Die Mauer
Herzmuskelentzündungen nach mRNA-Impfungen wurden früh gemeldet, früh erkannt — und zu spät kommuniziert. Was das Paul-Ehrlich-Institut wann wusste.
Behördenversagen · Myokarditis · Dokumentation
Herzmuskelentzündungen nach mRNA-Impfungen wurden früh gemeldet, früh erkannt — und zu spät kommuniziert. Was das Paul-Ehrlich-Institut wann wusste, und was es tat und nicht tat, lässt sich heute rekonstruieren.
Mai 2021: Die Daten lagen auf dem Tisch
Es gibt ein Datum, das man sich merken sollte: Mai 2021. Die US-amerikanische Gesundheitsbehörde CDC teilte mit, dass sie Myokarditis-Fälle nach COVID-19-Impfungen untersuche. Israel hatte ähnliche Meldungen. Die Daten lagen auf dem Tisch.
In Deutschland tat das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) — die zuständige Bundesbehörde für die Sicherheitsüberwachung von Impfstoffen — folgendes: Es meldete im Juni 2021, dass 90 Fälle von Herzmuskelentzündung eingegangen seien. Und: Es sehe kein Risikosignal.
Der Faden: Was wann passierte
2021
Die Daten liegen auf dem Tisch. Internationale Gesundheitsbehörden untersuchen den Zusammenhang. In Deutschland: Stille.
2021
Das Paul-Ehrlich-Institut bestätigt 90 eingegangene Myokarditis-Meldungen — und erklärt, es sehe kein Risikosignal. Die Deutsche Apotheker Zeitung zitiert die Behörde wörtlich.
2021
Myokarditis und Perikarditis offiziell als Nebenwirkung aufgenommen. Zwischen „kein Risikosignal" und Rote-Hand-Brief: genau vier Wochen. Was änderte sich?
2024
Nach öffentlichem Druck veröffentlicht das PEI ~1 Million Nebenwirkungsmeldungen. Erstmals mit Filterfunktion nach Chargennummern. Einige Chargen zeigen signifikant erhöhte Meldezahlen.
Was die Aufsicht versäumte
Das PEI ist per Gesetz verpflichtet, Impfsurveillance zu betreiben — systematische Sicherheitsüberwachung in Zusammenarbeit mit Krankenversicherungen und KVen. Dafür gibt es klare Rechtsgrundlagen: §13 IfSG.
Was das bedeutet: Ohne systematische Surveillance fehlt der behördliche Überblick. Meldungen kommen herein — aber das Bild, das sich daraus ergibt, wird nicht aktiv konstruiert. Stattdessen wartet man. Auf Signale. Die schon da sind.
Was mit den Chargendaten geschah
Impfstoffe werden in Chargen produziert — große Produktionseinheiten mit eindeutigen Nummern. Das PEI erfasste gemeldete Nebenwirkungen. In den Meldeformularen war die Chargennummer vorgesehen.
Das PEI erklärte auf Nachfrage, die Chargennummer sei in gemeldeten Schadensfällen nicht als Information aufgenommen worden — obwohl das Formular das Feld enthält und Meldende es eingetragen hatten. Die Information lag vor. Sie wurde nicht verarbeitet.
Ende 2024 veröffentlichte das PEI eine Excel-Datei mit knapp einer Million erfasster Nebenwirkungsmeldungen — nun doch mit Filterfunktion nach Chargen. Einige Chargen hatten signifikant mehr Meldungen als andere.
Einordnung ohne Alarm
Myokarditis nach mRNA-Impfung ist real, dokumentiert und anerkannt. Sie tritt selten auf — häufiger bei jungen Männern, häufiger nach der zweiten Dosis. Die meisten Verläufe sind mild. Ein Teil der Fälle zeigt jedoch persistierende Veränderungen im MRT. Was nicht mehr diskutierbar ist: Die Behörde hat zu spät gewarnt und die Qualität ihrer eigenen Datenbasis nicht ausreichend gesichert. Das ist kein Verdacht — das ist Aktenlage.
Was jetzt hilft
Wer nach einer mRNA-Impfung Herzprobleme entwickelt hat, ist nicht allein. In Deutschland gibt es Post-Vac-Ambulanzen — spezialisierte Anlaufstellen, die impfassoziierte Beschwerden untersuchen und behandeln. Impfschäden können beim Versorgungsamt geltend gemacht werden; die Anerkennungsquote steigt, auch durch juristische Unterstützung.
Das nächste Stück dieser Serie: Wer hat was wann gewusst — und wer hat Bundesverdienstkreuze bekommen.
Quellen & Primärdokumente
PEI – Sicherheitsbericht COVID-19-Impfstoffe (27.12.2020 – 31.05.2021), veröffentlicht 10.06.2021
PEI – Rote-Hand-Brief: Comirnaty (BioNTech) und Spikevax (Moderna) – Myokarditis und Perikarditis, 19.07.2021
CDC/ACIP – MMWR: Use of mRNA COVID-19 Vaccine After Reports of Myocarditis, United States, June 2021
Witberg et al. – Myocarditis after Covid-19 Vaccination in a Large Health Care Organization (Israel/Clalit). N Engl J Med 2021;385:2132–2139
PEI – Verdachtsfallmeldungen COVID-19-Impfstoffe (27.12.2020–31.12.2021), Excel-Datei, ca. 1 Million Einträge
PEI – Stellungnahme: Keine chargenbezögene Häufung von Verdachtsfallmeldungen nach COVID-19-Impfungen mit Comirnaty
§13 IfSG – Infektionsschutzgesetz: Weitere Formen der epidemiologischen Überwachung (gesetze-im-internet.de)
PEI – Gesamtsicherheitsbericht COVID-19-Impfstoffe (27.12.2020 – 31.12.2024)