Die Nadel und der Staat

250 Jahre Impfgeschichte zeigen ein Muster, das lange vor Corona begann: Zwang, Loyalitätstests und wissenschaftliche Selbstsicherheit trotz Zweifeln.

close up photography of white Ideal syringe
Foto: abyss / Unsplash

Als Edward Jenner am 14. Mai 1796 einem achtjährigen Jungen Sekret aus einer Kuhpockenpustel in den Arm ritzte, war das nicht sein eigenes Kind. Es war der Sohn seines Gärtners.1 Fünf Jahre später ließ Jenner auch seinen eigenen, elf Monate alten Sohn impfen2 – aber erst, nachdem an anderen Kindern getestet worden war, dass es funktioniert.

Diese Reihenfolge ist kein Fußnoten-Detail. Sie ist der Auftakt zu einem Muster, das sich durch 250 Jahre Impfgeschichte zieht: Wer zuerst geimpft wird, sagt oft mehr über Macht als über Medizin.

Die Waisenkinder als Kühlkette

1803 stand Spanien vor einem Problem. König Karl IV. wollte die Pockenimpfung in seine südamerikanischen Kolonien bringen, doch der Lebendimpfstoff blieb nur rund zehn Tage wirksam.3 Es gab kein Kühlsystem, das einen Ozean überdauert hätte. Die Lösung: 22 ungeimpfte Waisenkinder wurden an Bord der "Real Expedición Filantrópica de la Vacuna" genommen. Jeweils zwei wurden infiziert, nach ihrer Genesung übertrug man den Impfstoff auf die nächsten zwei – eine menschliche Impfkette, Arm zu Arm, bis nach Lateinamerika, über den Pazifik bis auf die Philippinen und nach China. Rund 1,5 Millionen Menschen wurden so erreicht.3 Die Kinder selbst hatten nichts zu entscheiden.

Bayern macht den Anfang – mit Geldstrafe

Nur ein gutes Jahrzehnt nach Jenners erstem Versuch führte Bayern 1807 weltweit die erste gesetzliche Impfpflicht ein. Wer sich nicht impfen ließ, zahlte.4 Württemberg zog 1815 nach, Preußen beließ es bei einer Empfehlung – verpflichtend wurde es dort nur für Schulkinder und Soldaten.4

Der entscheidende Schub kam mit dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71. Eine Pockenepidemie forderte mindestens 150.000 Opfer.4 Die Statistik zeigte einen auffälligen Unterschied: Geimpfte deutsche Soldaten erkrankten kaum, ungeimpfte französische Kriegsgefangene dagegen erheblich häufiger – über sie gelangte die Seuche schließlich auch in die deutsche Zivilbevölkerung.4 Diese Zahlen lieferten die Blaupause für das, was 1874 kam: das Reichsimpfgesetz, das die Pockenimpfung im gesamten Deutschen Reich zur Pflicht machte.5

Damals: Zeitungen druckten Spottbilder, auf denen sich Geimpfte in Kuh-Mensch-Hybride verwandelten. Kirchenvertreter riefen "Gottlos!".5 Bereits 1869 – noch vor dem Gesetz – hatten sich in Leipzig und Stuttgart die ersten organisierten Impfgegner-Vereine gegründet.5

Heute: Widerstand gegen eine Maßnahme wird oft so dargestellt, als sei er ein neues, irrationales Phänomen. Die Quellen zeigen: Er war von der ersten Stunde an da, organisiert, und er entstand nicht aus Unwissenheit, sondern parallel zur Einführung des Zwangs.

1918: Geimpft gegen den falschen Feind

Zwischen dem Reichsimpfgesetz und dem Ende des Ersten Weltkriegs liegt eine Episode, die selten erzählt wird, obwohl sie an Dramatik kaum zu überbieten ist: die Spanische Grippe. Millionen Tote weltweit – und doch griff die Wissenschaft ihrer Zeit daneben.

