Die EKG-Falle

Warum der Sportler-Gesundheitscheck weder beweist noch widerlegt - eine Methodenkritik.

Die EKG-Falle
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Methodenkritik · Sportmedizin · Aufarbeitung

Warum der Sportler-Gesundheitscheck weder beweist noch entlastet — und wie gut gemeinte Aufarbeitung in eine methodische Sackgasse gerät.

12. Juni 2021. Dänemark gegen Finnland, EM-Gruppenphase. In der 43. Minute bricht Christian Eriksen auf dem Platz zusammen. Die Bilder gehen um die Welt. Noch bevor die Sanitäter das Spielfeld verlassen, beginnt in sozialen Medien ein Deutungskampf — und beide Seiten liegen medizinisch falsch.

Das ist keine Kritik an Betroffenen oder Besorgten. Es ist eine Einladung, das Handwerkszeug zu verstehen, das man braucht, um dieses Thema sauber zu diskutieren. Denn die Schwäche liegt nicht in den Menschen, die fragen — sie liegt im Messinstrument, auf das sich alle beziehen.

Was der Standard-Gesundheitscheck tatsächlich leistet

Profisportler gelten als die am besten untersuchten Menschen der Welt. Jährliche Leistungsdiagnostik, kardiologische Freigabe, EKG, Belastungstest. Das erzeugt einen starken Intuitiven Schluss: Wenn jemand zuletzt vor sechs Monaten gründlich untersucht wurde und dann kollabiert, muss etwas Neues dazugekommen sein.

Dieser Schluss ist medizinisch nicht haltbar. Und das liegt nicht an nachlässigen Ärzten — sondern an den physikalischen Grenzen des Instruments.

Die Zahlen stammen aus dem German Journal of Sports Medicine und aus einer viel zitierten Studie der Ohio State University, veröffentlicht im Deutschen Ärzteblatt. Peer-reviewed Sie beschreiben kein Versagen — sie beschreiben die strukturelle Grenze eines Standardverfahrens.

„Selbst von gesunden Athleten ohne Verdacht auf eine Myokarditis weisen nur 60 % ein vollständig unauffälliges Ruhe-EKG auf. Die EKG-Diagnostik bei vorliegendem Verdacht auf eine Myokarditis ist häufig schwierig, gerade auch in Abgrenzung zu Varianten von Normalbefunden."

Das bedeutet im Klartext: Wer ein unauffälliges EKG hat, kann trotzdem eine aktive Herzmuskelentzündung haben. Und wer ein „auffälliges" EKG hat, ist mit hoher Wahrscheinlichkeit völlig gesund — weil Sport das Herz dauerhaft verändert, auf eine Art, die im Ruhe-EKG wie ein Befund aussieht.

Das Kardio-MRT: Goldstandard, den niemand zahlt

Es gibt ein Instrument, das diese Lücke schließt: das Kardio-MRT. Es kann Entzündungsherde im Herzmuskelgewebe direkt sichtbar machen — auch wenn keine Symptome vorliegen, auch wenn EKG und Echokardiogramm unauffällig sind.

„Bei 20 asymptomatischen Patienten war die Myokarditis nur im Kardio-MRT erkennbar. Mittel cMRT lag eine insgesamt 7,4-fach höhere Diagnosesicherung der Myokarditis vor — klinisch und subklinisch. Bei positiv vorliegender kardialer Symptomatik wären nur 5 von 37 erkrankten Sportlern erkannt worden."

Fünf von 37. Das entspricht einer Erkennungsrate von 13 Prozent mit dem Standardverfahren — und 87 Prozent wären durchgerutscht.

Warum wird das MRT dann nicht standardmäßig eingesetzt? Das American College of Cardiology ACC rät in seinen Leitlinien explizit davon ab — nicht weil es nicht wirkt, sondern weil es teuer ist, zeitaufwendig, und weil bei asymptomatischen Menschen die Befundinterpretation komplex ist. Es ist eine Priorisierungsentscheidung, keine medizinische.

Die Denkfalle — in beide Richtungen

Jetzt wird klar, warum der Eriksen-Moment so explosiv war. Und warum er als Beispiel für diese Debatte tatsächlich ungeeignet ist — nicht wegen Impfstatus, sondern wegen Diagnose. Eriksens Problem war ein AV-Block, eine Reizleitungsstörung, kein entzündlicher Prozess. Aber das Grundproblem bleibt: Der Gesundheitscheck hätte auch eine Myokarditis nicht sicher gefunden.

„Er hatte einen Gesundheitscheck — alles war unauffällig. Also muss etwas Neues dazugekommen sein. Danach war nur eines neu: die Impfung."

„Er hatte einen Gesundheitscheck — alles war unauffällig. Also war die Impfung nicht schuld. Die Untersuchung hätte es sonst gefunden."

