Die große Weiche — und niemand war dabei
Am 15. März 2020 traf sich im Kanzleramt ein Kreis, der eine große Weiche stellen würde. Sechs Jahre später, vor der parlamentarischen Aufarbeitungskommission, erinnert sich niemand mehr daran.
Am 15. März 2020 traf sich im Berliner Kanzleramt ein kleiner Kreis. Was dort besprochen wurde, veränderte das Leben von 83 Millionen Menschen für zwei Jahre. Sechs Jahre später, vor einer parlamentarischen Kommission, die genau das aufarbeiten soll, können sich die Anwesenden nicht mehr erinnern.
Das ist kein Gerücht. Es ist Protokoll.
Was damals passierte
Der 15. März 2020 war ein Sonntag. Tags darauf, am Montag dem 16. März, hielt das RKI intern fest: "Am Wochenende wurde eine neue Risikobewertung vorbereitet. Es soll diese Woche hochskaliert werden."
Am Freitag zuvor, dem 13. März, stand noch im Protokoll: "Aktuelle Risikobewertung bleibt bestehen."
Was zwischen Freitagnachmittag und Montagmorgen passierte, ist bis heute nicht durch RKI-interne Dokumente belegt. Es gibt keine Arbeitsunterlagen, keine interne Korrespondenz, keine Fachbegründung aus dem Institut selbst für diesen Sinneswandel übers Wochenende.
Was es gibt, ist ein Zeitungsartikel der Süddeutschen Zeitung vom April 2020. Darin heißt es: Am 15. März trat im Kanzleramt ein kleiner Kreis zusammen, "der eine große Weiche stellen wird". Anwesend waren damals Angela Merkel, Olaf Scholz, Horst Seehofer, Bundesgesundheitsminister Jens Spahn — und RKI-Präsident Lothar Wieler.
Am Dienstag, dem 17. März 2020, stufte das RKI die Risikobewertung für COVID-19 von "mäßig" auf "hoch" herauf. Diese Hochstufung war die rechtliche Grundlage für alle folgenden Lockdowns, Schulschließungen, Kontaktverbote und Ausgangssperren.
Was die entschwärzten Protokolle zeigen
Im Mai 2024 veröffentlichte das RKI die weitgehend entschwärzten Krisenstabsprotokolle. Eine bis dahin geschwärzte Passage aus dem Protokoll vom 2. März 2020 — zwei Wochen vor der entscheidenden Hochstufung — wurde sichtbar:
"Es gab Kritik vom Bundesgesundheitsministerium, dass das Risiko vom RKI zunächst zu gering eingestuft war."
Das ist kein Einzelereignis. Es ist ein Mechanismus. Das Ministerium kritisiert, das RKI passt an. Zwei Wochen später, nach dem Treffen im Kanzleramt übers Wochenende, wird ein weiteres Mal angepasst — diesmal ohne erhaltene Fachunterlagen.
Auf Seite 982 der Protokolle — aus dem Jahr 2021 — fasst die RKI-Führung die Lage selbst zusammen:
"Aktuelle Einschätzung der RKI-Leitung ist, dass die Empfehlungen durch das RKI in der Rolle einer Bundesbehörde ausgesprochen werden, und einer ministeriellen Weisung zur Ergänzung dieser Empfehlung nachgekommen werden muss, da das BMG die Fachaufsicht über das RKI hat und sich als Institut nicht auf Freiheit der Wissenschaft berufen kann. Die wissenschaftliche Unabhängigkeit des RKI von der Politik ist insofern eingeschränkt."
Diesen Satz schrieb das RKI über sich selbst. Intern. Nicht für die Öffentlichkeit.
Was vor der Enquete-Kommission gesagt wurde
Am 7. Mai 2026 tagte die Corona-Enquete-Kommission des Bundestages zum Thema Eindämmungsstrategien. Geladen waren unter anderem der damalige Kanzleramtschef Helge Braun und Lars Schaade, heute RKI-Präsident, damals beim entscheidenden Wochenende Vizepräsident des RKI.
Der Datenanalyst Tom Lausen — als Sachverständiger der Enquete-Kommission geladen — fragte Schaade: Wo befanden Sie sich am 15. März 2020, als das RKI die Hochstufung besprach?
Schaades Antwort: Er könne sich nicht mehr genau erinnern. Ob das Gespräch im Institut oder telefonisch stattgefunden habe, wisse er nicht mehr. Das sei schließlich sechs Jahre her.