Viren waren 1918 als Krankheitserreger schlicht noch nicht entdeckt. Seit Robert Kochs Arbeiten in den 1870er- und 1880er-Jahren hatte die Bakteriologie die Medizin geprägt, und 1892 glaubte der Koch-Schüler Richard Pfeiffer, mit einem Stäbchenbakterium den Erreger der Influenza gefunden zu haben.9 Das Problem: Dieses "Bacillus influenzae" ließ sich keineswegs bei allen Erkrankten nachweisen. Zweifel gab es also – prominente sogar.9

Damals: Am 10. Juli 1918 tagte der vom Reichsgesundheitsamt einberufene Reichsgesundheitsrat und diskutierte genau diese Zweifel. Das Ergebnis: "Trotz angebrachter Zweifel dominierte die pfeiffersche Annahme."9 1920 wurde das Bakterium auf einer Fachtagung offiziell als Erreger der Spanischen Grippe anerkannt – gegen die eigenen Vorbehalte der Fachwelt.10 Auf dieser falschen Grundlage entstanden bakteriologische Impfstoffe, die in angelsächsischen Ländern systematisch eingesetzt wurden.11 Sie richteten sich gegen ein Bakterium, das mit dem eigentlichen – viralen – Erreger nichts zu tun hatte. Immerhin dürften sie gegen die bakteriellen Lungenentzündungen geholfen haben, an denen die meisten Patienten letztlich starben.11 Gegen die Grippe selbst konnten sie nichts ausrichten. Auch Rekonvaleszentenserum von Genesenen kam zum Einsatz – knapp verfügbar, und seine Wirksamkeit wurde, so das Deutsche Historische Museum, "eher behauptet als bewiesen".11 Der Reichsgesundheitsrat selbst sah am Ende von behördlichen Seuchenmaßnahmen ab, weil es keine wirksamen gab.9

Heute: Diese Episode wird oft missverstanden – manche behaupten, Impfungen gegen andere Krankheiten hätten die Spanische Grippe erst ausgelöst. Das ist nachweislich falsch, wie internationale Gesundheitsbehörden bestätigen.12 Die eigentliche Lehre liegt woanders: Eine wissenschaftliche Fachmeinung wurde trotz begründeter Zweifel zur offiziellen Lehrmeinung erklärt, weil die etablierte Fraktion in der Fachwelt stark genug war, sich durchzusetzen9 – nicht, weil die Beweislage eindeutig war.

Eine Massenbewegung, die man heute vergessen hat

In der Weimarer Republik erreichte der organisierte Widerstand gegen die Impfpflicht eine Größenordnung, die aus heutiger Sicht überrascht: Der "Reichsverband zur Bekämpfung der Impfung" zählte rund 300.000 Mitglieder.5 Das war keine Randgruppe. Das war eine der größeren Bürgerbewegungen ihrer Zeit – in einem demokratischen Staat, nicht in einer Diktatur.

Die DDR: Impfquote als Bekenntnis

Der vielleicht aufschlussreichste Bruch in der "offiziellen Geschichte" liegt in der DDR. Dort wurde das Impfwesen ab den 1950er-Jahren straff zentral organisiert – medizinisch begründet, aber nicht nur medizinisch gemeint. Historiker der Fachliteratur beschreiben es so: Hohe Impfquoten galten der SED-Führung als Beleg für die "Funktionalität und Bindungskraft des Sozialismus".6 Die Teilnahme an Impfkampagnen war Teil dessen, was offiziell "sozialistischer Gesundheitsschutz" hieß6 – ein Begriff, der Medizin und Staatstreue bewusst verschmolz.

Konkret bedeutete das: Bis zum 18. Lebensjahr erhielten Jugendliche in der DDR insgesamt 20 staatlich verordnete Schutzimpfungen.7 Wer nicht geimpft war, durfte nicht in die Kinderkrippe, nicht ins Ferienlager – und Studium sowie bestimmte Berufe waren ebenfalls an den Impfstatus gekoppelt.7 Verweigerung kostete zwischen 10 und 500 DDR-Mark Bußgeld.7 Gleichzeitig betonten offizielle Stellen nach außen, im Alltag stünden "Freiwilligkeit und Aufklärung im Vordergrund" – umgesetzt über Einladungswesen und persönliche Gespräche.8 Zwang und Freiwilligkeits-Rhetorik existierten also gleichzeitig, nicht im Widerspruch zueinander, sondern als zwei Werkzeuge desselben Ziels.

Damals: Der Impfausweis entschied über Zugang zu Kita, Ausbildung, Beruf.

Heute: Der Impfstatus als Zugangsvoraussetzung zu gesellschaftlicher Teilhabe ist keine Erfindung eines bestimmten Jahrzehnts oder Systems. Er taucht auf, sobald ein Staat – ob Kaiserreich, Weimarer Republik oder sozialistische Diktatur – Impfquoten als Ausweis seiner eigenen Funktionsfähigkeit begreift.

