Die Einladung

Kein Produkt. Kein Umsatz. Kumulierte Verluste von 400 Millionen Euro. Und trotzdem ein Platz auf dem wichtigsten Gesundheitspodium der Welt. Was danach kam, ist dokumentiert.

Die Einladung
Photo by Peter Herrmann / Unsplash

Oktober 2018. Berlin, Maritim Hotel am Potsdamer Platz. Auf der Bühne des World Health Summit stehen vier Menschen nebeneinander: die amtierende Bundeskanzlerin, der Generaldirektor der Weltgesundheitsorganisation, einer der reichsten Männer der Welt — und ein Biotechunternehmer aus Mainz.

Ugur Sahin hatte zu diesem Zeitpunkt zehn Jahre in sein Unternehmen investiert. BioNTech, 2008 gegründet, forschte an mRNA-basierter Krebsimmuntherapie. Wissenschaftlich ambitioniert. Klinisch in frühen Phasen. Ohne ein einziges zugelassenes Produkt. Ohne nennenswerte Umsätze. Mit kumulierten Verlusten, die sich bis Ende 2019 auf über 400 Millionen Euro summieren würden.

Es war nicht Sahins erster Anlauf. Sein erstes Unternehmen, Ganymed Pharmaceuticals, hatte er 2001 gemeinsam mit Özlem Türeci gegründet — ebenfalls Krebsimmuntherapie, ebenfalls mRNA-benachbart. 2016 verkauften sie Ganymed für mehr als 400 Millionen Euro an den japanischen Pharmakonzern Astellas.

BioNTech war also nicht das erste Kapitel. Es war das zweite.

Die Frage, wer 2018 die Tür öffnete, bleibt offen. Aber die Frage, was danach geschah, lässt sich mit Dokumenten beantworten.

Neun Monate später: Das Investment

Am 30. August 2019 schließt BioNTech eine formelle Investitionsvereinbarung mit der Bill & Melinda Gates Foundation. Das steht nicht in einem Alternativmedium. Es steht im SEC-Registrierungsdokument Form F-1/A, eingereicht am 9. September 2019 bei der US-Börsenaufsicht: die Gates Foundation erwirbt 3.038.674 Aktien der BioNTech SE für rund 50 Millionen Euro. Offizieller Zweck: HIV- und Tuberkulose-Impfstoffe. Option auf Aufstockung auf bis zu 100 Millionen US-Dollar inklusive.

Der deutsche Jahresabschluss 2019, veröffentlicht im Bundesanzeiger, bestätigt Datum und Summe.

Am 10. Oktober 2019 geht BioNTech an der Nasdaq unter dem Ticker BNTX an die Börse. Ausgabepreis: 15 US-Dollar. Erlös: rund 150 Millionen Dollar. Marktkapitalisierung: 3,4 Milliarden Dollar. Für ein Unternehmen ohne zugelassenes Produkt.

Die SEC selbst hatte Fragen. In einem Brief vom 16. Juli 2019 verlangte die Behörde, BioNTech möge „klarstellen, dass keine mRNA-Immuntherapie in dieser Kategorie von Therapeutika zugelassen ist." BioNTech antwortete wahrheitsgemäß: Nein, es gibt keine.

Sechs Wochen später war es an der Börse.

In demselben Jahr, in dem BioNTech 200 Millionen Euro Verlust schrieb, bezog Sahin ein Jahresgehalt von 7.064.000 Euro. Das gesamte Vorstandsgehalt betrug 19,6 Millionen Euro — im Bundesanzeiger nachlesbar. Zusätzlich erhielt Sahin eine Option auf 4.374.963 Stammaktien zum Börseneinführungspreis — Gesamtwert zum Ausgabezeitpunkt: rund 59 Millionen Euro.

Dann kam 2020

Am 11. Januar 2020 veröffentlichten chinesische Wissenschaftler die Genomsequenz des neuartigen Coronavirus. Sahin schreibt in seinem Buch „Projekt Lightspeed", er sei sofort überzeugt gewesen: das würde eine Pandemie. BioNTech begann noch im Januar intern mit der Impfstoffentwicklung — vor jeder Pandemieausrufung, vor dem ersten deutschen Todesfall.

Am 21. Dezember 2020 erteilte die EMA die bedingte Zulassung für BNT162b2. Elf Monate nach dem Pivot.