Auch wo Lothar Wieler an diesem Tag war — der Mann, der laut SZ im Kanzleramt saß — wollte Schaade nicht beantworten.
Dieselbe Frage an Helge Braun: Wo waren Sie am 15. März 2020? Braun antwortete, bei einer vorherigen Ankündigung der Frage hätte er möglicherweise noch in seinen damaligen Kalender schauen können.
Lausen zitierte daraufhin den SZ-Artikel aus dem April 2020 — die Runde im Kanzleramt, die große Weiche. Brauns Antwort: Eine Enquetekommission ermögliche keinen vollständigen Einblick in sämtliche Regierungsunterlagen. Außerdem habe eine kleine Runde im Kanzleramt eine solche Entscheidung gar nicht allein treffen können.
Als Lausen nachhakte und Braun auswich, griff Kommissionsvorsitzende Franziska Hoppermann (CDU/CSU) ein — und tadelte Lausen, nicht Braun.
Die Gegenüberstellung
Zwei Dokumente. Dieselbe Frage. Sechs Jahre Abstand.
April 2020, Süddeutsche Zeitung: Im Kanzleramt tritt ein kleiner Kreis zusammen, der eine große Weiche stellen wird — mit Merkel, Scholz, Seehofer, Spahn und RKI-Präsident Wieler.
Mai 2026, Enquete-Kommission: Der Mann, der damals Vizepräsident des RKI war, kann sich nicht erinnern, wo er an diesem Tag war. Der Mann, der das Kanzleramt leitete, hätte vorher Bescheid gebraucht, um seinen Kalender zu prüfen.
Was das bedeutet — und was nicht
Das ist kein Beweis für eine Verschwörung. Es ist auch keine Aussage darüber, ob die Entscheidungen vom März 2020 richtig oder falsch waren.
Es ist ein Befund über Institutionen und Erinnerung.
Eine parlamentarische Kommission ist eingesetzt worden, um aufzuarbeiten, wie die größten Grundrechtseinschränkungen in der Geschichte der Bundesrepublik zustande kamen. Die Menschen, die dabei im Mittelpunkt standen, erinnern sich nicht. Die Dokumente, die rekonstruieren könnten, was passierte, existieren nicht oder wurden nicht vorgelegt.
Was existiert, sind die Protokolle des RKI selbst — freigeklagt, nicht freiwillig herausgegeben, anfangs geschwärzt. Und darin der selbstverfasste Satz der RKI-Führung: Die wissenschaftliche Unabhängigkeit des RKI von der Politik ist eingeschränkt.
Das hat das RKI nie öffentlich gesagt. Die Öffentlichkeit hat zwei Jahre lang gehört: Das RKI arbeitet unabhängig von politischer Weisung.
Was bleibt
Die Enquete-Kommission soll bis Ende Juni 2027 ihren Abschlussbericht vorlegen. Protokolle nicht-öffentlicher Sitzungen werden erst mit dem Abschlussbericht veröffentlicht.
Das bedeutet: Die Sitzungen, in denen die wirklich schwierigen Fragen gestellt werden könnten, sind nicht öffentlich. Was dabei herauskommt, erfahren wir frühestens in anderthalb Jahren.
Bis dahin haben wir, was immer verfügbar war: die Dokumente.
Die erinnern sich noch an alles.
Quellen
- RKI-Krisenstabsprotokoll, 13. März 2020: "Aktuelle Risikobewertung bleibt bestehen" — veröffentlicht via RKI (Mai 2024)
- RKI-Krisenstabsprotokoll, 16. März 2020: "Es soll diese Woche hochskaliert werden" — veröffentlicht via RKI (Mai 2024)
- RKI-Krisenstabsprotokoll, 2. März 2020 (entschwärzte Passage): "Es gab Kritik vom Bundesgesundheitsministerium..." — Quelle: Multipolar, Juni 2024
- RKI-Krisenstabsprotokoll, 2021, Seite 982: "Die wissenschaftliche Unabhängigkeit des RKI von der Politik ist insofern eingeschränkt." — veröffentlicht via RKI (Mai 2024)
- Süddeutsche Zeitung, April 2020: Bericht über Kanzleramtstreffen am 15. März 2020
- Enquete-Kommission des Bundestages, Sitzung 7. Mai 2026, Anhörung Schaade und Braun — Bericht: Berliner Zeitung (7. Mai 2026), Ärzteblatt (8. Mai 2026), Bundestag.de (Sitzungsprotokoll)
- Bundestag.de, Bericht zur Sitzung vom 7. Mai 2026: "Wo waren Sie am 15.3.2020?"