Die Akte zur Risikostufe

Wie eine Schwelle von 50 pro 100.000 zur Grenze zwischen Freiheit und Lockdown wurde – und warum die Risikobewertung selbst zum Verhandlungsgegenstand wurde.

Die Akte zur Risikostufe
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Damals: Eine Zahl wird zur Grenze zwischen Freiheit und Lockdown

Am 2. November 2020 tritt Bundeskanzlerin Angela Merkel vor die Bundespressekonferenz, um den zweiten Lockdown zu erklären. Sie nennt eine Zahl, die von diesem Tag an über das Leben von 83 Millionen Menschen entscheiden wird: die Sieben-Tage-Inzidenz solle wieder auf einen Bereich von unter 50 Infektionen pro 100.000 Einwohner sinken. Die Begründung ist nicht medizinisch, sondern organisatorisch: erst ab dieser Marke, so Merkel, könnten die Gesundheitsämter die Kontaktverfolgung noch leisten.

Diese "50" wird zur zentralen Orientierungsgröße der Pandemiepolitik. Landkreise oberhalb der Schwelle: Ausgangsbeschränkungen, Schulschließungen, Besuchsverbote. Darunter: Lockerung. Eine einzelne Zahl, alltagswirksamer als jedes Gesetz.

Werkzeugkunde: Was bedeutet "50 pro 100.000" eigentlich?

Hier lohnt ein Blick in die Statistik-Werkzeugkiste, ohne Polemik, nur mit Definition: Die Europäische Union legt fest, ab welcher Häufigkeit eine Krankheit als "selten" gilt. Der Schwellenwert: nicht mehr als 5 von 10.000 Menschen dürfen zu einem Stichtag betroffen sein, damit eine Erkrankung als "seltene Krankheit" eingestuft wird. Umgerechnet auf 100.000 Einwohner sind das 50 Betroffene.

Wer beide Zahlen nebeneinanderlegt, sieht eine auffällige Übereinstimmung — mit einer wichtigen Einschränkung, die zur Redlichkeit gehört: Es handelt sich um zwei unterschiedliche Messgrößen. Die EU-Definition misst eine Punktprävalenz (wie viele Menschen sind an einem Stichtag erkrankt), die Sieben-Tage-Inzidenz misst Neuinfektionen über eine Woche. Man darf diese Zahlen nicht gleichsetzen, als würden sie dasselbe messen.

Was aber bleibt: Die Schwelle, ab der die Bundesregierung 2020 von einer kontrollierbaren, "normalen" Lage sprach, liegt in derselben Größenordnung wie die Schwelle, ab der die EU eine Erkrankung als außergewöhnlich selten einstuft. Diese Beobachtung ersetzt keine Pandemiebewertung — sie zeigt nur, wie wichtig es ist, bei jeder Kennzahl zu fragen: Was genau wird hier gemessen, und ist der Vergleichsmaßstab überhaupt derselbe?

Die Akte: Wie die Risikobewertung selbst zum Verhandlungsgegenstand wurde

Die Inzidenz war nicht die einzige Zahl mit politischer Sprengkraft. Im Februar 2022 wollte das Robert Koch-Institut seine Risikobewertung der Corona-Lage von "sehr hoch" auf "hoch" herabstufen. Eine Recherche von WDR, NDR und Süddeutscher Zeitung dokumentierte anhand interner E-Mails, dass Gesundheitsminister Karl Lauterbach genau das über Monate verhinderte.

Lauterbach hat diesen Vorgang nie bestritten. Im Gegenteil: Er rechtfertigte sein Eingreifen öffentlich auf der Plattform X und erklärte, eine frühere Herabstufung wäre angesichts der damaligen Todesfallzahlen ein Fehler gewesen.

Damit steht eine bemerkenswerte Tatsache fest, unabhängig davon, wie man die Entscheidung selbst bewertet: Die offiziell als fachlich-unabhängig kommunizierte Risikoeinstufung des RKI war im konkreten Fall Gegenstand direkter politischer Einflussnahme durch den zuständigen Minister — bestätigt vom Minister selbst.

Gegenüberstellung: Wissenschaft, Erziehung oder beides?

Was war der eigentliche Zweck solcher Kennzahlen? Der Soziologe Heinz Bude, selbst Mitglied eines Beratergremiums der Bundesregierung, gab dazu auf einer Podiumsdiskussion in Graz eine ungewöhnlich offene Antwort: Es sei darum gegangen, ein Modell zu finden, das handelt von erzeugter Bereitschaft zur Verhaltensänderung — sein eigener Begriff dafür: ein "Quasi-Wissenschaftsargument."

Dem steht die offizielle Sprachregelung gegenüber, wonach Maßnahmen ausschließlich der Gefahrenabwehr dienten. Beide Aussagen schließen sich nicht zwangsläufig aus — aber sie beschreiben unterschiedliche Funktionen derselben Zahlen: Schutzinstrument und Verhaltenssteuerung.

Heute: Die Selbstkorrektur der Aufsicht

Auch jene, die die Maßnahmen mitgetragen haben, äußern sich heute kritischer zur Kommunikation. Die Vorsitzende des Deutschen Ethikrats, Alena Buyx, bewertete die RKI-Kommunikation rückblickend als wenig hilfreich — es sei der Eindruck entstanden, es gäbe etwas zu verbergen. Eine "sanfte Kritik," wie es Beobachter nannten — aber eine Kritik an der Institution, die einst als unhinterfragbare fachliche Autorität auftrat.

Hoffnung: Was daraus folgt

Keine dieser Tatsachen bedeutet, dass das Virus harmlos war oder dass alle Maßnahmen falsch waren. Sie bedeuten etwas Konkreteres und Nützlicheres: dass jede Kennzahl, die über Freiheitsrechte entscheidet, eine doppelte Prüfung verdient — was genau wird gemessen, und wer entscheidet über die Schwelle, ab der gehandelt wird? Diese Fragen zu stellen ist keine Verharmlosung. Es ist die Mindestanforderung an jede künftige Krisenkommunikation, die das Vertrauen der Bevölkerung nicht verspielen will. Das RKI selbst hat mit der Offenlegung der Protokolle einen ersten Schritt dazu gemacht — der nächste ist eine Kommunikation, die Unsicherheit benennt, statt sie hinter scheinbar exakten Schwellenwerten zu verstecken.


Quellen: Pressekonferenz von Bundeskanzlerin Merkel zur Corona-Pandemie, 2. November 2020 (bundesregierung.de); EU-Definition seltener Erkrankungen (Orphanet/EUR-Lex); WDR/NDR/Süddeutsche-Recherche zur RKI-Risikobewertung 2022 (Apollo News, Berliner Zeitung, BR24); Lauterbach-Stellungnahme auf X; Heinz Bude, Podiumsdiskussion Graz (Berliner Zeitung); Alena Buyx, Interview zur RKI-Kommunikation (Tagesspiegel/Journalistenwatch).