Das Muster

Vier vollkommen unterschiedliche politische Systeme – Kaiserreich, Weimarer Demokratie, DDR-Sozialismus, Bundesrepublik – griffen auf denselben Mechanismus zurück: Impfpflicht oder Impfdruck wurde nicht nur epidemiologisch begründet, sondern diente auch der Selbstdarstellung des Staates als fürsorglich, modern und funktionierend. Und in jedem dieser Systeme entstand organisierter, teils millionenstarker Widerstand – der in der öffentlichen Erinnerung heute kaum vorkommt, weil er nicht in die Erzählung vom linearen Fortschritt passt.

Die "offizielle Geschichte des Impfens" ist damit nicht falsch in ihren Fakten. Sie ist unvollständig in ihrer Auswahl: Sie erzählt vom Triumph über die Pocken, aber selten von den Waisenkindern der Balmis-Expedition, selten vom Reichsverband mit seinen 300.000 Mitgliedern, selten davon, dass ein sozialistischer Staat Impfquoten als Loyalitätsbeweis verbuchte.

Hoffnung

Das Gute an diesem langen Muster: Es zeigt, dass kritische Distanz zu staatlich verordneter Medizin keine Krankheit unserer Zeit ist, sondern eine wiederkehrende, gesunde Reaktion mündiger Bürger auf Vereinnahmung – zu jeder Zeit, in jedem System. Wer heute Fragen stellt, steht in einer langen Reihe von Menschen, die das ebenfalls taten, oft zu Recht. Genau das ist eine Einladung, nicht zur Angst, sondern zur nüchternen Prüfung: Fakten sammeln, Quellen vergleichen, selbst urteilen. Das haben Menschen 1869 in Leipzig getan, 1920 im Reichsverband – und das können wir heute genauso tun.

Quellen

  1. bpb.de, "Zur Geschichte der Schutzimpfung" – Beschreibung von Jenners Versuch am 14. Mai 1796 an James Phipps, Sohn seines Gärtners. 
  2. Deutsches Ärzteblatt, "Erfinder der Pockenimpfung: Vor 200 Jahren starb Edward Jenner" – Jenner ließ auch seinen eigenen, elf Monate alten Sohn impfen, um die Royal Society zu überzeugen. 
  3. Historischer Augenblick, "Ein Brite und 22 Waisenkinder impfen die Welt" – Details zur Balmis-Expedition 1803 und der Arm-zu-Arm-Weitergabe des Impfstoffs. 
  4. Historischer Augenblick, "Von der Impfpflicht" – Bayern 1807, Württemberg 1815, Pockenepidemie im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71. 
  5. Deutsches Ärzteblatt, "Erfinder der Pockenimpfung" – Reichsimpfgesetz 1874, erste Impfgegner-Vereine 1869 in Leipzig/Stuttgart, Reichsverband mit 300.000 Mitgliedern in der Weimarer Republik. 
  6. Springer Medizin / Fachpublikation, "Immunisierung unter Knappheitsbedingungen – Norm und Praxis des Impfens in der DDR 1949 bis 1970" – Einordnung hoher Impfquoten als politisches Legitimationsinstrument der SED. 
  7. Statistisches Landesamt Berlin-Brandenburg, "Die gesetzliche Impfpflicht in der DDR" – 20 Pflichtimpfungen bis zum 18. Lebensjahr, Zugangsbeschränkungen zu Kita/Ausbildung/Beruf, Bußgelder 10–500 DDR-Mark. 
  8. Historischer Augenblick, "Von der Impfpflicht" – Offizielle Betonung von Freiwilligkeit und Aufklärung neben der gesetzlichen Impfpflicht in der DDR. 
  9. Friedrich-Ebert-Stiftung, Themenportal Geschichte, "Spanische Grippe" – Pfeiffers Bakterium, Zweifel der Fachwelt, Sitzung des Reichsgesundheitsrats am 10. Juli 1918, Verzicht auf seuchenpolizeiliche Maßnahmen. 
  10. Deutsches Historisches Museum (LeMO-Zeitstrahl), "Spanische Grippe" – Offizielle Anerkennung des Pfeiffer-Bakteriums als Erreger auf einer Fachtagung 1920. 
  11. Deutsches Historisches Museum (LeMO-Zeitstrahl), "Spanische Grippe" – Systematischer Einsatz bakteriologischer Impfstoffe in angelsächsischen Ländern, Wirkung gegen bakterielle Lungenentzündung, unsichere Wirksamkeit von Rekonvaleszentenserum. 
  12. Correctiv Faktencheck, "Nein, die Spanische Grippe wurde 1918 nicht durch Impfungen gegen andere Krankheiten hervorgerufen" – Einordnung durch WHO und ECDC.