Die Angst war der Plan

Ein Protokoll aus dem Kanzleramt, eine Risikohochstufung beim RKI, ein geheimer BND-Bericht: Was 2020 als Randnotiz verschwand, ist heute in Gerichtsakten und Bundestagsdrucksachen nachlesbar.

Modern parliamentary chamber with tiered seating
Foto: Nico Ruge / Unsplash

Am 12. März 2020 sitzen im österreichischen Bundeskanzleramt 13 Gesundheitsexperten und acht Beamte zusammen. Es ist die letzte Sitzung der „Taskforce Corona", bevor drei Tage später die Ausgangsbeschränkungen verkündet werden. Im Protokoll dieser Sitzung, das der Sender Ö1 später öffentlich macht, steht ein Satz, der Bundeskanzler Sebastian Kurz zugeschrieben wird: Die Menschen sollen vor einer Ansteckung Angst haben. Die Angst vor Lebensmittelknappheit dagegen solle man ihnen nehmen.1

Wer 2020 oder 2021 behauptete, Regierungen würden Angst gezielt als Steuerungsinstrument einsetzen, bekam schnell ein Etikett: Verschwörungstheoretiker, Schwurbler, Querdenker. Dabei stand der Satz oben bereits im April 2020 auf der Nachrichtenseite des österreichischen Rundfunks – nicht auf einem Blog, nicht auf Telegram, sondern beim öffentlich-rechtlichen ORF.1 Das Protokoll war real. Nur wurde es kaum zur Kenntnis genommen.

Ein Muster, drei Länder

Was damals wie ein österreichischer Einzelfall wirkte, fügt sich heute – mit dem Wissen mehrerer nachträglicher Aufarbeitungen – zu einem größeren Bild zusammen.

Deutschland, 15. März 2020: Im Kanzleramt trifft sich ein kleiner Kreis um Angela Merkel, Olaf Scholz, Helge Braun, Horst Seehofer, Jens Spahn und RKI-Präsident Lothar Wieler. Am selben Tag heben Wieler und sein Vizepräsident Lars Schaade die Corona-Risikobewertung des Robert Koch-Instituts von „mäßig" auf „hoch" – die Grundlage, auf der tags darauf Schulschließungen und wenig später Kontaktbeschränkungen begründet werden. Das Bundesgesundheitsministerium bestätigte 2024 auf eine Bundestagsanfrage schriftlich: Die Entscheidung sei allein von Wieler und Schaade getroffen worden, „weitere Mitarbeitende des RKI waren daran nicht beteiligt".2 Die zugrundeliegenden RKI-Protokolle selbst sind heute Teil der Bundestagsdrucksachen.2

Vor dem Verwaltungsgericht Osnabrück musste RKI-Präsident Schaade im September 2024 als Zeuge aussagen. Das Gericht hielt danach in einer eigenen Pressemitteilung fest, die „Unabhängigkeit der behördlichen Entscheidungsfindung" sei durch die Protokolle infrage zu stellen – und setzte ein Verfahren zur einrichtungsbezogenen Impfpflicht zur Überprüfung ans Bundesverfassungsgericht ab.3 Ein Verwaltungsgericht, nicht ein Blog, kam zu diesem Schluss.

Im Mai 2026 befragte die Enquete-Kommission des Bundestages zur Aufarbeitung der Corona-Pandemie Braun und Schaade erneut zu jenem 15. März. Beide wiesen einen politischen Zusammenhang laut Bundestags-eigenem Bericht „entschieden zurück".4 Die Frage bleibt damit offiziell ungeklärt – nicht widerlegt, sondern offen.

Israel, März 2020: Ministerpräsident Benjamin Netanjahu, wenige Tage vor Prozessbeginn wegen Korruptionsvorwürfen, regiert per Notdekret, autorisiert den Inlandsgeheimdienst zur Handyortung von Bürgern und lässt seinen Parteifreund als Parlamentspräsident die Knesset schließen – wodurch auch die Wahl seines Nachfolgers verhindert wird. Der „Spiegel" nannte ihn den „Corona-Diktator".5 Al Jazeera berichtete unabhängig über Proteste vor der geschlossenen Knesset und über das oberste Gericht, das die Regierung zurückpfiff.6 Netanjahus Prozess wurde tatsächlich um Wochen verschoben.

