Die Liste der Pseudoexperten
Ein Virologe entwirft 2021 ein Schema, um abweichende Fachmeinungen als Desinformation einzuordnen. Zwei der so Eingeordneten leiten heute die US-Gesundheitsbehörden.
Die Liste der Pseudoexperten
Damals: Ein Virologe entwirft ein Schema, mit dem sich abweichende Fachmeinungen als "Desinformation" einordnen lassen, noch bevor man sich mit ihrem Inhalt befasst. Heute: Zwei der so Eingeordneten sitzen an der Spitze der US-Gesundheitsbehörden. Eine Rekonstruktion in Originalzitaten.
Damals: Ein Schema für den Umgang mit Abweichlern
Am 31. März 2021 veröffentlicht der NDR die 82. Folge des Podcasts "Das Coronavirus-Update" mit Christian Drosten. Titel der Folge: "Die Lage ist ernst". Es geht um ein Akronym, das Drosten an diesem Tag einem breiten Publikum vorstellt: PLURV — Pseudoexperten, Logische Trugschlüsse, Unerfüllbare Erwartungen, Rosinenpickerei, Verschwörungsmythen. Ein Werkzeugkasten, mit dem sich, so die Idee, "Wissenschaftsleugnung" erkennen lässt — abgeleitet vom englischen FLICC-Modell aus der Klimaforschung.1
Drosten wendet das Schema in derselben Sendung auf die "Great Barrington Declaration" an, ein im Oktober 2020 veröffentlichtes Positionspapier dreier Epidemiologen von Harvard, Oxford und Stanford, das einen gezielten Schutz vulnerabler Gruppen statt flächendeckender Lockdowns vorschlug. Im Podcast-Transkript, das der NDR selbst veröffentlicht, heißt es wörtlich:
"Ich sage hier nur Great Barrington Declaration: Das ist eine ganze Gruppe von Pseudoexperten. Die sind alle nicht aus dem Fach, haben sich aber über infektionsepidemiologische Themen laut geäußert."2
Zu den drei Verfassern gehörte auch Jay Bhattacharya, Gesundheitsökonom und Mediziner in Stanford. Wenig später nennt Drosten in derselben Sendung einen weiteren Namen ausdrücklich: "Ich nenne hier mal ganz absichtlich einen Namen, Wodarg als Paradebeispiel."2
Das Fachblatt der deutschen Apotheker, die Pharmazeutische Zeitung, greift die Einordnung wenige Tage später auf und schreibt, den Verfassern der Erklärung fehle es "an virologischem Sachverstand".3 Die Deutsche Gesellschaft für Virologie äußert sich laut Ärztezeitung "mit großer Skepsis".4
Was tatsächlich in der Erklärung stand
Was die "Great Barrington Declaration" wörtlich forderte, geriet in der Zuspitzung auf "Pseudoexperten" in den Hintergrund: gezielter Schutz von Risikogruppen durch geschultes Personal mit erworbener Immunität, häufige Tests für Pflegepersonal und Besucher, Belieferung älterer Menschen zu Hause, Familientreffen im Freien.5 Keine der drei Verfasser:innen forderte, das Virus "wüten zu lassen" — eine Formulierung, die dennoch in der Berichterstattung jener Wochen kursierte.6
Heute: Zwei "Pseudoexperten" an der Spitze der US-Gesundheitspolitik
Am 25. März 2025 bestätigt der US-Senat Jay Bhattacharya mit 53 zu 47 Stimmen als 18. Direktor der National Institutes of Health (NIH) — der weltweit größten öffentlichen Förderorganisation für biomedizinische Forschung, mit einem Jahresbudget von rund 48,6 Milliarden Dollar.7 In seiner Anhörung vor dem Gesundheitsausschuss des Senats beschreibt Bhattacharya die Kultur, die er an der Behörde vorzufinden glaubt, mit den Worten, es habe "Vertuschung, Verschleierung und mangelnde Toleranz für abweichende Ideen" gegeben — und kündigt an, Freiraum für unterschiedliche wissenschaftliche Positionen wiederherzustellen.8 Im Februar 2026 übernimmt er zusätzlich kommissarisch die Leitung der CDC, der zentralen US-Seuchenschutzbehörde.9
Sunetra Gupta, Mitverfasserin der Erklärung und Professorin für theoretische Epidemiologie in Oxford, forscht unverändert an der Universität Oxford weiter. Martin Kulldorff, der dritte Verfasser, wurde 2023 als wissenschaftlicher Berater in die neu gegründete US-Gesundheitsbehördenreform berufen.
Die zweite Front: Wer darf über Drosten sprechen?