Das EKG ist kein Ausschlusstest für Myokarditis. Ein unauffälliger Befund sagt weder, dass vorher nichts da war — noch, dass nichts Neues dazugekommen ist.

Das ist keine Relativierung und keine Entwarnung. Es ist die Vorbedingung für jede seriöse Diskussion: Wer ein Instrument falsch kalibriert, bekommt falsche Ergebnisse — in beide Richtungen.

Was das für die Aufarbeitung bedeutet

Einzelfälle werden diese Frage nie entscheiden. Nicht weil die Frage illegitim wäre — sondern weil das individuelle Schicksal eines Menschen methodisch überfordert ist. Die Kausalitätsfrage bei einem Herzstillstand eines Sportlers braucht: bekannten Impfstatus, bekannte Vorgeschichte, histologische Obduktion, Vergleichsgruppe. In der Praxis fehlen fast immer mindestens drei dieser vier Punkte.

Die legitime wissenschaftliche Frage lautet nicht „Hat Sportler X einen Impfschaden erlitten?" — sondern: „Hat die Rate kardialer Ereignisse bei Leistungssportlern nach 2021 im Vergleich zu vorher signifikant zugenommen?" Diese Frage erfordert ein Register, eine Baseline und eine kontrollierte Methode. Sie ist offen. Sie wird zu wenig gestellt. Und sie verdient eine Antwort — aber keine voreilige.

Es gibt eine weitere Zahl, die in diesem Zusammenhang unkommentiert stehen kann: In der Wikipedia-Nekrolog-Datenbank finden sich für die Jahre 2018 bis 2020 rund 1.300 Personen unter 70 Jahren pro Jahr. Ab 2021 sind es ähnliche Zahlen — aber die Spalte „Todesursache" bleibt in auffällig vielen Fällen leer. Nicht bei Unfällen. Nicht bei Krebs. Sondern bei jenen Fällen, wo der Körper einfach aufgehört hat zu funktionieren.

Das ist kein Beweis. Es ist eine dokumentarische Beobachtung. Und genau diese Art von Beobachtung — nüchtern, quellenbasiert, ohne vorweggenommene Schlüsse — ist das, was richtige Erinnerung bedeutet.

Was sich verbessern kann — und was wir tun können

Die gute Nachricht: Das Kardio-MRT ist keine Zukunftstechnologie. Es existiert, es funktioniert, und seine Überlegenheit gegenüber dem Standard-EKG ist wissenschaftlich belegt. Was fehlt, ist ein politischer Wille, es in die Sportmedizin-Vorsorge zu integrieren — zunächst zumindest für Hochrisiko-Gruppen nach Infektionskrankheiten.

Italien ist das einzige Land der Welt, das kardiologisches Screening für Profisportler gesetzlich vorschreibt — eingeführt nach dem Tod von Renato Curi (Perugia, 1977), einem italienischen Mittelfeldspieler, der während eines Ligaspiels gegen Juventus zusammenbrach. Nicht nach dem Tod des Spaniers Antonio Puerta (FC Sevilla, 2007), der häufig fälschlich als Ursprung dieser Regelung genannt wird. Das Ergebnis: messbar bessere Überlebensraten bei kardialen Ereignissen auf dem Platz — und ein System, das weltweit als Vorbild gilt.

Wie robust dieses Modell ist — und wo seine Grenzen liegen — zeigte sich am 1. Dezember 2024 im Stadio Artemio Franchi in Florenz. Edoardo Bove, 22-jähriger Mittelfeldspieler der Fiorentina, brach in der 17. Minute des Spitzenspiels gegen Inter Mailand auf dem Rasen zusammen, ohne jede Einwirkung von außen. Wiederbelebt, intensivstationär behandelt, Defibrillator implantiert — und damit nach italienischem Recht aus der Serie A ausgeschlossen. In keinem anderen Land der Welt würde die gleiche lebensrettende Maßnahme automatisch das Karriereende in der obersten Liga bedeuten. Das ist kein Versagen des Systems. Es ist seine Konsequenz.

Was jeder Einzelne tun kann: Bei anhaltender Erschöpfung, Herzrasen oder Druckgefühl in der Brust nach einer Infektionskrankheit — ob COVID, Grippe oder andere — beim Arzt gezielt nach einem Troponin-Test und gegebenenfalls einem Kardio-MRT fragen. Nicht aus Angst. Aus Vorsicht.

German Journal of Sports Medicine (GJSM) — „Diagnostische und therapeutische Pfade bei Sportlern mit Verdacht auf Myokarditis" (2014) · Deutsches Ärzteblatt — „COVID-19: Kardio-MRT findet Myokarditis bei asymptomatischen Sportlern" (2021) · Sportärztezeitung — „Kardiologische Folgen nach COVID-19 Infektion" (2022) · American College of Cardiology (ACC) — Konsensuspapier Myokarditis bei Sportlern (2022). Alle Quellen frei zugänglich und im Volltext abrufbar.