Der Pool, aus dem die Einordner kommen
Watzl, Wyler, immer wieder dieselben Fachleute. Das ist kein Zufall und keine Verschwörung — es ist ein System mit eigener Adresse, eigener Datenbank und einem Finanzierungsmodell, das die Betreiber selbst offenlegen.
Der Pool, aus dem die Einordner kommen
Wer seit 2020 deutsche Medien aufmerksam liest, kennt die Namen: Watzl, Wyler, immer wieder dieselben fünf, sechs Fachleute, die zu fast jedem Thema ein druckreifes Zitat liefern. Das ist kein Zufall und keine Verschwörung — es ist ein System mit eigener Adresse, eigener Datenbank und einem Finanzierungsmodell, das die Betreiber selbst offenlegen.
Damals: ein Pressebüro für die Wissenschaft
2015 gegründet nach britischem Vorbild, sollte das Science Media Center Germany (SMC) eine einfache Lücke schließen: Journalisten, die unter Zeitdruck eine Studie einordnen müssen, sollten schnell an seriöse Fachleute kommen, statt selbst tagelang zu recherchieren. Das SMC beschreibt seine Funktion selbst so: ein wachsendes Netzwerk von "mehr als 1.000 mitwirkenden Forschenden", das "über 1.600 akkreditierte Medienschaffende" mit Fachwissen versorgt. Bei neuen Studien oder in komplexen Lagen holt das SMC proaktiv Expertisen ein und vermittelt sie in Press Briefings an Redaktionen.
Das ist im Kern ein nützlicher Dienst. Es ist aber auch der Grund, warum man in zehn verschiedenen Zeitungen denselben Satz von derselben Person liest: Sie sitzen alle am selben Wasserhahn.
Heute: derselbe Pool, jede Krise
Während der Pandemie wurde dieser Mechanismus zum Standardverfahren. Wer als Journalist schnell eine Einordnung zu Impfstoffen, Myokarditis-Raten oder Studienkritik brauchte, rief nicht zehn verschiedene Universitäten an — er nutzte die SMC-Datenbank oder griff auf die immer gleichen, dort gelisteten Namen zurück. Carsten Watzl, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie, ist im SMC-Expertenverzeichnis gelistet und gehörte zu den meistzitierten Stimmen der gesamten Pandemie.
Genau dieser ständige Rückgriff auf denselben kleinen Kreis ist beim britischen Vorbild seit Jahren ein offen diskutierter Kritikpunkt: Wissenschaftsjournalisten bemängeln das "Spoon-Feeding"-Verfahren, bei dem Redaktionen zu passiven Abnehmern von SMC-Statements werden, statt selbst zu recherchieren.
Die Finanzierung — vom SMC selbst erklärt
Wer zahlt für den Dienst, der Journalisten gratis mit Expertenzitaten versorgt? Das SMC beantwortet das auf der eigenen Seite "Wie wir uns finanzieren": Hauptgesellschafter sind die Klaus-Tschira-Stiftung und die WPK. Daneben gibt es einen Förderverein mit "Fördernden aus Wissenschaft, Wirtschaft, Medien und Gesellschaft". Die jährliche Fördersumme eines einzelnen Geldgebers ist auf maximal fünf Prozent des Jahresbudgets begrenzt — laut SMC genau deshalb, damit "die Redaktion nicht abhängig wird von einzelnen Geldgebern und auch nicht in Interessenkonflikte gerät".
Das ist die offizielle Lesart: viele kleine Geldgeber statt eines großen, also keine Abhängigkeit. Die andere Lesart, dieselbe Tatsache: Industriegeld fließt in das System, nur eben breit verteilt und dadurch schwerer als Einzelinteresse erkennbar. Beim britischen Schwesterzentrum, das als Vorbild diente, sind die Verhältnisse transparenter dokumentiert: Sponsoren-Listen des SMC UK haben in der Vergangenheit Pharmakonzerne wie AstraZeneca, GlaxoSmithKline, Sanofi Aventis und Merck Sharp & Dohme ausgewiesen — bei einer Deckelung von ebenfalls maximal fünf Prozent pro Geber.
Der Beleg im Einzelfall
Bei Carsten Watzl lässt sich die Nähe zur Industrie noch konkreter fassen als über den SMC-Umweg: Er trat als Interviewpartner bei der "SDMED Zukunftswerkstatt" auf — einer Plattform, die sich nach eigener Beschreibung an die Pharmaindustrie richtet und Fragen behandelt wie: Wie erreicht die Pharmaindustrie ihre Zielgruppen, welche Rolle spielen "wissenschaftliche Influencer" dabei künftig? Watzl wird dort als Generalsekretär der DGfI und Immunologie-Leiter vorgestellt — der wissenschaftliche Titel bleibt unangetastet, der Kontext der Veröffentlichung ist unverkennbar ein Pharma-Marketing-Format.
Keiner dieser Befunde belegt, dass eine einzelne Aussage falsch wäre. Sie belegen etwas anderes: dass die scheinbare Vielstimmigkeit deutscher Medienberichterstattung in Wahrheit oft ein Echo aus einem sehr kleinen, strukturell vernetzten Raum ist.
Hoffnung
Der Mechanismus ist offen dokumentiert — von den Betreibern selbst. Wer das einmal verstanden hat, liest Faktenchecks anders: nicht als zehn unabhängige Stimmen, sondern als eine Quelle in zehn Verkleidungen. Genau diese Transparenz der Betreiber ist die Tür, durch die man hineinkommt: Man muss nichts behaupten, was sie nicht selbst veröffentlicht haben. Man muss nur fragen, warum man es vorher übersehen hat.
Quellen: Science Media Center Germany ("Über uns", "Wie wir uns finanzieren"), SDMED Zukunftswerkstatt (Interviewprofil Carsten Watzl), meta-Magazin (Recherche zum britischen Science Media Centre als Vorbild)