Parallel dazu läuft in Hamburg ein zweites, weniger beachtetes Verfahren — diesmal nicht über die Frage, welche Fachmeinung als "Pseudoexperte" gilt, sondern darüber, wer öffentlich etwas über Drosten selbst sagen darf. Der Physikprofessor Roland Wiesendanger hatte Drosten 2022 im Magazin Cicero vorgeworfen, die Öffentlichkeit "gezielt getäuscht" zu haben.10 Drosten klagte auf Unterlassung — mit Erfolg: Das Landgericht Hamburg gab am 17. April 2026 der Hauptsacheklage vollumfänglich statt.11 Bemerkenswert an der Urteilsbegründung: Die Kammer stellt fest, es lasse sich nicht nachweisen, dass Drosten sich bei einer Telefonkonferenz mehrerer Virologen am 1. Februar 2020 auf einen Laborursprung des Virus festgelegt habe — was zugleich bestätigt, dass eine solche Telefonkonferenz stattfand und Gegenstand des Verfahrens war.11 Das Urteil ist nicht rechtskräftig.
Das Muster
Zwei Vorgänge, ein gemeinsamer Nenner: In beiden Fällen entscheidet nicht in erster Linie eine offene fachliche Auseinandersetzung darüber, welche Position Gehör findet, sondern eine vorgeschaltete Einordnung — als "Pseudoexperte" im einen Fall, als unzulässige Tatsachenbehauptung im anderen. Wer die Einordnung vornimmt, entscheidet zugleich, worüber überhaupt noch diskutiert werden muss.
Das ist kein Vorwurf an eine einzelne Person, sondern die Beschreibung eines Mechanismus, der sich in der Pandemie mehrfach zeigte: Eine mediale Autorität mit großer Reichweite entwirft die Kategorien, nach denen abweichende Stimmen einsortiert werden — und diese Kategorien wirken oft schneller und nachhaltiger als jede spätere fachliche Richtigstellung. Der Bonner Psychiater Dr. Raphael Bonelli hat für dieses Muster den Begriff der vorschnellen moralischen Schließung geprägt: Sobald eine Position mit einem abwertenden Etikett versehen ist, sinkt die Bereitschaft, sie inhaltlich noch zu prüfen — unabhängig davon, ob sie sich später als teilweise zutreffend erweist.
Hoffnung
Der eigentliche Grund zur Zuversicht liegt nicht darin, wer am Ende Recht behält, sondern darin, dass sich Wissenschaft und Öffentlichkeit sichtbar korrigieren können. Die 3sat-Nano-Redaktion widmete der Labor-Hypothese im Juni 2025 erstmals eine ausführliche Reportage im deutschen Leitmedienfernsehen — ein Thema, das fünf Jahre zuvor kaum diskutiert werden konnte.12 Und selbst innerhalb der US-Gesundheitsbehörden hat sich mit dem Führungswechsel 2025 eine Debatte über genau jene Toleranz für abweichende Positionen entzündet, deren Fehlen zuvor beklagt wurde. Das ist der eigentliche Fortschritt: nicht dass eine neue Autorität die alte ablöst, sondern dass die Frage, ob abweichende Fachmeinungen gehört werden müssen, heute überhaupt wieder gestellt werden darf — öffentlich, in Talkshows, Fachzeitschriften und Gerichtssälen. Genau das ist Wissenschaft, wenn sie funktioniert: nicht das Verstummen des Zweifels, sondern sein dauerhaftes Bleiberecht.
Fußnoten
- NDR, Coronavirus-Update Folge 82 "Die Lage ist ernst", Transkript vom 31.03.2021, veröffentlicht auf ndr.de. ↩
- Ebd., Originaltranskript des NDR-Podcasts. ↩↩
- Pharmazeutische Zeitung, "Desinformation: Die Tools der Leugner", 06.04.2021. ↩
- Ärztezeitung, Meldung zur Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Virologie, 20.10.2020. ↩
- Great Barrington Declaration, Originaltext, Oktober 2020, American Institute for Economic Research. ↩
- Süddeutsche Zeitung, Berichterstattung vom 20.10.2020 zur Great Barrington Declaration. ↩
- Roll Call / Axios, Berichterstattung zur Senatsbestätigung Jay Bhattacharyas als NIH-Direktor, 25.03.2025. ↩
- The Stanford Daily, Bericht zur Senatsanhörung Bhattacharyas, 01.04.2025. ↩
- Wikipedia (EN), Eintrag Jay Bhattacharya, Stand Februar 2026, zur zusätzlichen kommissarischen CDC-Leitung. ↩
- Cicero, Interview mit Roland Wiesendanger, "Stammt das Coronavirus aus dem Labor?", 02.02.2022. ↩
- Landgericht Hamburg, Pressemitteilung vom 17.04.2026, Az. 324 O 518/24, justiz.hamburg.de. ↩↩
- 3sat, Nano-Sendung "Corona: Die Laborhypothese ist zurück – mit neuen Indizien", 30.06.2025. ↩