Drei Regierungen, eine Woche im März 2020, ein wiederkehrendes Element: Angst wird nicht nur erlebt, sondern in internen Dokumenten als etwas besprochen, das erzeugt oder reguliert werden muss.

Der Mechanismus: Angst als Stellschraube, unabhängig von der Gefahr

Wichtig zur Einordnung: Nichts an diesem Artikel bestreitet, dass SARS-CoV-2 real war und für ältere sowie vorerkrankte Menschen eine ernste Gefahr darstellte. Die Frage ist eine andere: Wurde die Kommunikation über diese reale Gefahr zusätzlich strategisch auf maximale Angst statt auf proportionale Aufklärung ausgerichtet – unabhängig davon, wie hoch das tatsächliche Risiko war?

Im österreichischen Sitzungsprotokoll vom 12. März 2020 verwies der Tropenmediziner Herwig Kollaritsch laut Berichterstattung ausdrücklich auf die Kommunikationsstrategie zu einer britischen Masernepidemie der 1990er Jahre als Vorbild – dort habe man gezielt mit der Angst der Bevölkerung gearbeitet, um die Impfbereitschaft zu erhöhen.1 Das ist eine kommunikationsstrategische Überlegung, keine epidemiologische.

Vergleichbares findet sich in Großbritannien, unabhängig von Österreich und Deutschland. Die britische Regierungsberatergruppe SPI-B hielt am 22. März 2020 in einem Papier für die Beratungsgruppe SAGE fest: Ein erheblicher Teil der Bevölkerung fühle sich noch nicht ausreichend persönlich bedroht; das wahrgenommene Ausmaß der persönlichen Bedrohung müsse bei den Unbekümmerten erhöht werden, durch drastische, emotional wirkende Botschaften. Das britische Unterhaus befasste sich 2022 in einer eigenen Ausschusssitzung mit diesem Dokument; die damalige SPI-B-Ko-Vorsitzende bestritt vor dem Ausschuss, dass ihre Gruppe zu mehr Angst geraten habe.10

Drei Länder, drei unabhängige Quellen, ein gemeinsames Element: Angst wurde nicht nur als Folge ehrlicher Risikokommunikation hingenommen, sondern in internen Papieren als Stellhebel diskutiert, den man bei Bedarf höher oder niedriger drehen kann. Das ist eine Aussage über Methode, nicht über die Gefährlichkeit des Erregers.

Was man damals schon wusste – und verschwieg

Ein weiterer Baustein kam erst 2025 hinzu. „Zeit" und „Süddeutsche Zeitung" berichteten übereinstimmend, der Bundesnachrichtendienst habe bereits 2020 mit einer Wahrscheinlichkeit von 80 bis 95 Prozent einen Laborunfall in Wuhan als Ursprung des Virus eingeschätzt.7 Das Kanzleramt unter Merkel habe diese Einschätzung unter Verschluss gehalten; Jens Spahn erklärte, er sei darüber nicht informiert gewesen.8 Merkel selbst wollte sich dazu nicht äußern und verwies auf das Kanzleramt.7 Die Fraktion BSW stellte dazu im Bundestag eine Kleine Anfrage.9

Ob diese geheim gehaltene Einschätzung die Entscheidungen vom 15. März 2020 beeinflusst hat, ist bislang nicht belegt – aber es ist die Art Frage, die eine echte Untersuchungskommission stellen müsste. Denn eine Regierung, die glaubt, mit einer im Labor veränderten Bedrohung zu tun zu haben, entscheidet anders als eine, die eine gewöhnliche Grippewelle vor sich hat. Und schweigt aus anderen Gründen.

