medizin weltweit. Er war Mitglied der STIKO am Robert Koch-Institut, saß im Advisory Board der WHO-Studienregister-Plattform, ist Gründungsmitglied und ehemaliger Vorsitzender des Deutschen Netzwerks Evidenzbasierte Medizin. Sein Name: Gerd Antes.
Damals: Eine Stellungnahme, die niemand wollte
Im März 2020, noch während die ersten Maßnahmen verkündet wurden, veröffentlichte das Deutsche Netzwerk Evidenzbasierte Medizin eine Stellungnahme mit dem schlichten Titel "COVID-19: Wo ist die Evidenz?". Die Kernaussage: Weder zu COVID-19 selbst noch zur Wirksamkeit der ergriffenen Maßnahmen gebe es bislang belastbare Evidenz.
Das Netzwerk verwies dabei nicht auf alternative Medien oder eigene Spekulationen, sondern auf einen aktuellen Cochrane Review, der die Evidenzlage zu Quarantänemaßnahmen als niedrig bis sehr niedrig einstufte — und auf die eigenen Zahlen des Robert Koch-Instituts. Laut RKI-Bulletin war die Reproduktionszahl bereits vor dem 23. März 2020, dem Tag der umfassenden Lockdown-Maßnahmen, von etwa drei auf einen stabilen Wert von eins gesunken. Das RKI selbst schrieb diese Stabilisierung den eigenen Maßnahmen zu — obwohl die Zahlen schon vorher zu sinken begannen.
Die Reaktion auf diese Stellungnahme war heftig genug, dass das Netzwerk im Laufe des Jahres 2020 mehrfach nachlegen musste — mit ergänzenden Hinweisen im September und einer ausführlichen Erwiderung im Oktober auf einzelne wissenschaftliche und methodische Kritikpunkte. Im Vorstand des Netzwerks: Antes, gemeinsam mit Kollegen, die laut einer zeitgenössischen Einordnung sicher nicht im Verdacht standen, mit Verschwörungsdenken zu sympathisieren.
Ein Jahr später: derselbe Punkt, dieselbe Hartnäckigkeit
Im März 2021 hielt Antes an der LMU München einen Vortrag mit dem Titel "Kontrolle der Pandemie – mit solider Wissenschaft oder im Blindflug?". Er war zu diesem Zeitpunkt Mitbegründer der Initiative CORONA-Strategie und forderte seit Monaten eine große nationale Kohortenstudie — derselbe Vorschlag, der laut IQWiG-Chef Jürgen Windeler von der Politik nicht aufgegriffen wurde (siehe Teil 1 dieser Serie).
Im September 2021 war Antes Mitinitiator eines offenen Briefes an alle im Bundestag vertretenen Parteien zur Corona-Politik. Bemerkenswert ist, wie er sich dabei positionierte: In den Leserkommentaren zu seinem Cicero-Interview vom Dezember desselben Jahres wird er von Stimmen aus dem Querdenker-Lager scharf kritisiert — gerade weil er sich nicht an die Seite von Sucharit Bhakdi, Wolfgang Wodarg oder John Ioannidis stellte, sondern die Impfung ausdrücklich als sinnvoll bezeichnete. Ein methodischer Kritiker, der von beiden Seiten beschossen wird, ist in der Regel ein verlässlicherer Zeuge als einer, der nur von einer Seite gelobt wird.
Heute: Sachverständiger in drei Gremien gleichzeitig
Fünf Jahre nach Beginn der Pandemie sitzt Antes nicht am Rand, sondern mitten im offiziellen Aufarbeitungsbetrieb — als ständiges sachverständiges Mitglied der Enquete-Kommission Brandenburg, als eingeladener Sachverständiger im Untersuchungsausschuss Thüringen und als Sachverständiger in der Enquete-Kommission des Bundestags.
Am 1. Dezember 2025 sagte er dort, protokolliert im offiziellen Bundestags-Dokument: Während der Pandemie und auch jetzt in der Aufarbeitung würden Grundprinzipien des methodischen Wegs der Datenwissenschaft nicht angewendet. Er kritisierte konkret die nächtlichen Ausgangssperren als Fehler und forderte ein kontrafaktisches Denken, das die Wirksamkeit von Maßnahmen daran misst, wie sich die Realität ohne sie entwickelt hätte — nicht allein an verhinderten Infektionen und Todesfällen, sondern unter Einbeziehung medizinischer, sozialer, psychischer und wirtschaftlicher Schäden.
Und dann der Satz, der diesen Artikel trägt: Das Ausbleiben einer Katastrophe sei als Beleg für die Wirksamkeit von Maßnahmen gedeutet worden — was er als unzulässig bezeichnete, weil der notwendige Vergleich durch eine bloße Behauptung ersetzt worden sei.
Im Cicero-Interview wenige Wochen später beschrieb er die Atmosphäre in der Kommission so: Es gebe eine starke Lagerbildung — wer kritisch hinschaue, höre zu, andere schalteten ab. Er fügte hinzu, dass eine Enquete-Kommission ihn lediglich als wissenschaftlichen Gesprächspartner einlädt, ohne die rechtliche Verbindlichkeit, die ein Untersuchungsausschuss hätte.
Die Linie
Von der Cochrane-Direktion über die frühe Netzwerk-Stellungnahme 2020, den offenen Brief 2021 und 2023 bis zur Enquete-Kommission 2025 zieht sich ein bemerkenswert konsistentes Muster: derselbe methodische Einwand, vorgetragen über fünf Jahre, in unterschiedlichen Gremien, mit unterschiedlichem Echo. Wer zugehört hat, hat zugehört. Wer nicht zuhören wollte, hat auch 2025 noch nicht zugehört.
Das ist der eigentliche Unterschied zu vielen anderen Figuren dieser Jahre: Es ist keine Aussage, die radikaler wurde, je länger sie ignoriert wurde. Sie blieb dieselbe — methodisch, nüchtern, nachprüfbar an den eigenen Zahlen der Institutionen, die sie betraf. Vielleicht ist das der Grund, warum dieser Sachverständige bis heute eingeladen wird, während andere Stimmen aus genau demselben fachlichen Umfeld verstummten oder ihre Stelle verloren. Davon erzählt der nächste Teil dieser Serie.
Quellen: Deutsches Netzwerk Evidenzbasierte Medizin e.V.: "COVID-19: Wo ist die Evidenz?", 20.03.2020 (aktualisiert 23.03.2020), mit Erwiderungen 18.09.2020 und 14.10.2020 Cicero Online: Interviews mit Gerd Antes, 31.12.2021, 16.02.2023 und 17.12.2025 IBE/LMU München: Ankündigung "FORUM COVID-19" mit Gerd Antes, 10.03.2021 Deutscher Bundestag: Sitzungsbericht "Krisenpläne und Frühwarnsysteme im Fokus", 10. Sitzung der Enquete-Kommission, 01.12.2025