Der Ordner, der ein Jahr leer war
Ein abgelehnter DARPA-Antrag, ein Whistleblower und ein Hochsicherheitsordner, der zur falschen Zeit plötzlich nicht mehr leer war.
Damals: Ein Vorschlag, der nirgends ankommen sollte
März 2018. Die Organisation EcoHealth Alliance reicht bei der DARPA, der Forschungsbehörde des US-Verteidigungsministeriums, einen Förderantrag ein. Projektname: DEFUSE — "Defusing the Threat of Bat-borne Coronaviruses". Der Plan: Fledermäuse in chinesischen Höhlen sollen per Sprühnebel mit künstlich zusammengesetzten Spike-Proteinen "geimpft" werden, um sie gegen gefährliche Coronaviren zu immunisieren, bevor diese auf Menschen überspringen (1).
DARPA lehnt ab. Der Grund, der später öffentlich wurde: Das Vorhaben bewege sich zu nah am hauseigenen Moratorium gegen sogenannte Gain-of-Function-Forschung — also Experimente, die Krankheitserreger gezielt gefährlicher oder ansteckender machen (2). Der Antrag verschwindet in der Schublade. Offiziell.
Heute: Der Ordner, der ein Jahr leer war
September 2021. Ein Marineoffizier, der als Fellow bei DARPA eingesetzt war, wendet sich mit einer Beschwerde an die interne Hotline des Verteidigungsministeriums. Sein Vorwurf, dokumentiert im offiziellen "DoD Hotline Case Referral" (Fallnummer 20210921-073444): Er habe auf einem hochklassifizierten Netzwerk (JWICS) einen Ordner gefunden, der ein Jahr lang leer gewesen sei — und der im Juli 2021 plötzlich mit unmarkierten Dokumenten zum abgelehnten DEFUSE-Antrag befüllt wurde (3).
Die Formulierung in seiner eigenen E-Mail an einen Kollegen, zitiert im offiziellen IG-Bericht: Er habe die Dateien "an seinem letzten Tag bei DARPA" gefunden und "off-site" transferiert, weil er sie nicht auf klassifizierte Weise habe herunterstufen wollen (4). Der zeitliche Zusammenpunkt ist bemerkenswert: Genau in diesen Wochen befragte Senator Rand Paul öffentlich NIH und NIAID zu Gain-of-Function-Programmen.
Die Beschwerde selbst wurde vom DoD-Generalinspekteur an das Marine Corps und an DARPA weitergeleitet — "zur Information", nicht als förmliche Untersuchung (5). Ein Sicherheitsbeauftragter der Marine notierte dazu intern, das gehe über seine Zuständigkeit hinaus und müsse von DARPA selbst als "original classification authority" geprüft werden (6).
Das Muster
Ein unklassifizierter, öffentlich längst bekannter Förderantrag — DEFUSE war bereits 2021 durch Recherchen der Gruppe DRASTIC aufgetaucht und von Redaktionen wie The Intercept aufgearbeitet worden (7) — taucht Jahre später plötzlich in einem Hochsicherheits-Ordner auf. Nicht weil er geheim gewesen wäre, sondern weil er, so die Vermutung des Beschwerdeführers selbst, in einer Weise gesammelt und zusammengestellt war, die "kollateral klassifiziert" wirken konnte (8).
Das ist die eigentliche Geschichte: Wie ein Dokument, das eigentlich öffentlich zugänglich sein sollte, durch Ablage-Praxis de facto der Aufsicht entzogen wird. Kein Sicherheitsmanager, keine einzelne Unterschrift — nur eine Verwaltungsroutine, die zufällig genau dann wirksam wird, wenn ein Senator anfängt, unbequeme Fragen zu stellen.
Wichtig zur Einordnung: Der Beschwerdeführer stellt in seinem Bericht auch eine eigene, weiterführende Theorie zur Herkunft von SARS-CoV-2 auf. DARPA selbst hat diese Interpretation nie bestätigt — ein Sprecher verwies gegenüber Medien lediglich auf Beschaffungsvorschriften, die eine Stellungnahme zu DARPA-Programmen grundsätzlich verbieten (9). Es handelt sich damit um die persönliche, nicht institutionell geprüfte Einschätzung eines einzelnen Fellows — nicht um einen bestätigten Befund. Diese Unterscheidung ist entscheidend, wenn man das Dokument seriös einordnen will.
Hoffnung
Was an diesem Fall tatsächlich funktioniert hat: Der interne Meldeweg. Ein einzelner Offizier konnte über die reguläre DoD-Hotline eine Beschwerde einreichen, die dokumentiert, geprüft und an die zuständigen Stellen weitergeleitet wurde — nachvollziehbar bis heute, weil das Verfahren selbst aktenkundig ist. Genau solche Mechanismen — Whistleblower-Kanäle, Inspektionsstellen, das Recht auf Akteneinsicht — sind es, die Verwaltungshandeln überhaupt überprüfbar machen. Sie brauchen keine spektakuläre Enthüllung, um wertvoll zu sein. Sie brauchen nur Menschen, die sie nutzen, und Öffentlichkeit, die genau hinschaut, wenn ein Ordner zur falschen Zeit plötzlich nicht mehr leer ist.
Quellen
- EcoHealth Alliance, DEFUSE-Förderantrag an DARPA (PREEMPT-Programm), März 2018 — durch DRASTIC-Recherche öffentlich bekannt geworden.
- Berichterstattung zu DARPAs Ablehnung des DEFUSE-Antrags wegen Gain-of-Function-Bedenken.
- DoD Hotline Investigative Activity Report, Fallnummer 20210921-073444-CASE 01, 24.09.2021.
- Zitierte E-Mail-Korrespondenz des Beschwerdeführers, wiedergegeben im DoD-IG-Bericht.
- DoD Case Referral Form, 28.09.2021, Weiterleitung an Navy IG "zur Information".
- Interne Stellungnahme des IGMC-Sicherheitskoordinators, zitiert im Case-Referral-Dokument.
- Öffentliche Aufarbeitung des DEFUSE-Antrags durch DRASTIC und internationale Medien seit 2021.
- Eigene Einschätzung des Beschwerdeführers zur Klassifizierungspraxis, DARPA-Memo vom 13.08.2021.
- DARPA-Sprecher gegenüber Medien: Verweis auf Beschaffungsvorschriften, keine Bestätigung oder Dementi der Dokumenteninhalte.
Tags: DARPA, EcoHealth Alliance, Whistleblower, Transparenz, Wächter ohne Wache, DoD Inspector General, Corona-Aufarbeitung