2021 erzielte BioNTech knapp 19 Milliarden Euro Umsatz. Das Eigenkapital hatte sich gegenüber 2019 auf das Vierzigfache erhöht. Sahins Gesamtvermögen wird von Forbes auf 4,5 Milliarden US-Dollar geschätzt. Die BioNTech-Aktie erreichte im August 2021 ein Allzeithoch von 447 US-Dollar — ein Anstieg von 2.880 Prozent gegenüber dem Ausgabepreis.

Das nächste Kapitel: Krebs — und Pfizer

Jetzt richtet BioNTech seinen Blick wieder auf das ursprüngliche Ziel: Krebs.

Bauchspeicheldrüsenkrebs. Darmkrebs. Melanome. Lungenkrebs. Harnblasenkrebs. Die klinischen Programme BNT122, BNT113, BNT323, BNT327 befinden sich in Phase 2 und 3. Mehrere Kandidaten haben FDA-Durchbruchsstatus erhalten. Im Dezember 2024 übernahm BioNTech das chinesische Unternehmen Biotheus für rund eine Milliarde US-Dollar, im Juni 2025 folgte die Übernahme des deutschen Konkurrenten CureVac für 1,25 Milliarden. Finanziert durch die Erlöse der Pandemie.

Pfizer, BioNTechs Partner beim Covid-Impfstoff, geht denselben Weg — nur größer. Im März 2023 übernahm Pfizer den US-Krebsspezialisten Seagen für 43 Milliarden Dollar — eine der größten Akquisitionen der Pharmabranche seit Jahren, finanziert durch die hohen Einnahmen aus dem Coronageschäft. Der globale Onkologiemarkt soll bis 2030 auf über 300 Milliarden US-Dollar anwachsen.

Die Technologie, die 2020 auf Covid pivotett wurde, kehrt zu ihrem erklärten Ausgangspunkt zurück. Und der Markt für Krebstherapien ist inzwischen größer als je zuvor.

Das dritte Unternehmen

Am 10. März 2026 gab BioNTech bekannt, dass Sahin und Türeci das Unternehmen verlassen und ein eigenständiges neues Biotechnologieunternehmen gründen werden — ihr drittes. Das neue Unternehmen soll sich der Entwicklung der nächsten Generation von Medikamenten auf mRNA-Basis widmen, kombiniert mit Künstlicher Intelligenz. BioNTech erhält im Gegenzug eine Minderheitsbeteiligung sowie Lizenzgebühren.

Das Muster über 25 Jahre:

2001 — Ganymed: Krebsimmuntherapie, ohne Produkt. Verkauf 2016 für 400+ Millionen Euro.

2008 — BioNTech: mRNA-Krebsforschung, ohne Produkt bis 2020. Covid-Pivot. Milliarden.

2026 — Neues Unternehmen: „nächste Generation mRNA", mit KI. Finanziert durch BioNTech-Lizenzen und Pandemie-Kapital.

Sahin beschreibt den Schritt selbst als Rückkehr zu dem, „was uns antreibt: wissenschaftliche Durchbrüche."

Eine Frage, die niemand stellt

Man darf sich fragen, wie groß der Markt für mRNA-basierte Krebstherapien in den kommenden Jahren sein wird — und welche Rolle dabei der Umstand spielt, dass Hunderte Millionen Menschen mit einer Technologie behandelt wurden, deren Langzeitauswirkungen auf das Immunsystem noch nicht abschließend erforscht sind. Meldedaten zu Herzmuskelentzündungen, laufende Gerichtsverfahren und eine wachsende Zahl peer-reviewter Studien zu Immunveränderungen sind Teil des öffentlichen Diskurses.

Das zu sagen ist keine Diagnose. Es ist eine Frage, die in einem Rechtsstaat gestellt werden darf.

Wer von der Antwort profitieren würde, ist ebenfalls eine Frage. Und auch sie lässt sich mit Dokumenten beantworten.


Quellen: World Health Summit 2018, Rednerliste (worldhealthsummit.org) · BioNTech SE, SEC Form F-1/A, 09.09.2019 (sec.gov) · BioNTech SE, Jahresabschluss 2019 (Bundesanzeiger) · BioNTech SE, Vergütungsbericht 2021 (investors.biontech.de) · BioNTech SE, Pressemitteilung 10.03.2026 (investors.biontech.de) · Handelsblatt, 13.03.2023: Pfizer/Seagen · finanzen.net, 17.02.2026 · Sahin/Türeci: „Projekt Lightspeed" (2021)