Was das nicht bedeutet

Aus alldem folgt nicht, dass eine einzelne Weltregierung im Hintergrund die Fäden zog, wie es mancherorts behauptet wurde. Die einfachere und besser belegte Erklärung: In einer Woche extremer Unsicherheit trafen mehrere Regierungschefs unter Beobachtung der jeweils anderen ähnliche Entscheidungen – und mindestens einer von ihnen, Netanjahu, nutzte die Gelegenheit erkennbar auch zur eigenen politischen Rettung. Das ist banaler und zugleich beunruhigender als eine große Verschwörung: Es zeigt, wie leicht sich Angst in einer Krise instrumentalisieren lässt, ganz ohne zentrale Regie.

Was bleibt

Was 2020 als Randnotiz im ORF-Archiv verschwand, taucht heute in Gerichtsakten, Bundestagsdrucksachen und einer eigenen Enquete-Kommission wieder auf. Das ist der eigentliche Fortschritt: Die Fragen, die damals als paranoid galten, werden heute von Gerichten und Parlamenten gestellt – mit den Mitteln des Rechtsstaats, nicht mit denen des Verdachts. Das Verwaltungsgericht Osnabrück, der Bundestag, sogar das Bundesgesundheitsministerium selbst haben in den vergangenen zwei Jahren mehr zur Aufklärung beigetragen als die veröffentlichte Meinung in den Jahren zuvor. Eine Enquete-Kommission, die bis 2027 einen Abschlussbericht vorlegen soll, ist kein Ersatz für einen echten Untersuchungsausschuss – aber ein Anfang, den es 2020 nicht gab. Wer wissen will, was am 15. März 2020 wirklich geschah, muss nicht mehr spekulieren. Er kann es nachlesen.

Quellen:

Tags: RKI-Protokolle, Aufarbeitung, Enquete-Kommission, Risikobewertung, Transparenz

  1. news.ORF.at, „Regierungsprotokoll: Angst vor Infektion offenbar erwünscht", 28. April 2020 – Bericht des öffentlich-rechtlichen Rundfunks über das Protokoll der Taskforce-Sitzung im Bundeskanzleramt vom 12. März 2020. 
  2. Deutscher Bundestag, Bundestagsdrucksache 20/11567, Kleine Anfrage der AfD-Fraktion zu den RKI-Krisenstabsprotokollen, 7. Mai 2024 – enthält die schriftliche Auskunft des Bundesgesundheitsministeriums zur Hochstufung der Risikobewertung. 
  3. Verwaltungsgericht Osnabrück, Pressemitteilung Nr. 19/2024, 3. September 2024 – zur mündlichen Verhandlung mit RKI-Präsident Lars Schaade als Zeuge und zur Vorlage an das Bundesverfassungsgericht. 
  4. Deutscher Bundestag, Textarchiv, Bericht zur Anhörung der Enquete-Kommission „Aufarbeitung der Corona-Pandemie" vom 7. Mai 2026. 
  5. DER SPIEGEL, Christoph Sydow, „Corona-Krise in Israel: Benjamin Netanyahu, der Corona-Diktator", 20. März 2020. 
  6. Al Jazeera, „Netanyahu accused of dictatorship amid coronavirus crisis", 19. März 2020. 
  7. ZDFheute, „Merkel weist Vertuschungsvorwürfe zu Corona-Ursprung zurück", 13. März 2025. 
  8. Der Tagesspiegel, „Merkel und Scholz hielten Bericht geheim: BND hält Laborunfall als Auslöser für Corona-Pandemie für sehr wahrscheinlich", 12. März 2025. 
  9. Deutscher Bundestag, hib-Meldung zur Kleinen Anfrage der Gruppe BSW zum Ursprung von SARS-CoV-2 (Drucksache 20/15143), März 2025. 
  10. UK Parliament, Science and Technology Committee, mündliche Beweisaufnahme mit Prof. Ann John (SPI-B), veröffentlicht 30. März 2022 – Befragung zum SPI-B-Papier „Options for increasing adherence to social distancing measures" vom 22. März 2020.