Der Mann, der trotzdem aufmachte
Das RKI empfahl, Corona-Tote nicht zu obduzieren. Ein Hamburger Rechtsmediziner ignorierte das — und fand etwas, das die offizielle Todesstatistik kompliziert macht.
Der Mann, der trotzdem aufmachte
Werkzeugkunde · Folge 6
April 2020. Deutschland im ersten Lockdown.
Die Bilder aus Bergamo gehen um die Welt. Militärlastwagen, die Särge transportieren. Überfüllte Intensivstationen. Eine Katastrophe, die jede Maßnahme zu rechtfertigen scheint.
In Hamburg obduziert ein Rechtsmediziner Leichen.
Das klingt selbstverständlich. War es nicht. Das Robert Koch-Institut hatte empfohlen, Verstorbene mit Corona-Verdacht nicht zu sezieren — zu gefährlich, zu aufwändig, das Risiko einer Aerosolbildung nicht kalkulierbar. Prof. Dr. Klaus Püschel, damals Leiter des Instituts für Rechtsmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, hielt das für einen Fehler. Er machte trotzdem auf.
„Ohne eine pathologische Untersuchung ist nicht festzustellen, ob jemand an oder mit Corona gestorben ist."
Was er fand
Über hundert Obduktionen später zog Püschel sein erstes Fazit — im April 2020, im Interview mit Die Welt, dann bei Markus Lanz im ZDF.
Alle Verstorbenen, die sein Institut in Hamburg untersucht hatte, litten an schwerwiegenden Vorerkrankungen. Herzinsuffizienz. Nierenversagen. Krebs. Diabetes in fortgeschrittenem Stadium. Kein einziger zuvor gesunder Mensch war unter den Hamburger Corona-Toten.
Sein Bild war ein konkretes: Das Virus sei in vielen Fällen „der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte." Die Hundertjährige, die seine Rechtsmedizin untersuchte, habe „sowieso bald sterben müssen." Das klang hart. Es war präzise.
Was Püschel damit nicht sagte: Das Virus sei harmlos. Was er sagte: Wir messen falsch. Wer mit positivem PCR-Test stirbt, gilt in der Statistik als Corona-Toter — unabhängig davon, was ihn tatsächlich getötet hat.
Diese Unterscheidung — Tod an Corona, Tod mit Corona — war 2020 politisch unbequem. Sie tauchte in der täglichen Pressekonferenz des RKI nicht auf.
Die Empfehlung, die keine war
Das RKI hatte im März 2020 in einem Dokument empfohlen, auf Obduktionen bei Corona-Verdacht zu verzichten. Die Formulierung war vorsichtig — keine explizite Verbotsverfügung, aber eine Empfehlung mit dem Gewicht einer Bundesbehörde.
Pathologische Institute in Deutschland folgten ihr überwiegend.
Hamburg nicht.
Das bedeutet: Während in weiten Teilen Deutschlands keine systematischen Obduktionen stattfanden, entstand durch Püschels Team und wenige andere Häuser das erste klinische Bild davon, woran Menschen mit Corona-Diagnose tatsächlich starben — und welchen Anteil das Virus daran hatte.
Die Daten, die nicht erhoben werden, können nicht widersprechen. Das ist kein Vorwurf. Es ist eine methodische Tatsache.
Was daraus wurde
Püschels Befunde wurden veröffentlicht — in Die Welt, im ZDF, in Fachzeitschriften. Sie wurden nicht ignoriert. Sie wurden eingeordnet: als Hamburger Sonderfall, als statistisch zu klein, als nicht repräsentativ.
Gleichzeitig wurde die Unterscheidung an/mit Corona in der öffentlichen Kommunikation kaum thematisiert. Die RKI-Zahlen liefen durch alle Abendnachrichten — ohne den methodischen Hinweis, den Püschel für unverzichtbar hielt.
Im Herbst 2020 korrigierte das RKI seine Obduktions-Empfehlung. Obduktionen seien mit geeigneter Schutzausrüstung möglich.
Die Korrektur war eine Meldung. Die ursprüngliche Empfehlung war monatelang die Grundlage der Todesstatistik.
Das Muster
Püschel ist kein Systemkritiker. Er ist Rechtsmediziner. Er hat den Job gemacht, den Rechtsmediziner machen: Ursachen bestimmen, Fakten sichern, Dokumente erstellen.
Was sein Fall zeigt, ist einfacher und gleichzeitig schwerwiegender als eine Verschwörung: In einer Ausnahmesituation werden Empfehlungen zu faktischen Standards. Daten, die nicht erhoben werden, fehlen in der Debatte. Und wer nachfragt, erklärt schnell viel mehr als er wollte.
Püschel hat nachgefragt. Die Obduktionsergebnisse aus Hamburg sind in der Fachliteratur dokumentiert. Sie sind überprüfbar.
Das ist Wissenschaft. Manchmal ist sie unbequem — für alle Seiten.
Heute
Püschel ist 2021 in den Ruhestand getreten. Er hat Bücher geschrieben, Interviews gegeben. Die Frage, die er 2020 stellte — woran sterben die Menschen wirklich? — wird jetzt, in der Enquete-Kommission, zögerlich nachgeholt.
Es wäre einfacher gewesen, sie früher zu stellen.
Quellen: Prof. Klaus Püschel, Interview Die Welt, 4. April 2020 — Markus Lanz, ZDF, April 2020 — RKI: Empfehlung zu Obduktionen bei SARS-CoV-2, März 2020 (überarbeitet Herbst 2020) — Püschel et al.: Verschwörungstheorien? Was Rechtsmediziner wirklich sehen, Hamburg 2021 — Bundestag-Enquete-Kommission zur Aufarbeitung der Pandemiepolitik, laufend